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30 Jahre deutsche Einheit

IHK-Infos und Interview mit dem Wirtschaftshistoriker Dr. Soénius
Berliner Mauer mit Graffiti und Leiter

© NatalyaLucia / iStock / Getty Images Plus

Mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik endete am 3. Oktober 1990 die Teilung Deutschlands. Die Wiedervereinigung markierte nicht nur für die Menschen, sondern auch für die Unternehmen – vor allem natürlich für die Betriebe in den einst "neuen Bundesländern" – einen fundamentalen Einschnitt.

In den vergangenen 30 Jahren ist viel passiert. Wie stark sich die Marktwirtschaft in Ostdeutschland seit der "Wende" entwickelt hat, lässt sich beispielsweise in der Jubiläumsbroschüre der IHK Chemnitz nachlesen. So zählt etwa die Beschäftigungsquote im Wirtschaftsraum Chemnitz mit 66 Prozent zu den deutschlandweiten höchsten; bei der einzelhandelsrelevanten Kaufkraft erreicht die Region 88 Prozent des bundesdeutschen Durchschnitts.

Spannend ist auch eine Analyse der IHK Südthüringen (Suhl), die dem weit verbreiteten Vorurteil vom abgehängten Osten 30 Jahre nach der Wende eine Reihe interessanter Fakten entgegenstellt. Im Rahmen der Untersuchung verglich die IHK alle deutschen Landkreise und kreisfreien Städte mit Blick auf rund 40 verschiedene wirtschaftliche Indikatoren – von der Abweichung des regionalen Bruttoinlandsprodukts vom Bundesdurchschnitt bis hin zu den Straftaten je 100.000 Einwohner.

Was die Wiedervereinigung für die Unternehmen hierzulande und die wirtschaftliche Selbstverwaltung bedeutete, erläutert Dr. Ulrich S. Soénius, Wirtschaftshistoriker und Direktor der Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln, im Interview:

"Die Soziale Marktwirtschaft ist moderner denn je"

Porträt Dr. Ulrich Soenius S. Soénius

Dr. Ulrich S. Soénius

© Foto: Peter Boettcher

Wenn man die vergangenen 30 Jahre nach der Deutschen Einheit betrachtet: Was waren die wichtigsten positiven Entwicklungen der Wiedervereinigung für die deutsche Wirtschaft?

Dr. Ulrich S. Soénius: Bei allen Schwierigkeiten, die die Umstellung des Wirtschaftssystems mit sich brachten, hat die Wiedervereinigung der deutschen Wirtschaft einen Schub gegeben. Die Vergrößerung des Binnenmarktes, die motivierten Fachkräfte und die Möglichkeit, den Außenhandel in Richtung Osteuropa noch stärker zu intensivieren, waren positive Aspekte.

Zudem hat der Aufbau Ost neue Infrastrukturen geschaffen, die als Angebotspolitik den Unternehmen neue Entwicklungen und neue Standorte boten. Problematisch war die – damals als "alternativlos" eingeschätzte – Währungsumstellung noch vor der staatlichen Vereinigung. Die DM hatte zwar einen hohen symbolischen Wert, aber durch die Verlagerung der Kaufkraft in Richtung Westprodukte nahm der Niedergang der Wirtschaft in der DDR seinen weiteren Verlauf.

Sicherlich war das Wirtschaftssystem dort bereits zuvor völlig marode. Doch durch die Währungsumstellung wurden andere, ökonomisch stichhaltige Wege gar nicht erst in Erwägung gezogen.

Wie haben die Industrie- und Handelskammern die Betriebe in Ost und West unterstützt?

Soénius: Die IHKs haben sich von Beginn an als Serviceeinrichtung verstanden – in erster Linie für die Unternehmen vor Ort, aber dann auch für solche, die sich von außerhalb ansiedelten. Schlagartig waren in den neuen IHKs zu Beginn der 1990er Jahre Tausende von Unternehmen Mitglied und die Zahl wuchs in den ersten Jahren stetig an.

Bestehende Klein- und Mittelbetriebe, neue Gründungen und privatisierte Staatsbetriebe bildeten eine anwachsende Mitgliedschaft, die in allen Fragen der Standortsicherung mit Fläche und Infrastruktur, in rechtlichen Themen und bei Bildungsangeboten beraten werden mussten. Hinzu kamen Neuansiedlungen von Unternehmen aus dem ehemaligen Gebiet der Bundesrepublik, die auch die Dienste der IHKs in Anspruch nahmen. Für alle übernahmen die IHKs zudem die Wahrnehmung des Gesamtinteresses der Wirtschaft und wurden so zu Sprachrohren der Unternehmen.

Eine besonders große Leistung war die Einführung der Dualen Berufsausbildung. Hier zeigte sich die "unternehmerische Selbstverwaltung" in ihrer ausgeprägtesten Form: Tausende von Prüfern mussten gewonnen und gehalten, die Strukturen geschaffen und ausgebaut werden. Diese Leistung ist neben vielen anderen Tätigkeiten mit den IHKs verbunden, auch mit denen aus dem Westen, die Aufbauhilfe leisteten. Als dann die Schließung vieler Industriebetriebe anstand, waren es die IHKs, die vor Ort auf Alternativsuche gingen und die Situation versuchten aufzufangen. 

