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Corona kann zur Triebfeder für MINT werden

DIHK und Partner formulieren fünf Zukunftsanforderungen
Teenager-Mädchen sitzt mit Block und Stift am Laptop, auf dem eine Videokonferenz mit weiteren Schülern stattfindet

Das Homeschooling in der Pandemie hat schon die Jüngsten an das digitale Lernen herangeführt

© valentinrussanov / E+ / Getty Images

Die Covid-19-Pandemie stellt Wirtschaft und Gesellschaft vor große Herausforderungen – mit Blick auf die Digitalisierung birgt sie nach Einschätzung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) jedoch auch Chancen für die betriebliche und schulische Bildung.

Eine praxisorientierte Bildung in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT) sei "ein wichtiger Grundstein für die Wettbewerbsfähigkeit und technologische Innovationskraft der deutschen Wirtschaft sowie für die Verfügbarkeit von Fachkräften", betont DIHK-Bildungsexpertin Christina Mersch.

"Aktuell kann die Corona-Krise eine Triebfeder für die Digitalisierung sein", so ihre Hoffnung. "Sowohl an Betriebe als auch an die Schulen werden durch die vermehrte digitale Zusammenarbeit und das aktuelle Homeschooling neue Anforderungen gestellt."

Um Schule zukunftsfest zu machen, müsse die Kooperation mit außerschulischen Lernorten fest in den Lehrplänen der MINT-Fächer verankert werden. Diese Bildung komme in den Schulen jedoch häufig zu kurz, so Mersch. "Deshalb haben wir gemeinsam mit unseren Partnern im Nationalen MINT Forum fünf Kernforderungen erarbeitet, um gemeinsam die Zukunft der MINT-Bildung in Deutschland zu gestalten", berichtet sie.

Ziel ist es, eine gute MINT-Grundbildung durch regelmäßiges, praxisorientiertes Lernen zu fördern und das Interesse von Jungen und Mädchen an naturwissenschaftlich-technischen Themen und Berufen zu wecken. Christina Mersch ist überzeugt: "Davon profitieren die künftigen Fachkräfte und die Unternehmen auch in den Zeiten nach Corona."

Unter der Überschrift "Schule und mehr – gemeinsam die Zukunft der MINT-Bildung gestalten" hat das Nationale MINT Forum, zu dessen Mitgliedern auch der DIHK gehört, folgende Kernforderungen formuliert:

Über den Digitalpakt Schule hinaus

Das Homeschooling als notwendige Reaktion auf die aktuelle Corona-Pandemie zeigt deutlich, dass bundesweit die Nutzung digitaler Medien im Unterricht noch wenig eingeübt ist. Der "Digitalpakt Schule", den der Bund in enger Abstimmung mit den Ländern 2019 vorgelegt hat, zeigt wenig Wirkung. Die Fokussierung auf die Förderung von technischer Ausstattung, nicht aber von Lernmanagementsystemen und zu wenig auf den Kompetenzaufbau der Lehrkräfte scheint nicht den für einen Wandel erforderlichen Schub zu geben. Unter der Homeschooling-Situation leiden vor allem die naturwissenschaftlich-technischen Fächer. Indessen ist allen Verantwortlichen im Bildungswesen klar, dass das Lehren und Lernen mit digitalen Medien auch nach der Krise nicht wieder an Bedeutung verlieren wird – ganz im Gegenteil. Allerdings benötigen Fach- und Lehrkräfte Unterstützung bei der Entwicklung und Umsetzung neuer digitaler Lehr-/Lernformate, gerade für die MINT-Fächer.

Das MINT Forum fordert von den Verantwortlichen in Bund, Ländern und Kommunen umfassende Konzepte, die über die Umsetzung des Digitalpakts Schule deutlich hinausgehen. Dazu gehören neben der technischen Ausstattung die Einführung pädagogisch fundierter Lernplattformen und Lernmanagementsysteme sowie die entsprechende Fortbildung der Lehrkräfte. Dabei sollten die Erfahrungen mit dem Homeschooling berücksichtigt und echte Blended-Learning-Konzepte implementiert werden, zum Beispiel Flipped Classroom.


Enge Abstimmung unter den Akteuren

Es gilt jetzt, die außerschulischen Initiativen in MINT-Clustern und MINT-Regionen mit den Schulen zu einem besser abgestimmten System zu entwickeln. Auch hier müssen während und nach der Krise in einer innovativen Mischung analoge und digitale Angebote verbunden werden, um die Zielgruppen auch über außerschulische Wege erreichen zu können. Dabei kommt es ebenfalls auf die enge Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Kommunen an. Ein Modell könnte das neue Bund-Länder-Programm "Schule macht stark" mit seiner sozialräumlichen Vernetzung sein. Alle Programme müssen aber im Lichte einer verstärkt notwendigen Digitalisierung überprüft werden.

