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Ausbildung im Homeoffice: "Als sei es schon immer so gewesen"

Ein Ehrenamtler berichtet, was unter Corona-Bedingungen funktioniert – und was nicht
Mann mit Bart und Harley-Davidson-Jacke sitzt auf einem Motorrad (Brustbild)

Joachim Boguschewski gibt Gas: Auch im Vorruhestand engagiert sich der passionierte Motorradfahrer für die duale Ausbildung

© Volker Wiciok

Er ist Ausbilder und Prüfer mit Herz und Seele: Im Rahmen der Initiative "Joblinge" engagiert sich Joachim Boguschewski, 63, als Mentor für schwer vermittelbare Jugendliche. Rund 20 Jahre lang bildete er bei der Bochum Gelsenkirchener Straßenbahnen AG (Bogestra) junge Menschen aus, und ebenso lange ist er auch als ehrenamtlicher Prüfer bei der IHK Mittleres Ruhrgebiet im Einsatz.

Seit zwei Jahren ist Boguschewski im Vorruhestand, doch seine Prüfer- und Mentoring-Aktivitäten führt er fort, und zu den Kolleginnen und Kollegen in seinem ehemaligen Betrieb hält er engen Kontakt. So kann er auch berichten, inwieweit die Corona-Pandemie dort die Ausbildung beeinträchtigt: "erstaunlich wenig". Zumindest im Regelbetrieb. Wo junge Menschen besonders viel Zuwendung benötigen, "bleibt derzeit jedoch einiges auf der Strecke".  

Herr Boguschewski, die Bogestra bildet laufend rund 130 Jugendliche in 17 Berufen aus –  wie funktioniert das unter Corona-Bedingungen?

Joachim Boguschewski: Überraschend gut. Die gewerblichen Azubis etwa in den Busbetrieben, Straßenbahnbetriebshöfen, in Lackiererei und Schreinerei können natürlich schlecht Homeoffice machen. Aber die Ausbildungswerkstätten sind weitläufig, das mit den Abstandsregeln klappt. Und ansonsten gilt eben Maske, wenn man sich zu nahe kommt, und es gibt Schnelltests. Corona-Fälle sind bislang keine bekannt geworden. Toi, toi, toi, Glück gehabt!

Und im Büro?

Boguschewski: Die Jugendlichen in der Verwaltung  machen zum überwiegenden Teil Homeoffice mit vereinzelten Präsenztagen. Wenn es ein schwieriger Azubi ist, dann versucht man, ihn mal öfter unter die Fittiche zu nehmen. Aber grundsätzlich gilt: Für die jungen Menschen ist das überhaupt kein Problem. Die kriegen ihre Aufgabenpakete, man trifft sich täglich mal für eine Stunde per Videokonferenz, da kann man die gut coachen ... Wir sind erstaunt, dass das gut funktioniert, obwohl es doch Neuland ist.

Und wie klappt es mit der Akquise?

Boguschewski: Die Bogestra hatte für das kommende Ausbildungsjahr 38 Lehrstellen ausgeschrieben – von der Fachkraft im Fahrbetrieb über den Elektroniker bis hin zum Mediengestalter –, die auch alle besetzt wurden. Das startete im Oktober/November mit den üblichen Plattformen, Facebook, Instagram, Intranet, Internet. Bewerbungen gab es reichlich – und dann kam das Neue: Früher haben wir immer vier bis fünf Kandidaten in Gruppen eingeladen, das hatte den Vorteil, dass man auch die Teamfähigkeit beurteilen konnte. Jetzt gab es Einzelgespräche mit den jeweiligen Bewerbern per Video. Das Überraschende: Die jungen Leute waren alle ganz prima angezogen – zumindest, was man sehen konnte (lacht). Das war eigentlich alles so, als sei es schon immer so gewesen.

Was man jetzt natürlich nicht weiß, wenn die im August zu uns kommen: Hat man online auch die Richtigen ausgesucht? Man hat die Kandidaten ja nicht live erlebt. Aber meine Nachfolgerin bei Bogestra kann sich sogar vorstellen, dass das so weiterlaufen kann, wenn es Corona nicht mehr gibt. Das war durchweg positiv, alle waren überrascht.

Also gar keine Hindernisse durch die Pandemie?

Boguschewski: Naja, was wegen Corona ausgefallen ist: Wir schreiben sehr früh aus, und weil dann bis zum Ausbildungsstart meist sechs bis sieben Monate liegen, in denen man sich nicht sieht, haben wir die Jugendlichen und auch die Eltern in den vergangenen Jahren immer zu "Kennlerntagen" eingeladen. Das ging jetzt nicht, aber ich hoffe, wenn wir durch sind mit dem Impfen, kann das vielleicht noch nachgeholt werden.

Und: Aktuell haben wir keine "Joblinge", also Jungs und Mädels mit schwierigen Startbedingungen, die wir gesondert fördern, und wir haben auch keine Schülerpraktikanten. Normalerweise bieten wir so um die 20 Praktika an, da werden wir eigentlich immer überrannt. Gerade geht das aber nicht.