Stichwort "wirtschaftliche Selbstverwaltung": Wie haben die Unternehmen in den damals noch neuen Ländern diesen Gestaltungsspielraum aufgenommen?

Soénius: Noch vor dem Ende der DDR haben sich Unternehmer des Mittelstandes – also des kleineren Mittelstandes, der in der DDR-Diktatur geduldet war – auf das System der IHKs verständigt, das sich in Deutschland seit über zwei Jahrhunderten bewährt hatte und vor der Gleichschaltung im NS-Staat auch flächendeckend funktionierte.

Die Unternehmerinnen und Unternehmer von Sachsen bis Mecklenburg-Vorpommern haben sich für ihre IHK vor Ort eingesetzt und diese in den Endmonaten der DDR gegründet – die Volkskammer reagierte im März 1990 mit der Gesetzesgrundlage. Die Unternehmer haben sich nicht für einen eigenen Dachverband entschieden, sondern noch vor der Wiedervereinigung in dem damaligen DIHT, dem späteren DIHK, eine Organisation gesehen, die ihre Interessen wahrnahm.

Diese enorme Aufbruchstimmung in der Endzeit der DDR ist deutlich zu würdigen – zwar vor dem Hintergrund eines sich auflösenden Machtsystems, aber aus eigenem Willen heraus. Die Unternehmerinnen und Unternehmer haben vor 30 Jahren einen Pioniergeist besessen, der mit Volldampf voraus die Weichen in eine neue Zeitära stellte.

Wo besteht aus Ihrer Sicht auch nach so langer Zeit noch Optimierungsbedarf in den verschiedenen Regionen Deutschlands?

Soénius: Die Angleichung der Lebensverhältnisse funktioniert nur durch die Soziale Marktwirtschaft – diese ist kein Ladenhüter, verbunden mit Bildern von Zigarre rauchenden Wirtschaftswunderhelden à la Ludwig Erhard. Die Soziale Marktwirtschaft – heute zu Recht verbunden mit einem ökologisch fundierten Anteil – ist moderner denn je. Der sogenannte dritte Weg ist für Deutschland ein Modell, das Bestand hat.

Dazu benötigen die Unternehmen aber möglichst wenig Bürokratie und regulierende Eingriffe, öffentlich-rechtlich organisierte, umgesetzte und instandgehaltene Infrastruktur, die Partnerschaft zwischen "Arbeit und Kapital" sowie die Akzeptanz in breiten Bevölkerungsschichten.  Die Anerkennung der Leistung der Unternehmen fehlt häufig – und das gibt Anlass zur Besorgnis.

Gemeinsam mit der Politik, die dazu auch bereit sein sollte, müssen wir als Wirtschaftsvertreter im wahrsten Sinne des Wortes für mehr Verständnis für die Leistungen der Unternehmerinnen und Unternehmer werben. Schließlich werden die Herausforderungen für Gewerbetreibende mit der Globalisierung und zunehmenden Digitalisierung nicht geringer.

Welche Schlussfolgerungen kann man aus dieser Umbruchsituation damals auf andere schwierige Situationen ziehen – wie etwa jetzt in der Corona-Krise?

Soénius: In erster Linie kommt es darauf an, dass Unternehmerinnen und Unternehmer gerade in der Krise innovativ und kreativ ihr Geschäftsmodell ohne staatliche Einschränkungen ausprobieren können. Wenn es fliegt, dient es allen. Der Staat ist für die Rahmenbedingungen da, regulierende Eingriffe sollten auf das Nötigste beschränkt sein und müssen allein dem Erhalt des Marktes dienen, so zum Beispiel bei der Verhinderung von Monopolen.

Dies ist heute angesichts weltweit agierender Konzerne und der digital vernetzten Welt zugegebenermaßen schwierig. Die Zeit, in der sich die deutsche Einheit vollzog, hat gezeigt, dass die Wirtschaftspolitik einen angemessenen Stellenwert in den politischen Entscheidungen braucht. Die derzeitige Krise kann nur durch vernetztes Denken und Handeln bewältigt werden. Nachhaltiges Wirtschaften kann dabei helfen, Krisensituationen zu bewältigen. Viele Unternehmen sind da schon sehr offen und agieren ökonomisch wie ökologisch.

Anders als vielleicht bei der Wiedervereinigung sind aber in der Pandemie ganze Branchen unverschuldet in die Krise geraten – und zwar in ganz Deutschland, wie zum Beispiel die Kreativwirtschaft und der Tourismus. Da wird es ohne eine zielgenaue und langwierige Unterstützung nicht gehen.

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Porträtbild Daphne Grathwohl, Referatsleiterin Strategische Themenplanung und Qualitätssicherung
Daphne Grathwohl Referatsleiterin Strategische Themenplanung und Qualitätssicherung