Das MINT Forum fordert Bund, Länder und Kommunen auf, sich eng abzustimmen, um bestehende und neue entstehende Strukturen bestmöglich zu unterstützen – auch vor dem Hintergrund des fortbestehenden MINT-Fachkräftemangels und mit Blick auf Berufswahlentscheidungen und Berufschancen junger Menschen, insbesondere von Mädchen und jungen Frauen.


Forschendes Lernen an realen Problemstellungen

Bei den 10- bis 16-jährigen Kindern und Jugendlichen nimmt das Interesse an den MINT-Fächern häufig dramatisch ab. Deshalb sieht das Nationale MINT Forum Bund und Länder in der Pflicht, die Anreize im außerunterrichtlichen Bereich weiter zu stärken, zum Beispiel durch Intensivierung der Förderung von MINT-Wettbewerben – von der Breite in die Spitze –, von Schülerforschungszentren, Schülerlaboren und ähnlichen Einrichtungen. Die dort erprobten Wege des forschenden Lernens haben allerdings in der Schule selbst noch wenig verändert.

Das MINT Forum fordert daher von Politik, Bildungsadministration und Schulen neue curriculare Konzepte. Dazu gehört die Einbindung externer Fachleute und Praktiker, zum Beispiel aus der Wirtschaft, in den MINT-Unterricht, vor allem aber die Kooperationen mit außerschulischen Partnern für die Arbeit der Schülerinnen und Schüler an realen Problemstellungen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Gendersensibilität und die spezifische Förderung von Mädchen und jungen Frauen spielen dabei eine wichtige Rolle. Erfolgreiche Modelle aus dem In- und vor allem dem Ausland müssten in viel höherem Maße wahrgenommen und adaptiert werden.


Koordinatoren im MINT-Bildungsökosystem

Der Arbeitsplatz Schule muss zeitgemäßer werden. Er wird auch attraktiver, vor allem für High Potentials aus den MINT-Fächern und -Berufen, wenn die Arbeit in multiprofessionellen Teams zum Normalfall wird. Auch die Vorbereitung und Durchführung von Unterricht – analog und digital – sowie regelmäßige schulinterne Qualifikationsmaßnahmen sind Teamaufgaben.

Das MINT Forum fordert von den Zuständigen für die inneren und äußeren Schulangelegenheiten die Einführung neuartiger Personalkategorien. Dies können Technikerinnen und Techniker, Educational Technologists, administrative Leitungen oder auch Kooperationsverantwortliche sein. Sie sollen die Zusammenarbeit mit den anderen Einrichtungen im MINT-Bildungsökosystem rund um die Schule koordinieren und damit die Lehrkräfte unterstützen. Welches Personal und welche Kapazitäten benötigt werden, muss von den Schulleitungen vor Ort eigenständig entschieden werden.


Integriertes Qualifikationssystem

Die Rolle der Lehrerinnen und Lehrer wandelt sich; sie wird aber nicht weniger wichtig, sondern im Gegenteil vielgestaltiger, mannigfacher und herausfordernder – und damit auch attraktiver. Zu einem neuen Personalkonzept gehören deshalb auch flexiblere Professionalisierungswege für Lehrkräfte. Im Sinne eines Reißverschluss-Modells müssen die wissenschaftlichen und praktischen Qualifikationen passgenau nach und nach erworben werden können. Ziel ist ein integriertes Modell, das auf die Herausforderungen einer bedarfsorientierten Personalentwicklung reagieren kann. Voraussetzung dafür sind ausreichende Kapazitäten für eine durchgängige wissenschaftliche Fundierung von Studium, Vorbereitungsdienst, Berufseinstiegsphase und kontinuierlicher professioneller Entwicklung, sowie eine weitergehende Integration von Studienseminaren und Fortbildungseinrichtungen.

Das MINT Forum fordert von den Verantwortlichen für die Aus- und Fortbildung von Lehrkräften, ein integriertes Qualifikationssystem zu schaffen, das zudem in der Lage wäre, den Quer- und Seiteneinstieg, auch nach einer beruflichen Tätigkeit in der betrieblichen Praxis, ohne aufwendige Sonderprogramme in einer Qualität zu gewährleisten, die den gestiegenen Anforderungen gerecht wird.


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Porträtfoto Christina Mersch
Christina Mersch Bereichsleiterin Ausbildung

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Porträtfoto Jana Heiberger, Referatsleiterin Fachkräftesicherung | Ausbildung
Jana Heiberger Referatsleiterin Berufsorientierung, Berufsschule, MINT-Förderung