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Deutschkurse als Teil der Lösung

Viele Unterstützungsangebote für Azubis mit Sprachdefiziten
Geschäftsführer Marcus Böhm

Marcus Böhm, Geschäftsführer der Böhm Güterverkehrs GmbH : "Wir wollen auch Bewerbern eine Chance geben, die es woanders schwer haben"

© Michael Wallmüller

Nur mit guten Deutschkenntnissen gelingt die Ausbildung. Daher sollten Azubis mit Sprachförderbedarf so früh wie möglich Unterstützung erhalten. Eine Möglichkeit sind Berufssprachkurse, die sich an den Ausbildungsinhalten orientieren und auf die Prüfungen vorbereiten.

Von den 165 Angestellten bei der Böhm Güterverkehrs GmbH haben 35 Prozent einen Migrationshintergrund. Sie stammen aus Ländern wie Kasachstan, Marokko, Syrien, dem Irak, dem Sudan und der Ukraine. Viele von ihnen arbeiten schon lange in dem Logistikunternehmen bei Hannover, die meisten als Berufskraftfahrer. Acht der zehn Auszubildenden haben ausländische Wurzeln, drei auch einen Fluchthintergrund. "Wir haben bisher sehr positive Erfahrungen in der Zusammenarbeit gesammelt und erleben unsere Auszubildenden als äußerst motiviert", sagt Geschäftsführer Marcus Böhm, der selbst als Ausbilder tätig ist.

Dem Fachkräftemangel vorbeugen

Während kulturelle Unterschiede eine untergeordnete Rolle spielten, seien sprachliche Barrieren im Arbeitsalltag jedoch oft eine Herausforderung. Deshalb bemüht sich das Unternehmen um Sprachförderung für seine Auszubildenden. "Nachwuchskräfte zu finden ist für uns nicht leicht, das gelingt uns nur mit viel Engagement. Leider genießt der Beruf unter jungen Menschen kein allzu hohes Ansehen. Dabei ist die Ausbildung durchaus anspruchsvoll", sagt Böhm. "Wir haben schon vor Jahren entschieden, dem Fachkräftemangel vorzubeugen, und sind immer wieder neue Wege bei der Rekrutierung von Auszubildenden und Fachkräften gegangen. Wir wollen auch Bewerbern eine Chance geben, die es woanders schwer haben. Das gilt für Umschüler genauso wie für Auszubildende mit mangelnden Deutschkenntnissen."

Für die Ausbildung werden Deutschkenntnisse mindestens auf dem Sprachniveau B1 vorausgesetzt. "Damit können sich die Auszubildenden zwar im Team verständigen, für die Berufsschule reicht das in der Regel aber nicht", sagt Ausbildungsreferentin Ines Basse. Aus diesem Grund vermittelt Basse den Auszubildenden bei Bedarf bereits vor Ausbildungsbeginn den ersten Sprachkurs. Während der Ausbildung folgt dann Sprachunterricht, in dem das berufsspezifische Vokabular im Fokus steht.

Ausbildung anders organisieren

Arne Hirschner, Referent für Arbeitsmarkt und Fachkräftesicherung bei der IHK Hannover

Arne Hirschner

© IHK Hannover

Betriebe, die bei ihren Auszubildenden sprachliche Defizite sehen, können sich zum Beispiel an ihre örtliche IHK wenden. "Wir haben den Überblick über Unterstützungsangebote und Fördermöglichkeiten", sagt Arne Hirschner, Referent für Arbeitsmarkt und Fachkräftesicherung bei der IHK Hannover. Wichtig sei, dass die Auszubildenden genügend Zeit bekämen, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. "Das kann für Betriebe im Einzelfall auch bedeuten, dass sie die Ausbildung zeitlich anders organisieren müssen. Zum Beispiel, indem sie ihre Auszubildenden für einen Sprachkurs freistellen oder die Ausbildung gegebenenfalls verlängern, um einen erfolgreichen Ausbildungsabschluss sicher­zustellen."

In der Region Hannover sind Vorbereitungskurse entstanden, die Auszubildenden die Möglichkeit bieten, sich bereits vor Ausbildungsbeginn einen Monat lang auf die Verbesserung ihrer Deutschkenntnisse zu konzentrieren. Auch die Böhm Güterverkehrs GmbH hat dieses Angebot bereits genutzt. "Um diese Kurse zu besetzen, muss der Sprachförderbedarf zunächst einmal identifiziert werden. Dafür gibt es bislang kein einheitliches Verfahren, etwa von Seiten der Berufsschulen", sagt Hirschner. Hier kommen die Ausbildungsbetriebe ins Spiel. "Sie sollten bereits das Vorstellungsgespräch nutzen, um den Sprachstand des Bewerbers einzuschätzen und ihn bei Bedarf frühzeitig zu fördern. Auszubildende mit mangelnden Sprachkenntnissen laufen andernfalls Gefahr, Prüfungen nicht zu bestehen oder im schlimmsten Fall ihre Ausbildung nicht abzuschließen."

