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"Die Ursache dafür ist der von Russland begonnene Krieg"

Peter Adrian über existenzielle Probleme in der Ukraine, Sanktionen gegen Russland und Folgen für die deutsche Wirtschaft
North Stream 2

Der Stopp der Gas-Pipeline North Stream II trägt zu den Versorgungsschwierigkeiten bei

© Sean Gallup / Staff / Getty Images News

In einem Interview mit den Zeitungen der Funke Mediengruppe hat DIHK-Präsident Peter Adrian die erkennbaren Auswirkungen der russischen Invasion auf die Wirtschaft in der Ukraine, Russland und Deutschland analysiert. Die Politik, so der Unternehmer, habe auf den russischen Angriff auf das Nachbarland umgehend reagieren müssen. Aktuell sei das Wichtigste, dass die Menschen vor Ort nicht um ihr Leben bangen müssten und der Krieg schnell ende. 

"Es geht ja hier um existenzielle Fragen des Zusammenlebens. Da sind auch die wirtschaftlichen Auswirkungen schwer absehbar. Klar ist nur, dass sie erheblich sein werden", sagte Adrian in dem Funke-Interview. "Die Ursache dafür ist der von Russland begonnene Krieg. Darauf muss die Politik reagieren. Deshalb gibt es auch in der deutschen Wirtschaft ein großes Verständnis für harte Sanktionen."

Auf die Frage, was ein Abkoppeln Russlands vom Banken-Kommunikationssystem Swift bedeute, antwortete Adrian: "Es dürfte in Russland selbst eine sehr starke und schnelle Wirkung entfalten, wenn das russische Finanzsystem einschließlich der Notenbank jetzt isoliert wird." Das werde natürlich auch spürbare Rückwirkungen auf uns hier in Deutschland haben. Auch die Folgen für die hiesige Energieversorgung müsse genau beobachtet werden. 

Für die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen erwartet Adrian "eine sehr weitgehende Blockade". Wörtlich fügte er hinzu:  "Ich gehe davon aus, dass erstmal nur noch sehr wenig bis nichts mehr funktioniert."

Auf der Embargoliste stünden vor allem Hightech-Produkte. "Nicht nur der Maschinenbau und die Fahrzeugindustrie, sondern auch Dienstleister und das verarbeitende Gewerbe sind direkt betroffen. Die mittelbaren Auswirkungen dürften sich durch alle Bereiche ziehen."

Kriegsgebiete in der Regel ohne Versicherungsschutz

Ein Teil der Exportverträge sowie etwa ein Drittel der deutschen Investitionen in Russland, also rund 8 Milliarden von insgesamt 25 Milliarden Euro, sind laut Adrian möglicherweise über Instrumente wie etwa die Hermesdeckung abgesichert. "Aber wir haben schon etliche Härtefälle, in denen hier ansässige Unternehmen wegen des Krieges und seiner Folgen in ihrer Existenz bedroht sein werden." Noch stärker betroffen seien deutsche Unternehmen mit engen Geschäftsbeziehungen in die Ukraine. "Für Kriegsgebiete gibt es in der Regel keinen Versicherungsschutz."

Volkswirtschaftlich ist Russland nach Einschätzung des DIHK-Präsidenten "für Deutschlands Handel – außerhalb der Energieversorgung – keine extrem kritische Größenordnung. Wichtig wird aber die Frage, welche Auswirkungen eine erneute umfangreiche Störung der Lieferketten hat."

Enorme Abhängigkeit bei der Energieversorgung

Ebenfalls spürbare Auswirkungen erwartet der DIHK bei den bisher aus Russland bezogenen Rohstoffen: "Bei Erzen und Edelmetallen kann man auf andere Lieferanten zurückgreifen", erklärte Adrian. "Schwieriger wird es bei der Energieversorgung, bei der Deutschland mit 55 Prozent beim Gas, 35 Prozent beim Erdöl und 50 Prozent bei der Kohle enorm abhängig von Russland ist. Norwegen ist mit seinen Gaslieferungen an uns bereits am Limit und könnte einen Ausfall nicht kompensieren. Die Amerikaner wollen mit Flüssiggas zwar unterstützen. Aber auch darüber könnten wir die fehlenden Mengen nicht ausgleichen."

Und beim Palladium, das für den Bau von Autokatalysatoren gebraucht wird, sei Russland nach Südafrika die Nummer zwei auf dem Weltmarkt. "Wenn das nicht mehr aus Russland geliefert werden kann, drohen in einzelnen Wirtschaftssektoren massive Störungen. Dann entsteht tatsächlich die Gefahr, dass es zu Lieferverzögerungen bei Autos kommen kann."

Handel mit der Ukraine 2021 zweistellig gewachsen

Adrian verwies auf "sehr gute und intensive Beziehungen", die Deutschland in den letzten Jahrzehnten zur Ukraine aufgebaut habe. "Für die Wirtschaft ist die Ukraine insbesondere mit Blick auf die Agrarproduktion und die Bodenschätze wichtig. Wir hatten 2021 sowohl bei den Importen als auch bei den Exporten ein kräftiges zweistelliges Plus. In der Ukraine gibt es 2.000 aktive Unternehmen mit deutscher Beteiligung und etwa 50.000 Mitarbeitern." Jetzt sei jedoch "vor allem wichtig, dass die Menschen vor Ort nicht um ihr Leben bangen müssen und dieser Krieg schnell endet". 

DIHK-Präsident Peter Adrian

DIHK-Präsident Peter Adrian

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Frank Thewes Bereichsleiter Kommunikation