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Unternehmen suchen am häufigsten beruflich Qualifizierte – Tendenz steigend

Zur Einschätzung der gesuchten Qualifikationen wurden im Rahmen der Umfrage diejenigen Unternehmen, die derzeit Stellen längerfristig nicht besetzen können gebeten, anzugeben, für welches Qualifikationsniveau sie erfolglos Arbeitskräfte suchen. Unternehmen, die entweder keinen Personalbedarf haben oder denen problemlos die Einstellung gelingt, werden im Folgenden nicht berücksichtigt.

Mehr als jedes zweite Unternehmen (57 Prozent), das längerfristig Stellen nicht besetzen kann, sucht erfolglos Facharbeiterinnen und Facharbeiter mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung. Diese beruflich Qualifizierten waren bereits 2018 die am stärksten nachgefragten Personen einer Belegschaft (49 Prozent). Trotz der schwierigen Umstände der Corona-Pandemie ist der Wert in dieser Zeit um ganze 8 Prozentpunkte gestiegen. Hatte die Umfrage zuvor von einem klaren Trend auf hohem Niveau gesprochen, hat der Wert nun einen Höchststand erreicht. Beruflich Qualifizierte werden – nicht erst seit diesem Jahr – händeringend gesucht.

Auch die Absolventinnen und Absolventen einer höheren Berufsbildung – einer Weiterbildung, zum Meister oder Fachwirt – suchen die Unternehmen auf nahezu konstant hohem Niveau vergeblich: 36 Prozent (2018: 38 Prozent) der Betriebe, die Fachkräfte längerfristig nicht finden können, suchen höher Qualifizierte der beruflichen Bildung. Hierbei ist es wichtig, diese quantitativ in den Arbeitsmarkt einzuordnen. Ihre Anzahl ist im Verhältnis zu Absolventinnen und Absolventen einer dualen Ausbildung oder zu Hochschulabsolventinnen und -absolventen deutlich geringer. Damit deutet der Wert von 36 Prozent der Unternehmen, die erfolglos suchen, auf erhebliche Engpässe in diesem Qualifikationsbereich hin.

Jährlich nehmen die IHKs in der Höheren Berufsbildung etwa 60.000 Prüfungen ab. Bundesweit haben schätzungsweise rund 2,5 Millionen Erwerbstätige einen solchen wertigen Abschluss der Höheren Berufsbildung und haben sich zum Fachwirt, Meister, Bilanzbuchhalter oder Betriebswirt weitergebildet. Zum Vergleich: Die Zahl der Hochschulabgehenden liegt allein pro Jahr bei rund einer halben Million, während fast 400.000 Personen jährlich erfolgreich ihre Erstausbildung abschließen.

Die erfolglose Suche nach Hochschulabsolventen beschäftigt mit 32 Prozent ähnlich viele Unternehmen – auch hier zeigt sich eine hohe Konstanz (2018: 33 Prozent). In 35 Prozent der Unternehmen bestehen die Besetzungsprobleme auch für Stellen ohne Ausbildung und formalen Abschluss. Im Vergleich zu 2018 ist dieser Wert um 5 Prozentpunkte gestiegen.

Duale Ausbildung ist das Rückgrat des deutschen Mittelstands

Die Schwierigkeiten, Kandidatinnen und Kandidaten mit dualer Ausbildung zu gewinnen, bestehen in allen Wirtschaftszweigen – besonders ausgeprägt sind sie im Handel (63 Prozent). Etwas schwieriger als im Durchschnitt fällt es auch den Unternehmen des Baugewerbes und der Industrie (jeweils 60 Prozent), Fachkräfte mit Berufsabschluss zu finden. Bei den Dienstleistern sind es 53 Prozent. Zu den einzelnen Branchen, in denen Absolventinnen und Absolventen der dualen Ausbildung besonders häufig ohne Erfolg gesucht werden, zählen zum Beispiel Kfz-Handel und -Reparatur (72 Prozent), Hersteller von Metallerzeugnissen (67 Prozent), das Gastgewerbe (66 Prozent) sowie der Maschinenbau (64 Prozent).

