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Noch mehr Fachkräfteengpässe als vor der Krise

Die deutsche Volkswirtschaft steht nicht nur bei der Bewältigung der Pandemiefolgen, sondern auch durch die Digitalisierung der Geschäftsprozesse, den Kampf gegen den Klimawandel und durch den verschärften demografischen Wandel vor großen und langfristigen Modernisierungsherausforderungen. Um diese Herkules-Aufgaben der Zukunft zu stemmen, benötigt die deutsche Wirtschaft Fachkräfte. Der vorliegende DIHK-Report macht jedoch deutlich, dass die gesuchten Fachkräfte in den Unternehmen mehr und mehr zum Engpassfaktor werden. 

Aktuell berichtet mehr als jedes zweite Unternehmen (51 Prozent), dass es längerfristig offene Stellen zumindest teilweise nicht besetzen kann. Damit ist der deutliche Rückgang der Stellenbesetzungsprobleme, der sich im Herbst 2020 infolge der Corona-Pandemie und dem zwischenzeitlichen Einbruch der Personalnachfrage eingestellt hatte, bereits jetzt wieder aufgezehrt. Im letzten Herbst konnten 32 Prozent der Unternehmen Stellen nicht besetzen, das waren 15 Prozentpunkte weniger als im Herbst 2019.

51 Prozent hatten vor Jahresfrist, insbesondere pandemiebedingt, keinen Personalbedarf – aktuell sind dies 34 Prozent. Obwohl die Pandemiefolgen in vielen Unternehmen noch nicht überstanden sind, der Wirtschaftsaufschwung ins Stocken gerät und bezüglich der weiteren Entwicklung erhebliche Unsicherheiten bestehen, sind die Besetzungsprobleme am aktuellen Rand sogar größer als vor der Krise. Nur 15 Prozent der Unternehmen berichten derzeit von problemloser Stellenbesetzung, vor der Krise waren es mit 17 Prozent etwas mehr.

Der Fachkräftemangel ist für die Unternehmen bereits wieder das größte Geschäftsrisiko – dies nennen 59 Prozent. Nachdem dieser schon vor der Krise als Top-Risiko galt, war der Wert im Frühsommer 2020 coronabedingt zwischenzeitlich auf 26 Prozent gefallen. Energie- und Rohstoffpreise folgen aktuell mit 58 Prozent und die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen mit 43 Prozent.

Größte Besetzungsprobleme in der Bauwirtschaft – stärkster Anstieg in der Industrie

Besonders in der Bauwirtschaft bestehen weiterhin Schwierigkeiten. Dort bleiben bei zwei Drittel der Betriebe Stellen unbesetzt – nur neun Prozent beurteilen die Besetzung als problemlos. Der Bau war von den Auswirkungen der Krise weniger stark betroffen als Industrie, Handel und Dienstleistungen, daher fällt der Anstieg im Vorjahresvergleich auch nicht so deutlich aus (plus 11 Prozentpunkte). In der Industrie zeigt sich dagegen ein merkliches Plus von 24 Prozentpunkten, dort kann zurzeit mehr als jedes zweite Unternehmen Stellen nicht wie gewünscht besetzen (53 Prozent). Auch bei den Dienstleistern (50 Prozent; plus 19 Prozentpunkte) und im Handel (45 Prozent; plus 16 Prozentpunkte), bei denen besonders viele Betriebe in den zurückliegenden Monaten der Pandemie von Geschäftseinbußen getroffen wurden, steigen die Besetzungsschwierigkeiten aktuell wieder an.

Viele Branchen betroffen

67 Prozent der Gesundheits- und Sozialdienstleister (unter anderem wirtschaftliche Geschäftsbetriebe von Krankenhäusern oder Arztpraxen, Kindertagesstätten, Pflegeheime, ambulante Alten- und Pflegedienste) können offene Stellen längerfristig nicht besetzen, weil sie keine passenden Fachkräfte finden. Viele Betriebe aus diesem Bereich sind seit Monaten besonders gefordert und benötigen Personal, das jedoch bereits seit etlichen Jahren knapp ist. Hinzu kommt, dass Betriebe auch Beschäftigte verloren haben, die sich vor dem Hintergrund der Pandemie andere Tätigkeiten gesucht haben.

In der Bauwirtschaft insgesamt und in einzelnen Teilbereichen des Baus wie zum Beispiel dem Ausbaugewerbe (72 Prozent) und dem Tiefbau (67 Prozent), aber auch in Architektur- und Ingenieurbüros (58 Prozent), sind die Personalprobleme besonders stark ausgeprägt. Viele private wie öffentliche Bauvorhaben und nicht zuletzt die Erweiterung und Modernisierung der öffentlichen Verkehrs- und Kommunikationsinfrastruktur können damit ausgebremst werden, selbst wenn die Finanzierung für solche Vorhaben gesichert ist. Personalknappheit in der öffentlichen Verwaltung mit Blick auf nötige Genehmigungsverfahren sowie Materialknappheiten sind weitere Hürden in diesem Kontext. Bei Ersterem könnten perspektivisch digitale Verfahren helfen und zur Beschleunigung beitragen.

