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Das Doping muss langsam abgesetzt werden

Wansleben-Interview im "Wirtschaftskurier"

(05.03.2010) Vor einer zu raschen Verschärfung der Eigenkapitalregeln für Banken warnte Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), im Gespräch mit dem "Wirtschaftskurier".

DIHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Martin Wansleben Hier das Interview im Wortlaut:

"Wirtschaftskurier": Herr Dr. Wansleben, was spricht für eine Kreditklemme in der Bundesrepublik?

Martin Wansleben: Es gibt derzeit in Deutschland keine flächendeckende Kreditklemme, aber zahlreiche Unternehmen, die Probleme haben, von den Banken Kredite zu bekommen – Tendenz steigend. Der Hauptgrund: Unternehmen befinden sich in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation, die Zahlungseingänge der Kunden lassen oft auf sich warten, während die Kosten weiterlaufen. Und immer mehr Unternehmen haben Schwierigkeiten, Aufträge vorzufinanzieren.

Das bereitet uns große Sorge mit Blick auf die sich abzeichnende wirtschaftliche Erholung. Denn wenn es nicht gelingt, diese Liquiditätslücke mit Bankkrediten zu überbrücken, ist der so dringend ersehnte wirtschaftliche Aufschwung in Gefahr.

"Wirtschaftskurier": Da die Unternehmen teils mit erheblichen Schwierigkeiten kämpfen, schlägt sich dies auch in ihrer Bonität nieder. Ist es da nicht geradezu notwendig, dass die Banken strengere Maßstäbe anlegen?

Wansleben: Selbstverständlich hat sich die Bonität bei vielen Unternehmen verschlechtert. Die Folge: Banken fordern höhere Kreditsicherheiten. Aber auch an den Sicherheiten ist die Krise nicht spurlos vorbeigegangen. Die Werte von Maschinen, Gebäuden oder sonstigen Anlagen sind konjunkturabhängig. Sie haben in der Krise deshalb an Wert verloren. Es gibt also eine Art Scherenentwicklung: Einerseits fordern die Banken höhere Sicherheiten, andererseits sind diese krisenbedingt dahingeschmolzen.

"Wirtschaftskurier": Aber solche Probleme hat es immer schon gegeben, schließlich haben wir bereits viele konjunkturelle Abschwünge und auch Rezessionen in der Bundesrepublik erlebt.

Wansleben: Richtig, aber noch nie wurden die Finanzmärkte in diesem Ausmaß und weltweit gleichermaßen heimgesucht. Und deshalb kommen wir heute mit den Vorgehensweisen von gestern nicht weiter. Jetzt darf nicht gebremst werden; denn wenn es nicht gelingt, die Chance zu ergreifen und den sich andeutenden Aufschwung zu beflügeln, dann besteht die Gefahr, dass wir in die Rezession zurückfallen – mit allen negativen Konsequenzen für den Arbeitsmarkt, die Binnenkonjunktur und damit für die gesamte Volkswirtschaft, auch für die Banken.

"Wirtschaftskurier": Und die Banken sind die Bremser?

Wansleben: Damit keine Missverständnisse entstehen – die Vorsicht der Banken ist nachvollziehbar: Auch sie erleben die schlimmste Krise seit Kriegsende. Sie haben hohe Abschreibungen und Wertberichtigungen zu verkraften. Das schwächt das Eigenkapital – mit Folgen für die Kreditvergabe. Die Banken waren natürlich strukturell und institutionell nicht auf eine solche Krise – die man nicht mit alten Mitteln überwinden wird – vorbereitet.

"Wirtschaftskurier": Was muss sich denn im Handeln der Banken ändern, damit der gegenwärtige Liquiditätsengpass der Realwirtschaft überwunden werden kann und der Aufschwung nicht im Keim erstickt wird?

Wansleben: Die Rating-Verfahren, die die Banken traditionell anwenden, um die Bonität des Kunden zu ermitteln, sind auf normale Zeiten ausgerichtet – nicht auf wirtschaftliche Extremlagen. Heute besteht – trotz aller Schwierigkeiten – die Aussicht, dass die wirtschaftliche Situation 2010 / 2011 wesentlich besser verlaufen kann, als wir das noch vor Kurzem erwarten durften.

