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Grünstrombeschaffung für Unternehmen: Welche Optionen gibt es?

DIHK-Bereichsleiter Sebastian Bolay im Interview auf www.em-power.eu
Kraftwerke Strommasten Windrad

Was bedeutet der Umstieg auf Erneuerbare für die Unternehmen?

© acilo / E+ / Getty Images

Will Deutschland mittelfristig klimaneutral werden, müssen auch Unternehmen vermehrt auf Strom aus erneuerbaren Energien setzen. Auf was sie dabei achten sollten, erläutert Sebastian Bolay, Bereichsleiter Energie, Umwelt, Industrie des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK).

Im Gespräch mit den Veranstaltern der internationalen Fachmesse "EM-Power Europe", die vom 11. bis zum 13. Mai in München stattfindet, beleuchtet der DIHK-Bereichsleiter die wachsende Notwendigkeit, sich auf "Grünstrom" umzustellen, und die Beschaffungswege, die Betrieben offenstehen.

Hier das Experteninterview im Wortlaut:

Herr Bolay, warum müssen Unternehmen sich mit Grünstrombeschaffung beschäftigen?

Mittlerweile haben sowohl die EU als auch die Bundesregierung Klimaneutralitätsziele für 2050 beziehungsweise 2045 verabschiedet. Dies bedeutet nicht, dass gar kein CO2 mehr ausgestoßen werden darf. Die Menge ist im Vergleich zu heute aber mit weniger als einem Zehntel nur noch gering. Daraus folgt, dass die allermeisten Unternehmen ebenfalls klimaneutral sein müssen. Wie wir aus dem IHK-Energiewende-Barometer wissen, hat sich bereits die Hälfte der Betriebe in Deutschland eigene Klimaneutralitätsziele gesetzt.

Die Ziele sind aber nur erreichbar, wenn der beschaffte Strom aus erneuerbaren Energien stammt. Die Beschaffung von Grünstrom am Markt ist schon lange gängige Praxis und damit der einfachste Schritt auf diesem Weg.

Welche Beschaffungsoptionen gibt es grundsätzlich für Unternehmen, die ihren CO2-Fußabdruck verringern wollen?

Die ersten Gedanken sollten immer dem eigenen Betriebsgelände gelten: Welche Möglichkeiten habe ich dort als Unternehmen? Kann ich zum Beispiel meine Dächer mit Photovoltaik belegen? Die Eigenversorgung mit grünem Strom ist auch ökonomisch meist eine sinnvolle Maßnahme. Allerdings werden die wenigsten Unternehmen in der Lage sein, sich vollständig selbst auf ihrem Betriebsgelände zu versorgen.

Der grüne Fremdstrombezug über sogenannte Herkunftsnachweise ist deshalb ebenfalls ein zentrales Thema. Herkunftsnachweise garantieren, dass es sich um Ökostrom handelt. Sie können sowohl zusätzlich zur Strombeschaffung erworben oder direkt mit bestehenden Lieferverträgen verknüpft werden.

Neu ist, dass es jetzt immer mehr deutsche Herkunftsnachweise gibt, weil ältere Anlagen nach 20 Jahren aus der EEG-Förderung fallen. Außerdem werden auch einige neue Anlagen, vor allem PV-Freiflächenanlagen, ohne Förderung gebaut. Dadurch können Unternehmen nun, gegebenenfalls über einen Dienstleister, direkte Lieferbeziehungen mit bestimmten Anlagen ("Power Purchase Agreements – PPA") eingehen. Das eröffnet auch die neue Möglichkeit, regionalen Grünstrom zu beziehen. Denn geförderte Anlagen erhalten bisher in Deutschland keine Herkunftsnachweise.

Welche Faktoren sollten Unternehmen bei der Wahl einer Beschaffungsoption berücksichtigen? Für welche Unternehmen machen Green PPAs Sinn?

Die Wahl der Beschaffungsoption hängt im Wesentlichen von der Unternehmensgröße und dem eigenen Strombedarf ab. Wenn man schaut, wer bisher PPAs abgeschlossen hat, dann sind das die großen Namen der deutschen Wirtschaft. Das ist auch verständlich, da es sich um komplexe Vertragsbeziehungen handelt, die entsprechendes Know-how in den Betrieben voraussetzen. Hinzu kommen gewisse Transaktionskosten. Für einen Mittelständler können so schnell fünfstellige Summen zusammenkommen.

Daher arbeiten wir in der Marktoffensive Erneuerbare Energien gemeinsam mit der Dena und den Klimaschutz-Unternehmen gerade daran, diese Transaktionskosten zu senken. Als erste Hilfen haben wir bereits einen Leitfaden zur Finanzierung solcher PPA-Projekte veröffentlicht und publizieren in Kürze einen Leitfaden zur Vertragsgestaltung. Zudem planen wir auch PPA-Sprechstunden einzurichten.

Für die Masse der deutschen Unternehmen sind PPAs derzeit aber noch keine Option. Sie sollten daher mit ihrem bisherigen oder einem neuen Versorger über die Einbindung von Herkunftsnachweisen in ihre Strombeschaffung sprechen. Herkunftsnachweise wurden in der Vergangenheit teilweise als Greenwashing diskreditiert. Das sind sie aus unserer Sicht nicht. Schließlich ist EU-weit festgelegt, dass jeder Nachweis nur einmal zum Einsatz kommen darf.

Gibt es "guten" oder "schlechten" Grünstrom? Was sind jeweils die wichtigsten Vor- und Nachteile der verschiedenen Optionen?

Aus Sicht des betrieblichen Klimaschutzziels ist es erstmal egal, welchen Ökostrom ein Unternehmen bezieht. Dennoch gibt es qualitative Unterschiede. Die beiden Pole lassen sich wie folgt beschreiben: Auf der einen Seite stehen alte norwegische Wasserkraftwerke, deren Zertifikate unabhängig vom Zeitpunkt der Stromerzeugung und des Stromverbrauchs bezogen werden. Auf der anderen Seite haben wir neue Photovoltaik- oder Windanlagen in regionaler Nähe zum Stromverbraucher und damit eine Gleichzeitigkeit zwischen Stromerzeugung und -verbrauch. Das ist dann der Goldstandard. Zwischen diesen beiden Polen gibt es verschiedene Zwischenschritte. Unternehmen müssen für ihren Einzelfall entscheiden, welche Grünstromkriterien für sie wichtig sind und danach beschaffen.

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Porträtbild Dr. Sebastian Bolay, Referatsleiter Energiepolitik | Strommarkt | erneuerbare Energien
Dr. Sebastian Bolay Bereichsleiter Energie, Umwelt, Industrie

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Porträtbild Petra Blum, Pressesprecherin
Petra Blum Pressesprecherin
Solar und Windkraft

Webinare zu Grüner Energie

Über PPAs und ihre Potenziale für Betriebe informieren auch die Partner der Marktoffensive Erneuerbare Energien in verschiedenen Veranstaltungen. Eine Übersicht der Termine finden Sie hier.