Im Gastgewerbe treten die Stellenbesetzungsprobleme deutlicher denn je zutage, nachdem die Betriebe dort besonders von Lockdown-Maßnahmen betroffen waren. Der Anteil mit solchen Schwierigkeiten hat sich im Vorjahresvergleich von 31 Prozent auf 66 Prozent mehr als verdoppelt. Im Herbst 2019 – vor der Krise – waren es 57 Prozent. Mit ihrer jetzigen Nachfrage nach Arbeitskräften dürften viele Betriebe versuchen, Stellen wieder zu besetzen, die im Zuge des Lockdowns verloren gegangen sind. Nicht selten haben Beschäftigte zu Zeiten geschlossener Hotels und Restaurants alternative Tätigkeiten in anderen Branchen gefunden und sind dort geblieben, was die Suche der Gastronomie zur Herausforderung macht.

Die Gruppe der Investitionsgüterproduzenten (wie zum Beispiel Maschinenbau, Hersteller von EDV-Geräten, Fahrzeugbau) ist ebenfalls überdurchschnittlich häufig mit Besetzungsschwierigkeiten konfrontiert (57 Prozent). Investitionen sind ein Schlüssel für nachhaltiges Wachstum und Zukunftsfähigkeit. Allerdings sehen die Unternehmen einen erheblichen Investitionsbedarf im öffentlichen und privaten Bereich. Fehlende Fachkräfte bei den dafür relevanten Herstellern können die nötigen Investitionen verringern. 

Schwierigkeiten besonders im Mittelstand

Mit größerer Belegschaft nimmt der Anteil der Unternehmen zu, die Stellen nicht wie geplant besetzen können (64 Prozent der Unternehmen mit 20 bis 199 und 66 Prozent mit 200 bis 999 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern; bei Großunternehmen mit über 1.000 Beschäftigten sind es 59 Prozent). Bei der Interpretation ist zu beachten, dass größere Unternehmen regelmäßig Personal suchen und daher im Vergleich mit KMU auch der Anteil höher ist, der Stellen nicht besetzen kann. Dennoch gelingt diesen Unternehmen im Vergleich mit kleinen Betrieben die Stellenbesetzung etwas öfter ohne Probleme: So berichten etwa 29 Prozent der Großunternehmen und 22 Prozent in der Größenklasse 200 bis 999 Beschäftigte von problemloser Stellenbesetzung, während dies bei den kleinen mit bis zu 19 Beschäftigten 11 Prozent sind.

Jedes dritte dieser KMU mit bis zu 19 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kann Stellen nicht besetzen. Dieser Wert liegt deshalb unter dem Durchschnitt der Gesamtwirtschaft, weil in den kleinsten und kleinen Betrieben derzeit in weniger als jedem zweiten Betrieb überhaupt nach Personal gesucht wird. Deshalb ist dort der Anteil derer, die längerfristig Stellen nicht besetzen können, unterdurchschnittlich stark ausgeprägt. 37 Prozent der Betriebe mit bis zu 19 Mitarbeitenden können ihre Stellen nicht besetzen. Suchen sie jedoch, so gestaltet sich die Einstellung von Personal schwierig (nur 11 Prozent berichten von einer problemlosen Stellenbesetzung).

Die regionale Auswertung der Stellenbesetzungsproblematik zeigt: Der Norden (52 Prozent) liegt einen Prozentpunkt über dem Durchschnitt, der Westen (47 Prozent) und Osten (45 Prozent) liegen unter dem Durchschnitt. Allerdings berichten die Betriebe im Osten am seltensten von einer problemlosen Stellenbesetzung (dort ist zugleich der Anteil ohne Personalbedarf im Vergleich am höchsten). Wenn die Betriebe dort suchen, stehen sie vor erheblichen Herausforderungen, die häufig auf die dort weiter vorangeschrittene demografische Entwicklung zurückgehen. 58 Prozent der Betriebe im Süden haben längerfristig Probleme, ihre Stellen zu besetzen. Der überproportional hohe Wert im Süden hängt insbesondere mit der Wirtschaftsstruktur der Region zusammen. Im Süden Deutschlands finden sich vermehrt die größeren Betriebe der Industrie.

51 Prozent

51 Prozent der Unternehmen können Stellen nicht besetzen, weil sie keine passenden Bewerber finden