Kitas: "Mit Phantasie und Kreativität zum Erfolg"
Achim Dercks plädiert für bessere Kinderbetreuung
(20.02.2012) Mehr Ganztagsplätze und längere Öffnungszeiten für Kitas hat Achim Dercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), in einem Interview mit der Online-Plattform der ZDF-Nachrichtensendung "heute" gefordert.
Hier das Gespräch mit heute.de im Wortlaut:
heute.de: In Ostdeutschland besuchen drei Viertel der Kinder eine Ganztagseinrichtung, im Westen nur rund 20 Prozent. Was läuft im Westen schief?
Dercks: Es gibt in Ostdeutschland eine ganz andere Tradition der Kinderbetreuung außer Haus, auch schon bei jüngeren Kindern. Aber Westdeutschland holt seit ein paar Jahren schnell auf. Und Engpässe gibt es auch noch im Osten. Da bleibt in Deutschland viel zu tun in den kommenden Jahren.
heute.de: Wie sehen die Engpässe aus?
Dercks: Wir haben das Problem, dass die beruflichen Wünsche der Eltern oft nicht kongruent sind mit den Angeboten der Kinderbetreuung. Von daher hat der DIHK das Ziel der Politik, den Ausbau der Betreuungsquote auf 35 Prozent bis 2013 voranzutreiben, sehr unterstützt.
Leider sind wir vom Erreichen des Ziels noch weit entfernt. Das ist zwar durchaus unterschiedlich in den Regionen. Insgesamt haben wir die Befürchtung, dass Mitte 2013 noch 100.000 bis 150.000 Plätze fehlen werden, um die 35 Prozent zu erreichen.
heute.de: Selbst Ganztagsangebote enden in der Regel schon nachmittags. Ist das noch zeitgemäß?
Dercks: Die Öffnungszeiten sind tatsächlich ein großes Problem. Das gilt im Übrigen für die Kitas genauso wie für die Nachmittagsbetreuung in den Grundschulen, denn der Betreuungsbedarf hört ja nicht mit dem sechsten Lebensjahr auf. Dass nach 17 Uhr nur ganz wenige Kitas und Schulen geöffnet haben, entspricht nicht der Lebensrealität der Menschen und der Arbeitswelt.
heute.de: Was müsste sich denn in punkto Öffnungszeiten ändern?
Dercks: Wir brauchen Angebote in den Randzeiten. Auf jeden Fall müssen wir sehen, dass es Frühöffnungszeiten gibt, aber auch Öffnungszeiten, die deutlich über 17 Uhr hinausgehen. Das heißt ja nicht, dass die Kinder länger in den Einrichtungen sind, sondern es heißt nur, dass sie vielleicht später kommen und später abgeholt werden.
Die Kommunen müssten den Bedarf der Eltern stärker abfragen. Die Kitas sollten sich auch für Kooperationen mit Unternehmen öffnen, beispielsweise Belegplätze oder Absprachen beim Thema Ferienbetreuung. Denn wenn Kitas in den Ferien schließen, ist das eine riesige Herausforderung für die Eltern.
Einrichtungen wie 24-Stunden-Kitas bleiben dabei aber sicher die Ausnahme. In besonderen Konstellationen, an Wochenenden oder nachts, bleiben sicher Tagesmütter eine realistische Lösung.
heute.de: Wenn's beim Staat hängt – was tut die Arbeitgeberseite denn selbst, um die Lage zu verbessern?
Dercks: In der Tat sind beide Seiten gefordert. Das Wichtigste sind flexible Arbeitszeitmodelle, feste Arbeitszeiten gibt es immer weniger. Hier ist auch bei den Unternehmen Kreativität gefragt.
Betriebe sind dabei durchaus in der Lage in Notsituationen zu helfen, zum Beispiel durch ein Eltern-Kind-Zimmer, falls die Kita überraschend schließen muss. Sie können auch mit Betreuungszuschüssen ihre Mitarbeiter unterstützen. Aber die Grundlast der Betreuung muss von den Profis in Kitas und Schulen übernommen werden.
Wir erleben, dass gerade wegen des Fachkräftemangels zunehmend Angebote gemacht werden, das sind längst keine Einzelbeispiele mehr. Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern, liegt da also im Trend. Denn neben dem Gehalt ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei jungen Erwachsenen mittlerweile der zweite zentrale Punkt bei der Entscheidung für eine Firma.
heute.de: Wer soll denn die Betreuung leisten – es gibt doch kaum ErzieherInnen?
Dercks: Zum einen werden wir nicht darum herumkommen, mehr ErzieherInnen auszubilden. Natürlich wird die Frage sein, wie sieht eine marktgerechte Zahlung aus, das kann ich aber nicht bewerten. Aber es geht oftmals noch mehr um die Wertschätzung dieser Arbeit.
Außerdem sollten wir kurzfristig auch an Ausnahmen denken, was die Einstellungsvoraussetzungen angeht. Da können die Träger auch noch kreativer sein. Eltern, die eigene Kinder großgezogen haben, oder Menschen, die im Kita-Bereich schon ehrenamtlich tätig waren, könnten zumindest in einer Übergangszeit – zum Beispiel mit einer berufsbegleitenden Zusatzqualifikation – eingestellt werden.
heute.de: Welche Probleme ergeben sich denn für die Unternehmen, wenn die Kinderbetreuung nicht stimmt?
Dercks: Unternehmen können und wollen niemanden zwingen, mehr oder länger zu arbeiten. Aber es gibt ja ganz offensichtlich den Wunsch vieler Teilzeitkräfte, vor allem Frauen, ihre Arbeitszeit zu erhöhen. Wenn diese Wünsche nur scheitern, weil die Kinderbetreuung nicht stimmt, wird Fachkräftepotenzial verschenkt. Dann ist das ein Wachstumsverlust, der wiederum weniger Steuereinnahmen bedeutet und so weiter. Da spielen schon sehr direkte ökonomische Zusammenhänge eine Rolle.
heute.de: Wie sieht denn eine in ihren Augen perfekte Kita oder Grundschule aus?
Dercks: Die perfekte Kita wird den Bedürfnissen vor Ort gerecht. In sehr vielen Fällen bedeutet das längere Öffnungszeiten, keine Schließzeiten in den Ferien und eine Dienstleistungsorientierung insofern, als man flexible, auch kurzfristige Betreuungszeiten vereinbaren kann.
Natürlich muss es eine qualitativ hochwertige Betreuung sein, denn wenn sich die Eltern Sorgen machen, hilft das niemandem. Bei der Grundschule geht es vor allem um flächenmäßig gesicherte Nachmittagsbetreuung, ansonsten sind die Herausforderungen analog zu sehen zu den Kitas.
Um das alles zu erreichen, ist Kreativität gefragt. Das gilt für Unternehmen, die sich mit guten Ideen am Markt behaupten müssen – wer da schläft, verliert. Aber es gilt auch in der Kinderbetreuung: Mit Phantasie und Kreativität kommt man zum Erfolg.

