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Der Krise trotzen!

"Position" stellt Strategien gegen Zukunftsängste vor
Team mediapool

Martin Glaß (M.) von der Agentur mediapool mit seinen Azubis Hendrieke Franz und Justus Hildebrand

© Jens Schicke

Klimakrise, Corona-Pandemie, Krieg in der Ukraine, Inflation: Kein Wunder, dass vor allem junge Menschen von Zukunftsängsten geplagt werden. Wie können Ausbildungs- und Personalverantwortliche auch in solchen Zeiten für Optimismus sorgen? Das zeigt ein Beispiel aus der Berliner Veranstaltungsbranche.

Der Dauerkrisenmodus der vergangenen Jahre hat dazu geführt, dass Jugendliche besorgt in die Zukunft blicken. "Für die Auszubildenden war die Corona-Zeit extrem bitter. Die allermeisten haben eineinhalb bis zwei Jahre ihrer Ausbildung mit massivsten Einschränkungen zu tun gehabt, ihnen blieb vielfach nur das Selbststudium", erzählt Martin Glaß, Projektleiter bei mediapool in Berlin. Seit 30 Jahren organisiert das Unternehmen Veranstaltungen für Kunden aus Politik, Wirtschaft und Kultur.

Die Eventagentur hat als Teil der Veranstaltungsbranche die volle Wucht der Corona-Krise zu spüren bekommen. "Wir hatten Glück, dass unser Agenturgeschäft weiterlief, wenn auch sehr reduziert. Und dass die Personalkosten durch das Kurzarbeitergeld abgefedert werden konnten." Anders als viele andere Unternehmen musste die Agentur während der Corona-Pandemie keine betriebsbedingten Kündigungen aussprechen.

Dennoch war der Schock für Martin Glaß und seine Kollegen groß, als am 22. März 2020 der erste Corona-Lockdown in Deutschland in Kraft trat. "Alles kam zum Stillstand, die Firmen befanden sich in einer Art künstlichem Koma, und auch mir selbst ging es damit nicht besonders gut." Doch er nutzte die Zeit, um seine Ausbilderqualifizierung zu machen und übernahm im vergangenen Jahr die Verantwortung für seinen ersten Azubi. Dieser hatte aufgrund der Corona-Pandemie bis dato kaum Erfahrungen bei großen Produktionen sammeln können, wie es für angehende Veranstaltungstechniker üblich ist. "Ich habe von Anfang an zu ihm gesagt: 'Wir packen das!" Das war mir ein persönliches Anliegen."

Bestmögliche Ausbildung in schwierigen Zeiten

Martin Glaß und seine Kollegen investierten viel Zeit und Energie, um ihre Azubis in der Situation so gut wie möglich aufzufangen. Sie trafen sich unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln im Lager der Agentur zu Probeaufbauten, nutzen die agentureigene Werkstatt, simulierten Arbeitssituationen aus der Praxis. "Trotz der Krise haben wir immer an unserer Idee von Ausbildung festgehalten, jedem Azubi die für ihn bestmögliche Entwicklung zu gewähren." Für "seinen" Azubi bedeutete das vor allem ein intensive Prüfungsvorbereitung mit Hilfe interner und externer Angebote. Im Sommer 2022 konnte der junge Mann seine Ausbildung erfolgreich abschließen und wurde vom Betrieb übernommen. "Seine Arbeitskraft wird dringend gebraucht, und dieses Gefühl 'Jetzt geht es erst richtig los' motiviert natürlich noch einmal besonders."

"Einen anderen Blick" schärfen

Während die Agentur früher einmal fünf junge Menschen gleichzeitig ausbildete, hat sie für Herbst 2022 erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie zwei neue Ausbildungsplätze ausgeschrieben. Um ihre individuelle Entwicklung zu fördern, ermöglicht das Unternehmen den Azubis, bei Partnerunternehmen bestimmte Einsatzfelder intensiver kennenzulernen. Für die jetzige Auszubildende zur Veranstaltungskauffrau hat Martin Glaß ein vierwöchiges Praktikum im Marketing und in der Buchhaltung einer anderen Agentur organisiert, ein früherer Azubi wurde auf eigenen Wunsch freigestellt, um vier Wochen am Theater in Wien mitzuarbeiten.

