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Duale Ausbildung vor großen Herausforderungen

Jugendlicher sitzt an einem Tisch im Wohnzimmer vor einem Laptop

Ausbildung unter Corona-Bedingungen, das ging oft nur im Homeoffice

© Halfdark / Getty Images

Bereits vor der Corona-Pandemie spielte das Thema Fachkräftesicherung eine zentrale Rolle für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen in Deutschland. Erfahrene Fachkräfte der Baby-Boomer-Generation gehen in den nächsten Jahren in den Ruhestand; häufig sind es beruflich qualifizierte Personen.

Der Fachkräftemangel ist derzeit für 56 Prozent der Unternehmen ein Risiko für ihre Geschäftsentwicklung. Damit hat dieses Geschäftsrisiko nach einem Rückgang in der Corona-Krise seinen Höchststand aus dem Herbst 2018 (62 Prozent) schon fast wieder erreicht. Die demografische Entwicklung sorgt dafür, dass die Herausforderungen künftig noch zunehmen.

Ausbildung in der Pandemie unter erschwerten Bedingungen

Die Corona-Pandemie hat in den Jahren 2020 und 2021 das Ausbildungsgeschehen in Deutschland kräftig durcheinandergebracht. Weite Teile der IHK-Ausbildungsbetriebe waren nahezu über Nacht mit der Situation konfrontiert, dass Berufsschulen schlossen. Für einen Teil der Betriebe wurde Ausbilden sehr erschwert, da ihr Geschäft weggebrochen war oder sie zeitweise von harten Lockdowns betroffen waren. Viele Betriebe haben dennoch unter großen Herausforderungen ihre Azubis zum Ausbildungsabschluss begleitet. An das Einstellen neuer Azubis konnten viele Betriebe jedoch nicht denken.

Lösung "mobiles Ausbilden" nicht überall möglich

Bei einem anderen Teil der Ausbildungsbetriebe wechselten viele Mitarbeitende ins Homeoffice. In dieser Situation galt es, die Azubis dennoch bestmöglich auszubilden. Zahlreiche Betriebe ermöglichten dies nicht zuletzt durch mobiles Ausbilden.

Ein weiterer Teil der Ausbildungsbetriebe war auf andere Weise gefordert. So wurde Ausbildung beispielsweise im Lebensmitteleinzelhandel trotz schwierigster Bedingungen vor Ort fortgesetzt. Damit leisteten diese Betriebe auch während der Pandemie einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung junger Fachkräfte.

Die Jahre 2020/21 haben den hohen Stellenwert der beruflichen Orientierung deutlich gemacht. Die Erfahrung lautet: Weniger Berufsorientierung hat weniger Bewerbungen zur Folge. Und das wiederum bedeutet am Ende weniger neue Azubis.

42 Prozent der Betriebe konnten nicht alle Azubi-Stellen besetzen

Die Entwicklung der zurückliegenden Corona-Jahre hat dazu geführt, dass zuletzt 42 Prozent der Ausbildungsbetriebe nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen konnten – ein Allzeithoch. Dies entspricht einer Steigerung um 10 Prozentpunkte innerhalb weniger Jahre. 2018 konnte etwa jeder dritte IHK-Ausbildungsbetrieb nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen.

Grafik Ausbildungsumfrage 2022: Konnten Sie alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen?

© DIHK

Eine Verschlechterung bei der Besetzung von Ausbildungsplätzen ist aktuell in allen Regionen Deutschlands zu verzeichnen. Die Situation in den westdeutschen Bundesländern hat sich in den vergangenen Jahren deutlich schlechter entwickelt als im Osten. Die Unternehmen in den traditionell ausbildungsstarken südlichen Bundesländern sind in besonderer Weise vom Bewerbermangel betroffen. In den östlichen Bundesländern geben aktuell 48 Prozent der IHK-Ausbildungsbetriebe an, dass sie nicht alle Ausbildungsplätze besetzen konnten – ebenfalls ein Allzeithoch. 2018 waren es noch 45 Prozent.

Nachwuchsgewinnung für alle Branchen schwieriger geworden

Die Herausforderung, Ausbildungsplätze erfolgreich zu besetzen, war in den einzelnen Branchen schon immer unterschiedlich stark ausgeprägt. Folgerichtig haben die Branchen in den vergangenen Jahren auch unterschiedliche Herangehensweisen gewählt. Zuletzt konnten vereinzelt zwar Verbesserungen bei der Besetzung von Ausbildungsplätzen erzielt werden. In diesem Jahr jedoch zeigt sich eine Verschlechterung der Besetzungssituation über fast alle Branchen hinweg. Nur der Bereich der unternehmensorientierten Dienstleistungen zeigt ein konstantes Antwortverhalten.

Gastgewerbe, Verkehr und Industrie mit überdurchschnittlichen Problemen

Gastgewerbe, Verkehr und Industrie (ohne Bau) lagen bereits in den Vorjahren über dem Branchendurchschnitt und halten diese Position. Das bedeutet, sie haben mehr Besetzungsprobleme als andere Branchen. Die Situation des Baugewerbes hingegen hat sich verbessert: Hatte die Branche in den Vorjahren überdurchschnittlich große Besetzungsschwierigkeiten, liegt sie in diesem Jahr exakt im Mittel, genau wie der Handel mit einer Verschlechterung von moderaten 5 Prozentpunkten.

Gemessen an einer durchschnittlichen Verschlechterung von minus 10 Prozentpunkten (2018: 32 Prozent / 2021: 42 Prozent) fiel es insbesondere der Industrie (ohne Bau) deutlich schwerer, alle angebotenen Ausbildungsplätze zu besetzen (minus 17 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr). Gründe für die überdurchschnittlichen Besetzungsschwierigkeiten könnten darin liegen, dass viele Tätigkeiten der Industrie eine Anwesenheit vor Ort voraussetzen. Strenge Corona-Auflagen für die Betriebe haben jedoch die Anwesenheit beispielsweise für Praktikanten erschwert. Auf Schülerpraktika folgen häufig Bewerbungen, weil das Interesse an einem Ausbildungsberuf entstanden ist. Darüber hinaus gab es 2021 – zum Bewerbungszeitpunkt der potenziellen Azubis – eine noch hohe Unsicherheit zum Umgang mit der Pandemie. In der Folge haben sicherlich viele Schulabgänger ihre Bewerbung zunächst zurückgestellt.

Banken/Versicherungen, IT, Medien und Immobilien lagen vor der Corona-Pandemie bereits im Feld der Betriebe, die in der Regel alle Ausbildungsplätze besetzen konnten. Auch wenn die Schwierigkeiten größer geworden sind, ist es den Unternehmen erneut gelungen, die angebotenen Ausbildungsplätze vollständig zu besetzen.

Grund: Die genannten Branchen umfassen meist Berufe, die auch im Homeoffice ausgeübt werden können. Vielen dieser Unternehmen war es dadurch möglich, durch neue Prozesse und neue Lehr- und Lernmethoden ihre Ausbildung zusätzlich auf "mobil" umzustellen. Die Unternehmen konnten ihren Azubis durch diese Umstellung mehr Flexibilität bei der Durchführung von Praktika und mobilem Ausbilden ermöglichen. Damit dürften sie hinsichtlich des Sicherheitsbedürfnisses einiger Jugendlicher gepunktet und andererseits vielen Wünsche der Generation Z entsprochen haben.

Gründe für die Nichtbesetzung vieler Ausbildungsplätze

42 Prozent aller Ausbildungsbetriebe berichten, dass sie 2021 nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen konnten. Die Gründe sind besorgniserregend: Hauptursache bleibt mit 67 Prozent (2018: 69 Prozent), dass keine geeigneten Bewerbungen vorlagen.

