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Deutsche Außenwirtschaft in extremer Kostenklemme

DIHK beziffert Mehrbelastung für das erste Halbjahr auf 70 Milliarden Euro
Containerhafen Hamburg

Ware, die an deutschen Cargo-Terminals ankommt, ist noch viel teurer geworden als die, die den Hafen verlässt

© mf-guddyx / iStock / Getty Images Plus

Deutsche Exporte haben sich enorm verteuert, etwa doppelt so stark legten jedoch Erzeuger- und Importpreise zu. An die internationale Kundschaft lässt sich die Mehrbelastung – auch wegen Weltkonjunktur und Euro-Schwäche – nur schwer weitergeben. Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), analysiert die Lage.

Porträtfoto Volker Treier

Volker Treier

© DIHK / Paul Aidan Perry

"Die deutsche Außenwirtschaft befindet sich in einer extremen Kostenklemme, aus der sie sich auch in den nächsten Monaten nicht wird befreien können", prophezeit Treier unter Berufung auf aktuelle Berechnungen und Unternehmensbefragungen des DIHK.

Obwohl die Exportpreise im ersten Halbjahr 2022 um 14,7 Prozent gestiegen seien, hätten die zugrundeliegenden Kostensteigerungen nur zu einem Teil weitergegeben werden können, stellt der DIHK-Außenwirtschaftschef klar. Mehr als 40 Prozent der deutschen Exportwerte beruhten auf importierten Vorleistungen – sie seien, ebenso wie andere Kostenfaktoren, noch teurer geworden.

Von Preissteigerungen profitieren vor allem ausländische Lieferanten

Sowohl die Erzeugerpreise als auch die Importpreise hätten um rund 30 Prozent zugenommen, erinnert Treier. Die daraus resultierende Belastung für die deutsche Außenwirtschaft beziffert er allein für das erste Halbjahr 2022 auf 70 Milliarden Euro – nicht zuletzt, weil der mittlerweile äußerst schwache Euro-Außenwert die Importpreise merklich verteuert habe. "Ein enormer Betrag, der vornehmlich den ausländischen Lieferanten von Rohstoffen, Energieträgern und verarbeiteten Vorprodukten wie zum Beispiel Halbleitern zugutekommt."

Deutscher Außenhandel schon jetzt in rezessiver Phase

Auch die Import- und Exportentwicklung von Waren im ersten Halbjahr 2022 sei "nur auf den ersten Blick zufriedenstellend", so Treier weiter. "Nominal haben sich beide Werte um 26,2 Prozent beziehungsweise um 13 Prozent gegenüber dem Vorjahreshalbjahr gesteigert. Nach DIHK-Berechnungen ergeben sich in realer Betrachtung damit allerdings beiderseits negative Werte: Die Importe sind preisbereinigt um 2,5 Prozent und die Exporte um 1,5 Prozent gesunken." Damit befinde sich der deutsche Außenhandel bereits jetzt in einer rezessiven Phase.

"Ein Teil der vornehmlich importierten höheren Kosten bleibt bei den Unternehmen hängen", resümiert Treier Ergebnisse aus der DIHK-Konjunkturumfrage Frühsommer 2022. "So ist nur 1 Prozent der Industrieunternehmen gar nicht von den Preissteigerungen betroffen. 57 Prozent der Betriebe hatten bereits Kostensteigerungen weitergewälzt. Weitere 30 Prozent beabsichtigten, den Kostendruck in höhere Absatzpreise zu überführen. 8 Prozent der Industrieunternehmen hatten demnach gar nicht geplant, Kostenerhöhungen weiterzugeben, oder sahen sich dazu aufgrund von langfristigen Verträgen oder fehlender Kundenakzeptanz überhaupt nicht in der Lage."

Gut jeder dritte Pharma-Betrieb kann keine Mehrkosten überwälzen

In besonders wichtigen Exportbranchen befinden sich nach Angaben des DIHK-Außenwirtschaftschefs sogar noch mehr Unternehmen in der Kostenklemme: So geben 17 Prozent der Kraftfahrzeugbauer an, Kostensteigerungen nicht weiterzugeben, in der Pharmazeutischen Industrie sind es sogar 35 Prozent.

"Aktuell gibt es keine Anzeichen dafür, dass sich die angespannte Situation schnell lösen wird", bedauert Treier. "Im Gegenteil: Der Kostendruck bleibt hoch, im Juli waren die Erzeugerpreise im Schnitt 37,2 Prozent teurer als im Vorjahresmonat. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts ein Rekordwert." Ein Ende der inländischen, aber auch der weltmarktbezogenen inflationären Phase sei "nicht in Sicht".

Wichtige Absatzmärkte schwächeln

Zugleich gerieten die international ausgerichteten deutschen Unternehmen "aufgrund einer nachlassenden Konjunktur in wichtigen Absatzmärkten auch bei der Nachfrage unter Druck", fährt der DIHK-Außenwirtschaftschef unter Verweis auf den AHK World Business Outlook Frühjahr 2022 fort.

Demnach gingen 46 Prozent der in China aktiven deutschen Unternehmen davon aus, dass sich die Wirtschaftsleistung vor Ort in den kommenden zwölf Monaten abschwäche, lediglich 13 Prozent erwarteten eine Verbesserung. In den USA rechneten zwar noch 42 Prozent der Unternehmen mit einer stärkeren Wirtschaftsentwicklung und nur 16 Prozent mit einer Abkühlung der Konjunktur. Die Stimmung habe sich aber auch dort im Vergleich zu 2021 eingetrübt, so Treier.

2022 gerade noch Stagnation der realen Exporte möglich

"Dies ist keine gute Aussicht für die deutsche Exportwirtschaft, die insgesamt 8,9 Prozent ihrer Ausfuhren in die USA und 7,5 Prozent ihrer Ausfuhren nach China liefert", gibt er zu bedenken. "Im Jahr 2022 könnte es nach Einschätzung des DIHK aufgrund des schwachen Euro-Außenwertes und des noch hohen Auftragsbestandes in der Industrie, der bei Entschärfung der Lieferkettenprobleme abgebaut werden kann, gerade noch für eine Stagnation der realen Exporte auf dem Niveau des Vorjahres reichen."

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Carolin Herweg Referatsleiterin Internationale Konjunktur und Unternehmensbefragungen

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