"In solchen Einsätzen steckt immer ganz viel Persönlichkeitsentwicklung. Die Azubis kommen zurück und haben einen anderen Blick, haben andere Arbeitsweisen kennengelernt." Vor Kurzem hat die Agentur gemeinsam mit einem Partnerunternehmen eine Tontechnikschulung für die Azubis organisiert. "Das Feedback dazu war sehr gut. Wir haben aktuell nicht die Ressourcen, das allein zu stemmen. Zum Glück ist es in unserer Branche üblich, dass man sich untereinander kennt und sehr gut vernetzt ist", so Martin Glaß.

Weitere Strategien für schwierige Zeiten:

"Wer als Unternehmensinhaber über ein gutes Netzwerk verfügt und auch für kreative Wege offen ist, was die Sicherung von Fachkräften angeht, ist in Krisenzeiten flexibler", sagt Kerstin Josupeit-Metzner von der Verbundberatung Berlin. Das Projekt, das 2014 ins Leben gerufen wurde, unterstützt kleine und mittelständische Unternehmen dabei, ihre Nachwuchskräfte im Verbund mit Partnerunternehmen auszubilden.

Für manche Betriebe ist das notwendig, wenn sie nicht alle Kompetenzen entsprechend der Ausbildungsordnung selbst vermitteln können. Viele Unternehmen nutzen die Verbundausbildung außerdem, um die Qualität und Attraktivität ihrer Ausbildung zu steigern und dadurch Auszubildende zu gewinnen und zu binden.

Kerstin Josupeit-Metzner und ihre Kolleginnen beraten zu vertraglichen Regelungen, vermitteln Verbundpartner, teils sogar branchenübergreifend. Finanziert wird die Verbundberatung von der Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales, die auch die Fördermittel für die Unterstützung der Berufsausbildung zur Verfügung stellt. Die IHK Berlin zählt zu den Trägern des Projekts.

Aus vielen Kooperationen haben sich mittlerweile dauerhafte Partnerschaften zwischen den Ausbildungsbetrieben entwickelt. Corona hat dafür gesorgt, dass sich insbesondere in der Hotellerie viele Betriebe zusammengeschlossen haben, um Ausbildungsplätze zu sichern. Auch digitale Formen der Verbundausbildung haben zugenommen; beispielsweise Online-Prüfungsvorbereitungskurse, die für Azubis mehrerer Unternehmen angeboten werden.

Von einer Krise in die nächste: Die Corona-Pandemie ist noch nicht vorüber, da machen bereits die Folgen des Krieges in der Ukraine wie hohe Energiepreise, Rohstoff- und Materialengpässe der deutschen Wirtschaft zu schaffen. Annegret Scherf und Markus Metz sind Experten, wenn es darum geht, Unternehmen in Krisenzeiten zu unterstützen.

Als Berater im Projekt "KMU Runder Tisch", das die IHK Saarland gemeinsam mit dem saarländischen Wirtschaftsministerium, den saarländischen Sparkassen und Volksbanken, der Handwerkskammer und der Saarländischen Investitionskreditbank (SIKB) initiiert hat, helfen sie kleinen und mittelständischen Unternehmen sowie Soloselbstständigen, die sich in einer schwierigen Lage befinden. Wer auf der Projekt-Website einen Antrag zur kostenfreien Unterstützung stellt, mit dem treten die Berater zeitnah in Kontakt. Auf Grundlage des Zahlenmaterials der Firma und den geführten Gesprächen mit dem Unternehmer erarbeiten sie individuelle Lösungsvorschläge, die anschließend in einem Fachgremium diskutiert werden.

Das können zum Beispiel Maßnahmen zur Kostenreduktion oder die Inanspruchnahme von Förderprogrammen sein. Voraussetzung, um die schnelle und unbürokratische Hilfe in Anspruch nehmen zu können, ist eine positive Fortführungsprognose. Nach mehr als einem Jahr Laufzeit konnten durch den "Runden Tisch" bereits mehr als 700 Arbeitsplätze gesichert werden.

Ursprünglich zielte das Projekt vor allem darauf ab, denjenigen zu helfen, die von der Corona-Krise hart getroffen wurden. Doch längst ist das nicht die einzige Krise, die den Unternehmen zu schaffen macht. "Ziel ist immer eine ganzheitliche Hilfe, mit der die Unternehmen langfristig besser aufgestellt und widerstandsfähiger gegenüber künftigen Krisen sind", erklärt Markus Metz.

