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Favorit mit Handicap

Eine Porzellanfabrik in Thüringen setzt auf Menschen mit Behinderungen
Junger Mann sitzt vor Bildschirm, auf den ein Kamerabild projiziert wird

Dank einer Spezialkamera, die Inhalte stark vergrößert auf den Bildschirm projiziert, kann Azubi Florin Zapf ganz normal arbeiten

© Michael Reichel

"Bei ihm hat man sofort gemerkt, dass er eine Bereicherung ist." Sybille Kaiser, Geschäftsführerin der Porzellanfabrik Hermsdorf in Thüringen, schwärmt von ihrem Auszubildenden mit Sehschwäche. Er ist nicht der einzige beeinträchtigte Beschäftigte in dem Betrieb, der für sein Engagement den "Inklusionspreis für die Wirtschaft" erhalten hat.

Mehr als eine Stunde lang hat Sybille Kaiser geduldig Fragen beantwortet. Doch dann, ganz plötzlich, weiß sie nicht, was sie sagen soll. Die Frage, die sie sprachlos macht, lautet: "Warum tun Sie das eigentlich?"

In der von Kaiser geleiteten Porzellanfabrik in Hermsdorf (bei Jena) arbeiten etwa 100 Menschen, davon derzeit sieben mit Handicap. Menschen mit geistigen Behinderungen sind darunter, Menschen mit körperlichen Behinderungen.

Bei Florin Zapf hat eine Krankheit namens Morbus Best dazu geführt, dass er eine Behinderung hat. Im Laufe seiner frühen Kindheit sind seine Augen immer schlechter geworden. Heute hat er eine Sehleistung, die nur noch fünf bis zehn Prozent der eines gesunden Erwachsenen entspricht. Deshalb sitzt der 21-jährige Auszubildende vor Monitoren, die die dargestellte Schrift enorm vergrößern. Eine Spezialkamera neben ihm liest vom Papier ab und projiziert die Schrift auf die Bildschirme.

So einen jungen Mann kann man einfach nicht wegschicken!

Als Zapf und Kaiser sich 2019 das erste Mal trafen, war für die Geschäftsführerin sofort klar, dass sie den jungen Mann einstellen würde. Eigentlich, sagt sie, habe sie damals überhaupt keinen Nachwuchs im kaufmännischen Bereich gesucht. "Aber so einen jungen Mann kann man einfach nicht wegschicken. Bei ihm hat man sofort gemerkt, dass er eine Bereicherung ist."

Noch immer ist Kaiser über diese Entscheidung von damals ebenso glücklich wie Zapf, der inzwischen im zweiten Lehrjahr eine Ausbildung zum Industriekaufmann macht. "Es ist einfach toll, wie viele Dinge ich hier über ein Unternehmen lerne", sagt er. Obwohl Zapf eigentlich einen anderen Karriereweg einschlagen wollte, ist er sehr zufrieden mit seinem Beruf.

Unter anderem wegen dieser Geschichte weiß Kaiser keine rechte Antwort auf die Frage, warum sie sich so sehr für Menschen mit Behinderung engagiert. Irgendwann sagt sie dann: "Ich verstehe die Frage nicht. Das sind doch alles Menschen."

Sie sind die loyalsten, fleißigsten, motiviertesten Mitarbeiter, die man haben kann.

Schon zuvor im Gespräch hatte Kaiser mit vielen Vorurteilen aufgeräumt, die häufig eine Beschäftigung von Menschen mit Handicaps verhindern. Nicht nur, dass es eigentlich in fast allen Unternehmen Tätigkeiten gebe, die sie ausüben könnten, hatte die Geschäftsführerin gesagt. Entweder am Empfang, am Telefon, in der Reinigung, bei der Pflege der Außenanlagen … Vor allem hatte Kaiser vom Alltag mit ihnen geschwärmt. "Sie sind die loyalsten, fleißigsten, motiviertesten Mitarbeiter, die man haben kann – vorausgesetzt, man findet eine passende Arbeit für sie."

Kaiser war und ist überzeugt von der Bereicherung, die Menschen mit Handicaps für Unternehmen darstellen können. So sehr, dass sie Florin Zapf sogar eingestellt hatte, ohne zu wissen, welche staatlichen Zuschüsse sie für seinen Fall erhalten konnte. Erst später habe sie erfahren, dass es Geld von der Arbeitsagentur unter anderem für die Monitore, die Kamera, die Spezialsoftware und ein paar Dinge mehr gebe, berichtet sie, konkret: etwa 25.000 Euro.

Im Ausbildungsalltag von Zapf spielt dessen Behinderung allerdings so oder so keine zentrale Rolle. Nicht für ihn. Nicht für seine Kollegen. Einziger Unterschied zu anderen Auszubildenden: Seine Kollegen kommen zu Zapf ins Büro, wenn sie ihm etwas erklären wollen. Er geht nicht zu ihnen, weil jeder Weg durchs Haus für ihn ein Risiko ist. "Das sehe ich aber nicht als zusätzlichen Aufwand", sagt Kaiser – ohne zu überlegen.

2020 haben Sybille Kaiser und das Porzellanwerk den "Inklusionspreis für die Wirtschaft" verliehen bekommen, der unter Schirmherrschaft des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales vergeben wurde.

Fragen und Antworten rund um die Ausbildung von beeinträchtigten Menschen

Menschen mit Handicap können – je nach Behinderung – auf verschiedene Weisen ausgebildet werden:

  • In einer regulären Ausbildung – also im Grunde wie bei jedem anderen Lehrling auch
  • In einer Teilzeitausbildung – also mit einem reduzierten täglichen Ausbildungsumfang, wodurch sich die Gesamtausbildungszeit verlängert
  • In einer Fachpraktiker-Ausbildung – also mit einem reduzierten Theorieanteil und einem Fokus auf die Praxis
  • In Kooperation mit Dritten – also mit einem Partner, der bestimmte Ausbildungsinhalte vermittelt, die im eigenen Unternehmen nicht zu vermitteln sind

Wer einen Auszubildenden mit Handicap einstellt, kann dafür finanzielle Unterstützung erhalten. Dazu gehören unter anderem:

  • Übernahme von Kosten für Arbeitshilfen
  • Kostenerstattung für die Anpassung des Arbeitsplatzes
  • Lohnkostenzuschüsse
  • Erstattung von Prüfungsgebühren

Ausbildungsbetriebe von Menschen mit Behinderung müssen allerdings auch besondere Anforderungen erfüllen. Dazu können gehören:

  • Häufigere Pausen für Menschen etwa mit Diabetes
  • Keine Tätigkeit an bestimmten Maschinen für Menschen mit Epilepsie
  • Barrierefreie Zugänge für Menschen im Rollstuhl
  • Spezielle Bildschirme für Menschen mit Sehschwächen

Quellen: IHK Südthüringen / IHK Region Stuttgart / IHK Berlin




Dieser Beitrag erschien erstmals im IHK-Berufsbildungsmagazin "Position" III/2021. Über den Bezug können Sie sich unter www.ihk-position.de/magazin informieren.

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Mann steht vor Gemälde und hat die Arme verschränkt.
Thilo Kunze Referatsleiter Infocenter, Chefredakteur POSITION