Und wie läuft das normalerweise mit den Joblingen?

Boguschweski: Für das jeweilige Ausbildungsjahr bieten wir zwei bis drei Teilnehmern zwischen 15 und 25 Jahren die Möglichkeit, sich nach den Herbstferien bis Ostern praktisch für eine Ausbildungsstelle in ausgewählten Berufen (Fachkraft im Fahrbetrieb, Industriemechaniker, Maler und Lackierer ...) zu bewerben. Sie sind vier Tage pro Woche im Betrieb und können dabei unter Beweis stellen, dass sie engagiert und zuverlässig eine Ausbildungsstelle antreten möchten. Im normalen Bewerberprozess würden die allermeisten Jugendlichen aus dieser Gruppe leider durch den Rost fallen. Aber so können sie eventuell in eine Ausbildung übernommen werden – wir versuchen, das möglichst früh zu klären.

Das klingt aufwendig, warum macht ein Unternehmen das?

Boguschweski:  Ich habe immer so ein bisschen darauf gebaut, dass unter den Joblingen "schlafende Raketen" waren. Es gibt ja Jugendliche, die haben das eigentlich drauf, bei denen dann aber aus unterschiedlichen Gründen der Faden reißt. Ich war auch so einer. Aber wenn die dann mal eine Chance kriegen, wo sie ernst genommen werden und wo sie spüren, wenn ich jetzt Gas gebe, dann kann ich was erreichen, dann gehen die manchmal ab wie ein Zäpfchen. Dann können Sie erreichen, dass die pünktlich sind, dass die engagiert sind, dass sie vernünftige Umgangsformen haben, dass sie die Aufgaben auch lösen können.

Ich hatte sogar mal eine Bürokauffrau unter den Joblingen, die war schulisch gut drauf, aber zuhause hat es nicht so geklappt. Die hat dann einen Einser-Abschluss gemacht, wurde natürlich übernommen und fühlt sich superwohl.

Aber da ist jetzt Pause?

Boguschweski: Wir haben versucht, diese Joblinge-Geschichte online zu machen, aber das funktioniert nicht. Zuletzt hatte ich einen Kandidaten, der hat zuhause so in seiner Welt gelebt, da haben Sie ihn nicht rausgekriegt. Ich habe mit ihm dreimal einen Kennenlerntermin vereinbart den er jeweils eine Stunde vorher unter fadenscheinigen Gründen abgesagt hat. Wie wollen Sie jemanden, zu dem Sie nicht mal Kontakt aufnehmen können, in eine Ausbildung kriegen?

Das A und O in dieser Arbeit ist der Kontakt, dass man sich darauf einstellt, wie die Jugendlichen ticken. Dafür braucht man schon Präsenz, das funktioniert telefonisch nicht. Und dann gibt es auch viele Aktivitäten, die in der Pandemie nicht möglich sind. So hatten wir drei- bis viermal im Jahr Theateraufführungen auf dem Zechengelände Gelsenkirchen-Bismark, bei denen die Joblinge zeigen konnten, was in ihnen steckt. Das war immer toll.

Stichwort Spaß: Warum engagiert man sich auch im Vorruhestand noch so für die duale Ausbildung?

Boguschweski: Wie Sie schon sagen: Das macht einfach Spaß! Ich hoffe auch, dass sich der Kontakt mit meinen Ausbilderkollegen wieder verstärken wird, wenn das Corona-mäßig wieder geht. Wir sind da so ein Trupp von sechs, sieben Leuten, die sich regelmäßig treffen. Da ist schon eine enorme Verbundenheit, das sind ja alles ehemalige Azubis, die ich selber ausgebildet habe.

Und auch bei der Prüfertätigkeit hat man viel Kontakt auch zu anderen Kollegen, das ist eine tolle Sache, darum war ich auch sofort dabei, als es Schwierigkeiten gab, neue Prüfer zu finden. Diese Probleme sind aber auch erklärbar: Es gibt nach wie vor viele Menschen, die da gern mitmachen würden im Prüferwesen, aber das ist immer schwieriger unterzukriegen bei der wachsenden Arbeitsverdichtung. Und viele Unternehmen – die Bogestra zum Glück nicht – sind sehr zurückhaltend mit Freistellungen geworden. In einem Fall haben wir uns darauf geeinigt, dass wir samstags prüfen, damit eine Prüferin nicht ihren ganzen Urlaub für ihr Ehrenamt verballern muss.  

Kontakt

Mann steht vor Gemälde und hat die Arme verschränkt.
Thilo Kunze Referatsleiter Infocenter, Chefredakteur POSITION

#GemeinsamUnternehmen. Wir sind dabei!

Wie Joachim Boguschewski engagieren sich viele Tausende von Unternehmerinnen und Unternehmern, Prüferinnen und Prüfern für die duale Berufsausbildung in Deutschland. Fast alle tun dies ehrenamtlich.

Was diese Menschen selbst bewegt und was sie in der IHK-Organisation bewegen wollen, erzählen sie übrigens auch unter dem Motto "#GemeinsamUnternehmen", zum Beispiel hier: