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"Ich bin mit meinen Sorgen und Ängsten nicht allein"

Wie der Chef eines Elektronik-Unternehmens die Corona-Krise erlebt
Schild mit der Aufschrift "Wegen Corona geschlossen"

Wenn dieses Schild zu lange hängt, wird es für die Betriebe eng

© Danny Schoening / iStock / Getty Images Plus

Die Corona-Krise trifft die deutsche Wirtschaft ins Mark: Viele Firmen stemmen sich gegen den drohenden Untergang – mit dem Mut der Verzweiflung und dem Zweckoptimismus, der Unternehmertum ausmacht. Ein Beispiel aus dem Ruhrgebiet.

Ein Gespenst geht um in Deutschland: das Gespenst der Insolvenz durch Corona. Landauf, landab fürchten Unternehmen ihren Niedergang – obwohl sie vor der Pandemie kerngesund waren und über ein funktionierendes Geschäftsmodell verfügten. Denn die Krise kennt keine Gnade.

Nach 25 Erfolgsjahren war die Nachfolge schon geregelt

Siegfried Kramer (Name geändert) hat das am eigenen Leib erfahren. Nie hätte der 57-Jährige damit gerechnet, dass seiner Firma so schnell der Ruin drohen könnte. 25 Jahre lang hatte der studierte Betriebswirt seinen Handel für Elektronikbauteile im Ruhrgebiet aufgebaut. Der Erfolg seiner Mühen blieb nicht aus: Im letzten "normalen" Jahr vor Corona beschäftigte Kramers Betrieb 17 Mitarbeiter und erzielte mehr als 3 Millionen Euro Umsatz. Das Geschäft brummte, bis nach Bulgarien und Finnland ging die Ware. Sogar seine Nachfolge hatte Siegfried Kramer schon geregelt: Sohn David, der gerade sein Studium beendet hat, stand bereits in den Startlöchern.

Mit Corona kippten Aufträge, Lieferungen und die Finanzierung

Doch die Pandemie kannte kein Pardon. Innerhalb von wenigen Wochen brachen bei Kramer im Frühjahr 2020 die Aufträge weg – ein Rückgang um bis zu 75 Prozent. Kunden zahlten verzögert oder erst nach Mahnung. Die Zulieferer stellten ihre Lieferungen ein und beriefen sich auf Force Majeure (Höhere Gewalt). Die Hausbanken wiederum stellten ihre Forderungen fällig und gewährten keine Kredite zur Überbrückung mehr.

Zwei von drei Mitarbeitern in Kurzarbeit

Von den staatlichen Hilfen hat Kramer bislang wenig bis nichts gesehen: "Die Ministerialbürokratie aus Berlin hat keine Ahnung, was wir kleinen und mittelständischen Unternehmen eigentlich brauchen", erregt er sich: "Das Einzige, was uns wirklich geholfen hat, sind die Regelungen zur Kurzarbeit."

Zwei Drittel seiner Belegschaft hat Kramer in Kurzarbeit geschickt. Das verbleibende Team arbeitet abwechselnd im Büro und aus dem Homeoffice. Nach wie vor mangelt es an Bestellungen und damit an Arbeit. Mit einer Notbesetzung hält er den Betrieb halbwegs am Köcheln – immer in der Hoffnung, dass sich die Situation eher morgen als übermorgen zum Besseren ändern möge.

Austausch hilft, mit der Verantwortung umzugehen

Die Ungewissheit zerrt an den Nerven. "Am Anfang der Krise war ich wie gelähmt vor Angst um meinen Betrieb", erzählt Kramer, "nachts konnte ich kein Auge zutun. Meine Gedanken fuhren Karussel – immer im Kreis." Die Belastung, unter der Firmeninhaber angesichts einer existenzbedrohenden Krise wie Corona leiden, ist enorm: Denn es geht nicht nur um das eigene Wohl. Am Überleben des Betriebs hängt auch das Schicksal der Mitarbeiter und deren Familien. Eine riesige gefühlte Verantwortung.

"Erst als ich mit befreundeten Unternehmern aus meinem IHK-Netzwerk gesprochen und mich mit Ihnen ausgetauscht habe, habe ich gemerkt: Ich bin mit meinen Sorgen und Ängsten nicht allein", sagt Kramer, "das hat mir geholfen. Geteiltes Leid war in diesem Fall tatsächlich halbes Leid." Die Gespräche dienten auch zum Austausch unternehmerischer Best-Practice-Erfahrungen: Wie gehst Du mit diesem Problem um, was machst Du in jenem Fall?

Hoffnung, dass das Geschäft bald wieder läuft

Einige Unternehmerkollegen berichteten Kramer davon, dass sie zur Bewältigung ihrer psychischen Probleme professionelle Hilfe in Anspruch genommen hätten. "Bis Corona hätte ich geschworen: Ein tougher Unternehmer legt sich nicht auf die Couch", erzählt Kramer mit einer Mischung aus Verbitterung und Schmunzeln, "aber auch ich war im vergangenen Jahr so manches Mal der Verzweiflung nahe."

Mittlerweile hofft Kramer darauf, dass sich die Wirtschaft insgesamt erholt und es auch mit seinem Geschäft wieder aufwärts geht. Aber er ist Realist: "Dass im vergangenen Jahr die Zahl der Firmenpleiten historisch niedrig lag, wundert mich kein bisschen", sagt er: "Die Politik hat uns Unternehmern mit ihrer Gesetzgebung die Botschaft vermittelt: Egal, warum und wie lange es Euch schon schlecht geht – 2020 müsst Ihr keine Insolvenz anmelden."

Das werde sich spätestens im kommenden Jahr rächen, fürchtet Kramer und rechnet mit einem erheblichen Anstieg der Arbeitslosenzahlen von 2022 an.

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Mann steht vor Gemälde und hat die Arme verschränkt.
Thilo Kunze Referatsleiter Infocenter, Chefredakteur POSITION