Nicht immer seien die wirtschaftlichen Probleme der Unternehmen auf äußere Umstände oder Krisen wie die Corona-Pandemie zurückzuführen. Unzufriedene Mitarbeiter, hohe Abbrecherquoten und fehlende Motivation bei den Auszubildenden – häufig lägen die Gründe für die wirtschaftliche Schieflage auch in Fehlern aus der Vergangenheit. Wenn es um die Ausbildung geht, ziehen die Berater häufig auch die Aus- und Weiterbildungsabteilung der IHK hinzu, die unter anderem beim Azubi-Marketing unterstützt.

Eva Asselmann

Eva Asselmann

© Jens Gyarmaty

Ganz gleich, ob eine Krise persönlicher oder kollektiver Natur sei – die Persönlichkeitspsychologin Prof. Eva Asselmann empfiehlt, den Blick auch auf das Positive zu richten. "Wir Menschen neigen von Natur aus dazu, aufmerksamer für Negatives zu sein und uns in Worst-Case-Szenarien regelrecht hineinzusteigern." Diese sind jedoch nicht nur sehr belastend, sonders meist auch unwahrscheinlich.

"Es ist deshalb ratsam, dem Worst-Case-Szenario ein Best-Case-Szenario entgegenzustellen und zu überlegen, welche Handlungsoptionen ich habe." Um dem Sumpf des Negativen zu entkommen, hilft es, aktiv zu werden.

Eva Asselmann erklärt am Beispiel des Krieges in der Ukraine: "Statt mich in Spekulationen darüber zu verlieren, ob bald der dritte Weltkrieg ausbricht, kann ich zum Beispiel etwas spenden oder mich um Geflüchtete kümmern." Eine wichtige Rolle spielt auch der Nachrichtenkonsum. Diesen sollte man dringend begrenzen, wenn man jede Meldung als belastend empfindet.

"Das sollten Ausbilderinnen und Ausbilder auch in Hinblick auf ihre Azubis im Hinterkopf haben: Gerade junge Menschen erhalten über digitale Medien permanent ungefiltert negative Nachrichten. Außerdem bewegt man sich dort oft in sozialen Bubbles, wo die gemeinsamen Ängste immer wieder geteilt werden. Dadurch kann man schnell noch mehr ins Negative abdriften." Auf die Frage, wie es gelingt, als Ausbildungsverantwortlicher auch in Krisenzeiten Optimismus zu vermitteln, antwortet Eva Asselmann: "Ganz wichtig ist, dass man sich nicht abschottet, sondern transparent bleibt und den Informationsfluss zu den Mitarbeitenden aufrechterhält." Alles andere führe schnell zu starker Verunsicherung und Spekulationen.

"Natürlich sollte man eine schwierige Situation nicht besser darstellen, als sie ist. Dennoch kann man sich auf die Fakten konzentrieren und realistisch bleiben, anstatt übertrieben schwarzzumalen. Außerdem kann es ein starkes Zeichen sein, wenn man mit den Azubis über ihre Sorgen spricht und als Ausbilderin oder Ausbilder signalisiert: Es ist mir wichtig, wie es euch geht". Dabei dürfe man nicht vergessen, selbst gut für sich zu sorgen. "Für manche klingt das egozentrisch, doch man kann sich nur dann um andere kümmern und ein authentisches Vorbild sein, wenn man selbst schaut, dass es einem gut geht."

Kontakt

Mann steht vor Gemälde und hat die Arme verschränkt.
Thilo Kunze Referatsleiter Infocenter, Chefredakteur POSITION

IHK-Bildungsmagazin Position

Dieser Beitrag stammt aus dem IHK-Berufsbildungsmagazin "Position". Es erscheint jeweils zum Quartalsanfang und bietet vor allem Ausbildern, Personalverantwortlichen und Prüfern Tipps, Ideen und Tools zur Fachkräftesicherung, Best Practices sowie bildungspolitische Vorschläge. Unter www.ihk-position.de begleiten Hintergründe, Bilderstrecken und Videos online das Printprodukt.