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Schutzschirm für Warenkreditversicherer nützt der Working-Capital-Finanzierung

Noch offene Fragen zu klären – Plädoyer für europäischen Garantierahmen
Auf einem Tisch mit einem Rechner halten Frauenhände Quittungen und tippen auf Taschenrechner

Zuwenig Cash? Bei der Beschaffung liquider Mittel kann die Abtretung von Forderungen helfen

© fizkes/ iStock / Getty Images Plus

Die Bundesregierung spannt einen milliardenschweren Schutzschirm, um Lieferketten, Exporte und den Warenverkehr deutscher Unternehmen auch in der Corona-Krise aufrechtzuerhalten: Der Staat übernimmt im laufenden Jahr Garantien für Warenkreditversicherer von bis zu 30 Milliarden Euro. DIHK-Experte Christian Fahrholz erklärt, welche Chancen das für die Liquidität der Betriebe birgt, aber auch, wo die Fallstricke liegen.

Mit dem Schutzschirm, den auch die EU-Kommission bereits abgesegnet hat, setzt die Bundesregierung eine Forderung der IHK-Organisation um, wonach Unternehmen in der Corona-Pandemie nicht Gefahr laufen dürfen, auf unbezahlten Rechnungen ihrer in- und ausländischen Kunden sitzen zu bleiben, wenn diese der Krise zum Opfer fallen.

Diese Risiken federt die Bundesregierung nun mit der Staatsgarantie ab: Dank dieser Rückendeckung haben privatwirtschaftliche Versicherungsunternehmen keinen Anreiz, ihren Kunden die Deckungszusagen für Handelsforderungen zu kürzen. Und: Da die Garantie-Limits revolvierend, also nicht nur einmal, genutzt werden, lässt sich insgesamt ein erhebliches größeres Volumen an Handelsforderungen absichern.

Gesicherte Forderungen abtreten, Liquidität steigern

Das eröffnet auch für die Working-Capital-Finanzierung beziehungsweise die Liquiditätsbeschaffung deutscher Unternehmen Chancen. Denn entsprechend geschützte Forderungen ohne Ausfallrisiko lassen sich auch gut an Dritte abtreten – sprich, für die Refinanzierung einsetzen. So können die Unternehmen zusätzliche Liquidität erhalten, ohne Kreditlinien einer Bank beanspruchen zu müssen.

Werden im Zusammenhang mit dem Schutzschirm für die Warenkreditversicherer Factoring und Verbriefungsinstrumente genutzt, bleiben aber auch Fragen offen: Greift die Staatsgarantie auch für abgetretene Forderungen, und wenn ja, inwieweit? Wie gehen Versicherer, gewerbliche Wirtschaft und Refinanzierer damit um, dass der Schutzschirm am 31. Dezember 2020 ausläuft? Wie reagiert also der Markt im Wissen darum, dass die unmittelbaren Folgen der Corona-Pandemie die Wirtschaft womöglich noch Jahre belasten werden und das Ausfallrisiko bei Handelsforderungen somit anhaltend hoch bleibt, aber der Schutzschirm nur für die nächsten acht Monate greift?

Hauptrisiko Anfechtung

Die größte Frage stellt sich aber mit Blick auf die Rechtssicherheit von Forderungskäufen im laufenden Jahr. Schließlich ist es gut möglich, dass im Zuge der außerordentlichen Corona-bedingten Insolvenzgefahr auch die Anfechtungsrisiken steigen. Forderungskäufer könnten zu Recht befürchten, dass irgendwann in der Zukunft womöglich ein Insolvenzverwalter die Wirksamkeit einer früheren Forderungsabtretung infrage stellt. Das Risiko für solche Geschäfte wäre dann abschreckend hoch.

Als Grundlage für eine Anfechtung könnte eine Gläubigerbenachteiligung vermutet werden. Das wäre zum Beispiel dann der Fall, wenn sich herausstellte, dass die mit Factoring und Verbriefungsinstrumenten verbundene Bilanzvorteile und Rating-Verbesserungen einzig der Entlastung des Unternehmens bei der zusätzlichen Kreditbeschaffung in der Corona-Krise gedient hatten. Sollten solche Unternehmen in die bilanzielle Überschuldung geraten und/oder den Erlös aus den verkauften Forderungen unmittelbar wieder ausgegeben haben, könnte es sich bei der Nutzung von Factoring und Verbriefungsinstrumenten ebenfalls um anfechtbare Forderungskäufe handeln.

Europäischer Garantierahmen könnte helfen

Die Konsequenz ist, dass deutsche Unternehmen die Möglichkeiten der Liquiditätsbeschaffung über den Verkauf von Forderungen sicher nicht im erhofften Umfang nutzen können. Hilfreich wäre ein Garantierahmen auf europäischer Ebene, der Anfechtungsrisiken durch eine Art Versicherungslösung verringern würde. Alle Unternehmen in Europa – vom Solo-Selbstständigen bis zum Großkonzern – würden von Erleichterungen für Forderungskäufe profitieren. Sogar Betriebe, die Liquidität praktisch nur über die Hausbank beschaffen können, wären entlastet, weil die großen Player sie auf dieser Finanzierungsschiene dann in geringerem Maße verdrängen.

Fazit: Der Schutzschirm für Warenkreditversicherer ist grundsätzlich ein richtiger Schritt. Doch es gibt noch technische und rechtliche Fragen zu klären. Dies würde, ebenso wie Schutzschirmregelungen für Leasing-Forderungen oder auch Bankkreditlinien, zur weiteren Sicherung und Stärkung der Working-Capital-Finanzierung beitragen. Ein Katalysator für diese Art der Liquiditätsbeschaffung der Unternehmen könnte ein nachgelagerter Garantierahmen auf europäischer Ebene sein. Er wäre im Idealfall eine Hilfe, die unmittelbar den Unternehmen in Europa zugutekäme.

© DIHK

Kontakt

Porträtfoto Dr. Christian Fahrholz
Dr. Christian Fahrholz Referatsleiter Unternehmensfinanzierung und Finanzmärkte