Grafik Ausbildungsumfrage 2022: Gründe für die Nichtbesetzung von Ausbildungsplätzen bei Betrieben mit Besetzungsschwierigkeiten

© DIHK

Den größten Sprung im Ranking der Besetzungsprobleme machte die Antwort, überhaupt keine Bewerbungen mehr erhalten zu haben. Mehr als jedes dritte Unternehmen (36 Prozent), das nicht alle Ausbildungsplätze besetzen konnte, hat nicht eine einzige Bewerbung erhalten. Somit ist der Anteil der Betriebe, die gar keine Bewerbungen mehr erhalten, abermals angestiegen. Auch die absolute Zahl betroffener Unternehmen ist 2021 erneut geklettert – auf nunmehr 27.000 (2018: 18.000, 2017: 17.000 und 2016: 15.500).

Eine leicht verbesserte Situation zeichnet sich bei der Azubi-Bindung ab: Wenn ein Ausbildungsvertrag geschlossen wurde, wird er seltener als in den Vorjahren seitens der Azubis oder auch der Unternehmen nach Ausbildungsbeginn gelöst.

Unternehmen gegen Ausbildungsgarantie auf Wunschberufe

Mehr als 80 Prozent der IHK-Ausbildungsbetriebe lehnen eine Ausbildungsgarantie auf Wunschberufe für Deutschland ab: 43 Prozent der befragten Betriebe haben die Sorge, dass außerbetrieblich Qualifizierte nicht dem Bedarf der Praxis entsprechen. 12 Prozent befürchten, dass sie dann noch weniger Bewerbungen bekommen, obwohl sie schon jetzt händeringend Azubis suchen.

10 Prozent sehen, dass schulschwache Jugendliche eine bessere Chance auf dem Arbeitsmarkt haben, wenn sie im Betrieb ausgebildet werden. 8 Prozent sind der Meinung, dass Jugendliche mehr Praktika machen sollten, weil sie dann auch leichter einen Ausbildungsplatz im Betrieb finden. Weitere 8 Prozent vertreten die Meinung, dass sich Einstiegsqualifizierungen und andere Unterstützungsmaßnahmen besser zum Einstieg in Ausbildung eignen als außerbetriebliche Ausbildungen

16 Prozent der Ausbildungsbetriebe im IHK-Bereich meinen hingegen, dass zwar jeder Jugendliche eine Chance auf seinen Wunschberuf verdient hat, aber nur 3 Prozent befürworten eine Ausbildungsgarantie. Als Grund geben sie an, dass in ihrer Region zu wenige betriebliche Ausbildungsplätze vorhanden seien.

Bessere Lösung: Chancengarantie

Das eindeutige Votum der Unternehmen zeigt: Die geplante Ausbildungsgarantie sollte im Sinne einer Chancengarantie und des 2014 in der Allianz für Aus- und Weiterbildung vereinbarten "Pfades in Ausbildung" umgesetzt werden. Unter Beteiligung von Gewerkschaften, Wirtschaft, Bundesregierung, Bundesländern und Bundesagentur für Arbeit wird jedem ausbildungsinteressierten Menschen ein Pfad aufgezeigt, der ihn frühestmöglich zu einem Berufsabschluss führen kann.

Jugendliche, die bis Ende September eines Jahres keinen Ausbildungsplatz gefunden haben, erhalten drei Angebote für eine betriebliche Ausbildung – wenn auch nicht immer im Wunschberuf. Entscheidend für das Zusammenbringen der vielfältigen Ausbildungsangebote der Unternehmen und der Schulabgänger sind eine zielgerichtete Berufsorientierung und frühzeitige Praktika in den Betrieben.

Kontakt

Porträtbild Ulrike Friedrich, Referatsleiterin Ausbildungsmarketing und -analysen | Digitalisierung
Ulrike Friedrich Referatsleiterin Ausbildungsmarketing und -analysen, Digitalisierung