Kostenlose Berufssprachkurse

Um die Zahl der Ausbildungsabbrüche aufgrund von Sprachdefiziten zu reduzieren, bietet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) deutschlandweit kostenlose Sprachkurse für Auszubildende mit Flucht- oder Zuwanderungshintergrund an. Seit 2020 haben über 3.500 Auszubildende an den Kursen teilgenommen. Im Berufsschuljahr 2023/2024 sollen es noch deutlich mehr werden. "Wir sehen in dem Angebot großes Potenzial, da es sich um berufsbezogene Sprachförderung handelt und die Inhalte des Berufsschulunterrichts im Mittelpunkt stehen", sagt Anne Courbois, Integrations- und Arbeitswelt-Expertin bei der DIHK. Auch die Simulation von Prüfungssituationen ist Teil der Kurse. "Wir wissen, dass eine gute Prüfungsvorbereitung eine wichtige Rolle für den Ausbildungserfolg spielt." An einer Berufsschule in Stuttgart konnte die Abbrecherquote dank der BAMF-Sprachkurse bereits nachweislich gesenkt werden. Von Vorteil sei auch, dass die Kurse vielerorts direkt in der Berufsschule stattfinden, so Courbois. "So kommt für die Auszubildenden neben Betrieb und Schule nicht noch ein weiterer Lernort hinzu."

Betriebsklima entscheidend

Courbois betont, dass Sprachkurse nur ein Teil der Lösung sein können. "Viele Auszubildende mit Zuwanderungs- oder Fluchthintergrund brauchen darüber hinaus Unterstützung, zum Beispiel bei der Wohnungssuche." Wichtig sei auch ein Betriebsklima, das diesen Mitarbeitern mit Offenheit und Akzeptanz begegnet. "Man sollte schon im Vorfeld versuchen, mögliche Vorbehalte abzubauen und die Belegschaft zu sensibilisieren, etwa durch interkulturelle Trainings", sagt Courbois. "Außerdem sollte man sich Gedanken über das Onboarding machen. Ein Mentorenprogramm kann helfen, um dem Auszubildenden den Einstieg zu erleichtern." Für eine niedrigschwellige Sprachförderung im Arbeitsalltag seien Piktogramme und leichte Sprache hilfreich.

Sprache nicht der einzige Schlüssel

Ausbildungsreferentin Basse hat in den vergangenen Jahren viel Zeit investiert, um sich über Fördermöglichkeiten und Unterstützungsangebote für Auszubildende mit Zuwanderungs- und Fluchthintergrund zu informieren und sich mit Akteuren in diesem Bereich zu vernetzen. Unter anderem ist die Böhm Güterverkehrs GmbH Mitglied in dem von der DIHK initiierten "Netzwerk Unternehmen Integrieren Flüchtlinge", das Betriebe aller Größen und Branchen bundesweit unterstützt, die geflüchtete Menschen beschäftigen oder ausbilden möchten.

Darüber hinaus werden die Auszubildenden des Logistikunternehmens auch durch das bundesweite Mentorenprogramm VerA (Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen) des Senior Experten Service (SES) sowie die Assistierte Ausbildung der Agentur für Arbeit unterstützt. Im Rahmen der Assistierten Ausbildung – AsA flex erhalten sie Stütz- und Förderunterricht durch Fachlehrer. Dadurch sollen fachliche Inhalte gefestigt, Sprachbarrieren abgebaut und Wissenslücken geschlossen werden. Der Unterricht findet in kleinen Gruppen statt und dient auch der Prüfungsvorbereitung. Außerdem werden den Auszubildenden ein Ausbildungsbegleiter und ein Sozialpädagoge zu Seite gestellt, die bei Schwierigkeiten in der Berufsschule und im Betrieb, aber auch bei privaten Problemen sowie im Umgang mit Behörden oder Banken unterstützen. Zum Ende der Ausbildung hilft der Ausbildungsbegleiter bei der Stellensuche und bei Bewerbungen. Auch die Ausbildungsbetriebe selbst können durch die Assistierte Ausbildung unterstützt werden, zum Beispiel bei der Abstimmung mit der Berufsschule.

