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"Wir stecken mittendrin in einem Bewusstseinswandel"Sofie Geisel vom DIHK-Netzwerkbüro Erfolgsfaktor Familie in der "Stuttgarter Zeitung"(23.06.2010) Mehr Familienfreundlichkeit lohnt sich auch für Arbeitgeber. In einem Gespräch mit der "Stuttgarter Zeitung" erläutert Sofie Geisel, Projektleiterin des Netzwerkbüros "Erfolgsfaktor Familie" beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK), die Gründe.
"Stuttgarter Zeitung": Frau Geisel, warum sollten sich Arbeitgeber in Deutschland für ein funktionierendes Familienleben ihrer Mitarbeiter interessieren? Sofie Geisel: Weil vor allem gut ausgebildete Männer und Frauen zunehmend Wert darauf legen, Beruf und Familie zu vereinbaren und sich danach ihre Arbeitgeber aussuchen. 90 Prozent der Fachkräfte zwischen 25 und 40 mit Kindern sagen, dass das für sie genauso wichtig ist wie die Gehaltshöhe. Wir steuern in Deutschland infolge des demografischen Wandels auf einen eklatanten Fachkräftemangel zu. Schätzungen gehen davon aus, dass mittelfristig bis zu 5,5 Millionen Nachwuchskräfte fehlen. Vielerorts ist das schon spürbar, und deshalb investieren Unternehmen zunehmend in ihre Attraktivität als Arbeitgeber. Familienfreundlichkeit ist ein zentrales Handlungsfeld. "Stuttgarter Zeitung": Familienfreundlich – der Begriff geht leicht über die Lippen. Wie aber kann man sich das Prädikat verdienen? Geisel: Zunächst einmal geht es um eine kulturelle Frage. Darf das Thema Familie beziehungsweise Familienpflichten im Unternehmen vorkommen oder nicht? Daraus folgt eine Flexibilität des Unternehmens, die sich zum Beispiel in Arbeitszeitmodellen ausdrückt: Pausenregelungen, Gleitzeitregelungen, Arbeitszeitkonten, die auch für familiäre Belange genutzt werden können, aber auch die Möglichkeit, von zu Hause aus arbeiten zu können. Oft geht es auch um eine betrieblich unterstützte Kinderbetreuung, also etwa die Beteiligungen an Ferienprogrammen oder einen Kinderbetreuungszuschuss. Zentral ist auch die Frage, wie der Wiedereinstieg nach der Elternzeit gestaltet wird. Da gibt es eine sehr große Bandbreite, die man umsetzen kann. "Stuttgarter Zeitung": Gibt es einen messbaren Profit für Unternehmen, die sich besonders für das Wohl ihrer Mitarbeiter engagieren? Geisel: Wenn Sie Arbeitgeber fragen, wie viel Geld sie in die Hand nehmen müssen, um eine Ärztin, einen Ingenieur oder einen qualifizierten Facharbeiter anzuwerben und einzuarbeiten, dann sind die Kosten zum Beispiel für eine betrieblich unterstützte Kinderbetreuung oder andere familienbewusste Maßnahmen meist verschwindend. Umgekehrt sagen mir Arbeitgeber immer öfter, dass das Thema Familienfreundlichkeit den Ausschlag gibt, dass sich gute Bewerber für sie entscheiden. Es gibt einige Untersuchungen, die rechnen beispielhaft vor, dass Investitionen in Familienfreundlichkeit eine Rendite von bis zu 25 Prozent bringen können. "Stuttgarter Zeitung": Die Logik hat sich bei weitem noch nicht überall durchgesetzt. Warum nicht? Geisel: Dafür braucht es einen Bewusstseinswandel, und in dem stecken wir mittendrin. Branchen, in denen der Frauenanteil höher ist wie zum Beispiel Banken, sind da oft schon weiter. Andere Branchen fangen erst an. Zu tun ist überall noch etwas. Insbesondere Führungskräfte müssen mehr sensibilisiert werden; auch Kollegen, die nachvollziehbar nicht immer Verständnis haben, dass Leute mit Familie für eine gewisse Zeit mal eine Extrawurst braten dürfen. "Stuttgarter Zeitung": Der Familienbegriff beschränkt sich doch nicht auf die Existenz kleiner Kinder? Geisel: In einer individualisierten und alternden Gesellschaft sicher nicht. Familie, das sind grundsätzlich Angehörige, für die man Verantwortung übernimmt. Das können auch die pflegebedürftigen Eltern oder der Lebenspartner sein, der an Krebs erkrankt. "Stuttgarter Zeitung": Sind die kleinen Unternehmen im Vergleich zu den großen tendenziell hinten dran mit ihrem Engagement? Geisel: Nicht generell. Natürlich sind manche Großunternehmen echte Vorreiter. Aber bei den kleinen Unternehmen ist es sehr häufig so, dass sie sehr flexibel sind und eine wirklich gute Kultur haben, das aber nicht an die große Glocke hängen. Wenn in einem mittelständischen Unternehmen der Geschäftsführer gleichzeitig auch noch für alle Personalfragen zuständig ist, hat er oft nicht mehr die Zeit, das auch noch nach außen hin zu kommunizieren. Bei großen Unternehmen kann das bisweilen genau umgekehrt sein. "Stuttgarter Zeitung": Aber jedes falsche Versprechen an die Mitarbeiter fliegt doch unweigerlich auf. Was passiert dann? Geisel: Die größten Schäden haben die Unternehmen, wenn sie sich nach außen als familienfreundlich verkaufen und dann Defizite öffentlich werden, also ein Vater an die Presse geht, weil ihm bedeutet wurde, dass Elternzeit das Karriereende bedeutet. Wenn das öffentlich wird, ist das natürlich ein echter Schaden. "Stuttgarter Zeitung" vom 23. Juni 2010, |
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