Doch dieser Swing muss rasch erkannt werden, damit wir die Chancen des Aufschwungs nicht vergeben. Schwerlich aber bewältigen die Banken diesen Swing mit den gebräuchlichen Rating-Verfahren; da dominieren die schlechten Zahlen der Unternehmen von 2009 und die greifbare bessere Situation 2010 / 2011 geht nicht angemessen in die Bewertung ein. Die Bonität der Unternehmen hängt jetzt viel stärker von den Zukunftsperspektiven ab als von den schlechten Zahlen der Vergangenheit. Dass dies erkannt wird, dafür werben wir.

"Wirtschaftskurier": Dann steht aber immer noch das Eigenkapital der Banken im Raum, das oft zu schmal ist und der gewünschten Kreditausweitung entgegensteht. Sollten die Eigenkapitalbestimmungen aufgeweicht werden?

Wansleben: Wir warnen entschieden vor einer zu frühen Umsetzung der avisierten höheren Eigenkapitalbestimmungen. Hätten sich auch die Amerikaner den scharfen Basel-II-Bestimmungen früher unterworfen, wäre es kaum zu der Finanzkrise gekommen. Daher brauchen wir dringend internationale Regulierungen. So betrachtet waren die Aktivitäten der G-20-Staaten ein Geschenk der Krise.

"Wirtschaftskurier": Die Tendenz geht aber dahin, dass die Regulierungen weiter verschärft werden. Führt das zu neuen Problemen?

Wansleben: Eine engmaschigere Regulierung bedeutet auch, dass die Banken weniger Kredite vergeben können. Entscheidend ist aber der Übergang. Bildlich ausgedrückt stehen wir jetzt vor folgendem Problem: Wir sind ein – mit billigem Geld – hochgedopter Sportler.

Wir sind auch künftig darauf angewiesen, die gleiche sportliche Leistung zu erbringen. Wir wissen zwar, dass wir die Leistung auch ohne Doping schaffen können – aber eben nicht über Nacht. Der Übergang stellt jetzt das Problem dar.

"Wirtschaftskurier": Wie sollte der Übergang gestaltet werden?

Wansleben: Wir benötigen in der Perspektive eine klare Regulierung. Alle in den Finanzmärkten Tätigen – Finanzwirtschaft, aber auch die Realwirtschaft – müssen wissen, was auf sie zukommt. Aber wir dürfen nicht nur darüber nachdenken, was geschehen muss, damit die Banken mehr Kredite geben können, sondern wie die Unternehmen der Realwirtschaft selbst in Zukunft mehr Eigenkapital bekommen.

"Wirtschaftskurier": In diesem Zusammenhang wird aber auch die Wiederbelebung von Kreditverbriefungen diskutiert, ein in der Öffentlichkeit umstrittenes Mittel.

Wansleben: Wir sind – wie übrigens auch die Banken – der Auffassung, dass der Verbriefungsmarkt wieder in Gang kommen muss. Sicherlich ist dieser Markt durch die verbrieften amerikanischen Immobilienkredite schlechter Qualität in Verruf gekommen. Aber am Verbriefungsmarkt führt in der heutigen Zeit des hohen Darlehns- oder Kreditbedarfs kein Weg vorbei. Für die Banken hat der Verbriefungsmarkt heute den Stellenwert, wie die Rückversicherung für die Versicherer.

"Wirtschaftskurier": Aber es wird gefordert, den Verbriefungsmarkt mit staatlicher Hilfe wieder in Gang zu bringen. Noch mehr Staat in der Finanzwirtschaft, ist das wirklich gewollt?

Wansleben: Das ist in der Tat ein Problem. Aber es kann auch nur darum gehen, dass wieder ein Verbriefungsmarkt zustande kommt. Klar ist, dass das Haftungsvolumen des Staates begrenzt sein muss, er darf nie zu 100 Prozent einsteigen. Ebenfalls muss das Engagement zeitlich begrenzt sein. Schließlich ist zu gewährleisten, dass es Regeln am Verbriefungsmarkt gibt, die jedem Marktteilnehmer Vertrauen in den Markt geben kann. Daher die vorübergehende Einbindung des Staates.

"Wirtschaftskurier"  vom 5. März 2010,
www.wirtschaftskurier.de

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