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Nord Stream 1: Kein Grund zur Entspannung

Beim DIHK hält man die Gaskrise noch lange nicht für ausgestanden
Mann dreht an einem roten Gasventil einer Überlandleitung

Ob und wie stark Russland den Gashahn weiter zudrehen wird, ist unklar

© Olga Rolenko / Moment / Getty Images

Nach Abschluss der Wartungsarbeiten an der Pipeline Nord Stream 1 fließt zwar wieder Erdgas von Russland nach Deutschland, aber die Zukunft der Lieferungen ist ungewiss. DIHK-Präsident Peter Adrian sieht Deutschland nicht gut auf eine Situation vorbereitet, in der russisches Gas komplett ausfällt.

DIHK-Präsident Peter Adrian

Peter Adrian

© DIHK / Werner Schuering

"Wer kann das schon wissen?", sagte Adrian dem "Handelsblatt" auf die Frage, ob er mit einer Wiederaufnahme der russischen Gaslieferungen rechne.

Auch wenn wieder Gas über Nord Stream 1 komme, sei das "kein Grund zur Entspannung", betonte der DIHK-Präsident. "Egal, wann ein Lieferstopp käme, die Folgen wären fatal." Schließlich würden die schon jetzt dramatischen Energiepreise in einem solchen Fall noch weiter steigen.

"Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren und müssen Notfallpläne entwickeln", mahnte er. Mit Blick auf die Abhängigkeit von russischem Gas seien Politik, Wirtschaft und Gesellschaft "absolut blauäugig gewesen".

Adrian warnte insbesondere davor, dass die Betriebe Produktionen ins Ausland verlagern könnten. Aber er stellte auch klar: "Krise hat immer auch etwas mit Chance zu tun – und so schlimm die aktuelle Situation auch ist, so hilft sie doch vielleicht, uns wachzurütteln. Die Politik muss jetzt überflüssige Luxusbürokratie abschaffen und sich auf ihre Kernaufgaben konzentrieren, und wir Unternehmer müssen neu überlegen, wie wir die Situation meistern können."

Wansleben: Möglichst schnell auf Öl umschalten

Porträtfoto Martin Wansleben

Martin Wansleben

© DIHK / Paul Aidan Perry

"Die Preiskrise bleibt, die Unsicherheit bleibt, und das Gas, das wir haben, ist zu wenig": So beschrieb DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben im Interview mit dem ZDF die Lage in der Gaskrise.

Eine Priorisierung innerhalb der Industrie wollte er für das Szenario einer Mangel-Lage nicht vornehmen. Die technologische Betroffenheit sei das eine – "es gibt Produktionsprozesse, wenn man die abschaltet, dann sind die kaputt" –, aber viele Produktionsprozesse seien auch für die ganze Volkswirtschaft wichtig, etwa Chemikalien als Grundstoffe für Klebstoffe, Medikamente, Baumaterial et cetera.

Wansleben: "Darum sagen wir: Wir sparen alle so viel, dass am Ende jeder genug bekommt, um den Produktionsprozess aufrecht zu erhalten und die Wohnung zu heizen." Sein eindringlicher Appell an die Politik: "Wir müssen so schnell wie möglich und so reibungslos wie möglich den Prozess in Gang setzen, dass wir umschalten – da, wo das geht – von Gas auf Öl, und natürlich auch das Auktionsmodell einführen."

Mittelfristig müsse alles getan werden, um die Lücke in der Energieversorgung zu füllen, dafür würden Windkraft und Solar letztendlich nicht ausreichen. "Das Zauberwort heißt Wasserstoff", betonte Wansleben.

Dercks: Grüner Wasserstoff vorerst keine Alternative

Porträtbild Dr. Achim Dercks, stellvertretender DIHK-Hauptgeschäftsführer

Achim Dercks

© DIHK / Paul Aidan Perry

Auch der stellvertretende DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks sagte im Deutschlandfunk, dass kurzfristig kaum Alternativen verfügbar seien: "Am liebsten würden die allermeisten Unternehmen natürlich von heute auf morgen auf grünen Wasserstoff umsteigen", so Dercks. "Doch erstens geht das nicht so schnell, und zweitens gibt es grünen Wasserstoff noch gar nicht in auch nur annähernd ausreichender Menge."

Deshalb gelte: "Sparen ist das effektivste Mittel, mit dem wir alle einen Beitrag leisten können." Nun müssten alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, um die Gasverbräuche zu senken – durch Umstieg auf Kohle bei der Stromerzeugung, durch Umstieg auf Öl bei der Wärmeerzeugung in den Betrieben, durch Einsparmaßnahmen in privaten Haushalten und durch Anreize für Unternehmen, die Gasverbräuche gegen Kompensation zu senken. Dercks: "All diese Punkte, die vorher schon geplant waren, müssen jetzt ganz nachdrücklich vorangetrieben werden."

Er verwies zudem auf den riesigen Wettbewerbsnachteil, der deutschen Unternehmen dadurch entsteht, dass der Gaspreis hierzulande fast zehnmal so hoch ist wie in den USA. Die Auslandshandelskammern in den Vereinigten Staaten verzeichneten zunehmend Anfragen zur Gründung von Niederlassungen jenseits des Atlantiks, berichtete er.

Die Betriebe seien sehr kreativ, betonte Dercks. Sie versuchten alles, um ihre Existenz zu sichern – "denn darum geht es leider inzwischen in vielen Fällen".

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Porträtbild Dr. Sebastian Bolay, Referatsleiter Energiepolitik | Strommarkt | erneuerbare Energien
Dr. Sebastian Bolay Bereichsleiter Energie, Umwelt, Industrie

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Porträtfoto Frank Thewes
Frank Thewes Bereichsleiter Kommunikation