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Praxis-Lernen ohne Gast: Die hessischen IHKs machten es möglich

600 Azubis simulierten in der Pandemie den Hotel- und Gaststättenbetrieb
Workshop für Azubis in Hotelküche

Workshops für den Nachwuchs gab es unter anderem im Sheraton-Hotel Offenbach

© Sheraton Offenbach Hotel

Wenn Hotels und Gaststätten wegen Corona nicht öffnen dürfen, können sich die Azubis nur schwer auf ihre praktischen Prüfungen vorbereiten. Ein vorbildliches Projekt aus Hessen löste das Problem: In dreiwöchigen Workshops übten die angehenden Köche, Restaurant- und Hotelfachleute im März und April alle relevanten Praxismodule ein.

Die Corona-Pandemie hat nicht nur den Ausbildungsmarkt schwer erschüttert, auch die Vermittlung von Lerninhalten wurde durch die Kontaktvermeidung erschwert. Viele Unternehmen und Berufsschulen konnten schnell auf E-Schooling umstellen und mittels Webinaren und Internet- Workshops einiges auffangen.

Doch was ist mit den Ausbildungsgängen, in denen gerade die praktische Kompetenz von immenser Bedeutung ist? In der Hotel- und Gaststättenbranche konnte im Ausbildungsjahr 2020/2021 wegen der Corona-Pandemie die nötige Berufspraxis vielerorts nicht mehr erlernt werden. Eine Riesenlücke nicht nur für die Azubis, die in diesem Frühjahr vor den Abschlussprüfungen standen, sondern auch für die Betriebe, die um den Fachkräftenachwuchs für die Zukunft bangen.

Lokale Idee wird zum landesweiten Projekt

Gäste empfangen und betreuen, den richtigen Wein zum Menü auswählen, auch mal improvisieren, wenn es nötig ist, – all dies gehört zum anspruchsvollen Hotel- und Gastronomiealltag. Und gerade in der versierten praktischen Ausführung ihres Jobs liegt die Stärke künftiger Fachkräfte der Branche.

Im Frühjahr 2021 standen in Hessen rund 1.000 Azubis vor den Abschlussprüfungen. Während bei den hessischen Industrie- und Handelskammern (IHKs) wegen des Lockdowns bereits ein Krisenmanagement anlief, machte sich auch in der Berufsschule im hessischen Obertshausen im Kreis Offenbach zunehmend Unruhe breit. Denn durch die weitreichenden Corona-Schließungen fehlte in den Hotels das für die Ausbildung entscheidende Puzzleteil: der Gast. "Viele für die Abschlussprüfungen relevanten Praxisteile konnten in den Hotels nicht mehr durchgeführt werden", berichtet Susanne Hausmann, Abteilungsleiterin für den Bereich Gastronomie der Berufsschule. Die Expertin war deshalb beunruhigt.

Auch ihre Schülerinnen und Schüler hätten sich zunehmend Sorgen gemacht, die Anforderungen der Prüfung nicht erfüllen zu können. "Die Azubis brauchten dringend Gelegenheiten, praxisnahe Situationen zu üben und in Rollenspielen zu erproben." Gemeinsam mit einer Kollegin konzipierte sie kleine ergänzende Workshops zur Vorbereitung auf die Abschlussprüfungen für Hotelfachleute, Restaurantfachleute, Köchinnen und Köche. "Dass daraus ein Projekt solcher Größenordnung werden würde, hätten wir nicht zu hoffen gewagt", sagt Hausmann rückblickend.

Mit ihrem Vorschlag rannten die Frauen bei ihrer lokalen IHK Offenbach offene Türen ein. Die erst noch kleine Idee bekam schnell ganz andere Dimensionen, denn alle zehn IHKs in Hessen schlossen sich an, die Dehoga Hessen kam als Branchenverband federführend ins Boot, das Land Hessen finanzierte das Vorhaben mit 930.000 Euro aus dem Sondervermögen "Hessens gute Zukunft sichern".

Rund 600 Azubis in Workshops

In 16 Hotels wurden ab Anfang März in dreiwöchigen Workshops alle relevanten Praxismodule geübt und Situationen aus dem Hotelbetrieb simuliert. Dafür wurden die Azubis von ihren Ausbildungsbetrieben bei Weiterzahlung der Gehälter freigestellt; Stoff, der in der Berufsschule verpasst wurde, musste nachgearbeitet werden. Insgesamt hätten rund 600 Azubis freiwillig an den Workshops teilgenommen, alle verfügbaren Plätze seien nachgefragt worden, erzählt Brigitte Scheuerle, Geschäftsführerin Aus- und Weiterbildung bei der IHK Frankfurt am Main für den Hessischen Industrie- und Handelskammertag.

Wir haben in sehr kurzer Zeit viele Kräfte bündeln können. Ich denke, das gemeinsame Angebot von Dehoga, Land und IHKs hat dazu beitragen, dass die jungen Menschen gut vorbereitet in die Prüfung gehen konnten.

Brigitte Scheuerle, IHK Frankfurt am Main

Dirk Wilhelm Schmidt hatte in den Monaten zuvor nicht allzu viel Leben in seinem Hotel Sheraton Offenbach und freute sich umso mehr darüber, auch einige Workshops in seinem Hause auszurichten. "Unsere Führungskräfte haben sich sofort als Dozenten engagiert und dies als große Bereicherung empfunden", so Schmidt. Der Hoteldirektor ist auch Vorstandsmitglied des Dehoga-Kreisverbands Offenbach, der die Initiative unterstützt hat.

Es war wichtig, die Qualität des Ausbildungsjahres mit diesem Praxisangebot zu sichern.

Dirk Wilhelm Schmidt, Hoteldirektor Sheraton Offenbach

Die Azubis hätten sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitgebracht, berichtet Schmidt. "Während die einen noch in laufenden Betrieben arbeiten konnten, waren andere schon seit Monaten in Kurzarbeit und von der Praxis weit entfernt." Die Dozenten hätten den Azubis nicht nur großes Engagement und Freude bei der Sache bescheinigt, sondern auch enorme Fortschritte in sehr kurzer Zeit. "Trotz der unklaren Perspektiven waren alle Azubis hochmotiviert, ihren Abschluss zu machen."

Mir hat der Workshop sehr viel geholfen. Vor allem, weil wir die praktischen Anwendungen nochmals intensiv üben konnten.

Teilnehmerin Meri Mulahmetovic, Absolventin einer Ausbildung im Kempinski Hotel Frankfurt Gravenbruch

Dieser Artikel erschien erstmals im IHK-Berufsbildungsmagazin "Position" III/2021. Über den Bezug können Sie sich unter www.ihk-position.de/magazin informieren.

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Mann steht vor Gemälde und hat die Arme verschränkt.
Thilo Kunze Referatsleiter Infocenter, Chefredakteur POSITION