Assistierte Ausbildung: "Viel mehr als Nachhilfe"

Harald Mulzer, Seminarleiter bei den Beruflichen Fortbildungszentren der Bayerischen Wirtschaft (bfz) München

Harald Mulzer

© privat

"Die Assistierte Ausbildung wird oft mit Nachhilfe gleichgesetzt, ist aber viel mehr als das", sagt Harald Mulzer, Seminarleiter bei den Beruflichen Fortbildungszentren der Bayerischen Wirtschaft (bfz) München. Von den Auszubildenden, die er und seine Kollegen am Standort Starnberg betreuen, haben rund 75 Prozent einen Flucht- oder Zuwanderungshintergrund. Durch die persönlichen Gespräche, die er mit den Auszubildenden führt, weiß Mulzer um ihre Sorgen und Nöte.

"Mit Nachhilfe und Sprachkursen allein ist es nicht getan. Sie brauchen jemanden, mit dem sie über ihre Probleme und Ängste sprechen können", sagt Mulzer, der Auszubildende auf Wunsch dabei unterstützt, psychotherapeutische Hilfe zu finden. "Die Motivation ist bei den meisten Auszubildenden sehr hoch. Aber nur wenige können ihre Fähigkeiten auch abrufen. Das ist nicht verwunderlich, wenn man sich ihre Geschichten anschaut."

Viele von ihnen haben in ihren Heimatländern keine oder nur eine geringe Schulbildung erhalten. Wer in einem Krisen- oder Kriegsgebiet aufgewachsen ist, hat Terror und Krieg meist hautnah miterlebt. Oft sind diese jungen Menschen unter schwierigsten Bedingungen nach Deutschland geflohen, getrennt von ihren Familien. "Wir können uns kaum vorstellen, was das bedeutet", so Mulzer. "Manche Auszubildenden zeigen mir selbst aufgenommene Bilder, die uns hierzulande nur in den Nachrichten begegnen." Diese psychischen Belastungen durch eine Fluchterfahrung können etwa die Konzentrationsfähigkeit oder das Lernvermögen beeinträchtigen. Für die Ausbildungsbetriebe ist es wichtig, um diese persönlichen Hintergründe zu wissen, um gezielte Unterstützung anbieten zu können.

Unterstützung auf Augenhöhe

Ines Basse und die anderen Ausbildungsverantwortlichen bei der Böhm Güterverkehrs GmbH kümmern sich sehr intensiv um ihre Auszubildenden. "Wir stehen in engem Austausch mit der Berufsschule und helfen auch beim Ausfüllen von Formularen oder bei Behördengängen. In persönlichen Gesprächen erfragen wir regelmäßig, wo unsere Azubis Unterstützung benötigen. Das wissen sie sehr zu schätzen", berichtet Basse. "Dabei ist für uns wichtig, immer auf Augenhöhe mit ihnen zu sein."

Angebote zur Sprachförderung

  • bundesweites kostenloses Angebot für alle Berufsgruppen
  • Unterricht durch zertifizierte Sprachkurstrainer, findet in der Regel direkt in der Berufsschule, beim Sprachkursträger oder online/hybrid statt
  • ein Sprachkurs dauert jeweils ein Berufsschuljahr (120 bis 150 Unterrichtseinheiten à 45 Minuten) das Angebot kann während der gesamten Ausbildungsdauer in Anspruch genommen werden
  • Mindestteilnehmerzahl: 7

Anmeldung über das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) oder die Sprachkursträger.

  • wird bei der Agentur für Arbeit oder dem Jobcenter ­beantragt
  • für Auszubildende und Ausbildungs-betriebe kostenlos
  • umfasst bei Bedarf auch eine berufsbezogene ­Sprachförderung
  • Voraussetzung: Aufenthaltsgenehmigung bzw. Fiktionsbescheinigung, abgeschlossene Schulausbildung (Mittelschulabschluss), Ausbildungsvertrag (kein Umschulungsvertrag), Bestätigung durch Ausbildungsbetrieb
  • Der Einstieg ist jederzeit möglich.

Erklärvideo zu AsA Flex:



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Anne Courbois, Referatsleiterin Integration, Vielfalt, Familie in der Arbeitswelt
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Mann steht vor Gemälde und hat die Arme verschränkt.
Thilo Kunze Referatsleiter Infocenter, Chefredakteur POSITION

IHK-Bildungsmagazin Position

Dieser Beitrag stammt aus dem IHK-Berufsbildungsmagazin "Position". Es erscheint jeweils zum Quartalsanfang und bietet vor allem Ausbildern, Personalverantwortlichen und Prüfern Tipps, Ideen und Tools zur Fachkräftesicherung, Best Practices sowie bildungspolitische Vorschläge. Unter www.ihk-position.de begleiten Hintergründe, Bilderstrecken und Videos online das Printprodukt.