Fachkräfte mit einem Berufsabschluss einer dualen Ausbildung werden am häufigsten in Betrieben mit mehr als 20 und weniger als 1.000 Mitarbeitenden erfolglos gesucht. Das kann darauf zurückgeführt werden, dass der deutsche Mittelstand selbst überproportional viel ausbildet und deshalb um die hohen Qualifikationen von Ausbildungsabsolventinnen und Absolventen weiß. Die größeren Besetzungsschwierigkeiten von KMU im Vergleich zu Großunternehmen können einerseits auf die anzahlmäßig hohe Nachfrage nach Ausbildungsabsolventinnen und -absolventen und andererseits auf die niedrigere Bekanntheit von kleineren Unternehmen zurückgeführt werden. Großunternehmen sind aufgrund ihrer Produkte häufig bekannter, was bei der Besetzung von Stellen von Vorteil sein kann.

Erfolgreich mit Höherer Berufsbildung

Besonders oft vergeblich nachgefragt werden die Absolventinnen und Absolventen der Höheren Berufsbildung in der Bauwirtschaft (44 Prozent) und in der Industrie (41 Prozent). Bei den einzelnen Branchen stehen die Energieversoger (64 Prozent) – dort sind Kandidatinnen und Kandidaten mit Weiterbildungsabschluss sogar am häufigsten gesucht –, Finanz- und Versicherungsdienstleister (57 Prozent), Hersteller elektrischer Ausrüstungen (49 Prozent) sowie der hochwertige Maschinenbau (47 Prozent) mit an der Spitze. Der Transformationsprozess der Wirtschaft mit Schwerpunkten bei Klimawandel, Energiewende, Digitalisierung und Elektrifizierung kann dafür mitverantwortlich sein.

Zudem sind es eher größere Unternehmen, die erfolglos nach diesen Personen suchen. Dies gilt zum Beispiel für die Hälfte der Betriebe mit 200 bis unter 1.000 Beschäftigten, aber nur für rund jedes vierte Unternehmen mit weniger als 20 Mitarbeitenden.

IT sucht Personen mit Hochschulabschluss

Lücken bei der Stellenbesetzung mit Hochschulabsolventinnen und -absolventen zeigen sich besonders häufig bei Dienstleistungsunternehmen (35 Prozent) und in der Industrie (31 Prozent). Hier stehen unter anderem Programmierer (90 Prozent), IT- sowie Informationsdienstleister (86 Prozent beziehungsweise 83 Prozent) an der Spitze der suchenden Branchen, was die Knappheit der IT-Experten zum Ausdruck bringt. Auch die Bereiche Forschung und Entwicklung (68 Prozent) sowie Elektro-Spitzentechnologie (60 Prozent) suchen überdurchschnittlich oft vergeblich. Engpässe bei den MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) machen sich deutlich bemerkbar.

In den Großunternehmen hat die Suche nach Personen mit (Fach-)Hochschulabschluss ein höheres Gewicht – dort stehen sie mit 74 Prozent an der Spitze, während es in KMU mit weniger als 200 Beschäftigten 28 Prozent sind.

Kandidaten ohne Berufsabschluss sind gefragter denn je

Mehr als jedes dritte Unternehmen gibt an, auch Stellen für Personen ohne Ausbildung nicht besetzen zu können. Dieses gilt in besonderem Maße für Dienstleister (39 Prozent). Der Gesamtwert hat sich gegenüber 2018 um 5 Prozentpunkte und gegenüber 2016 um 11 Prozentpunkte erhöht.

Dies ist ein Hinweis darauf, dass etliche Betriebe nicht mehr nur Fachkräfteengpässe, sondern zunehmend Arbeitskräfteengpässe auch im niedrigen Qualifikationsbereich haben. Betroffen sind insbesondere Branchen, in denen auch einfache Tätigkeiten gefragt sind wie zum Beispiel Sicherheitswirtschaft (81 Prozent), Reinigungsdienste (80 Prozent), Straßenverkehr, Schienennahverkehr (74 Prozent) sowie Gebäudebetreuung, Garten- und Landschaftsbau (59 Prozent).

Gerade in Branchen, die in früheren Umfragen bereits ein hohes Niveau an vergeblich suchenden Unternehmen für dual Qualifizierte gezeigt hatten, ergibt sich gleichermaßen ein hoher Anteil an Unternehmen, die diese Stellen nun (auch) mit Arbeitskräften ohne Berufsabschluss besetzen würden. So können 68 Prozent der Betriebe der Gastronomie selbst Tätigkeiten, für die kein formaler Abschluss benötigt wird, nicht besetzen.

Gleiches gilt für den Bereich Verkehr & Lagerei: 65 Prozent derer, die ihre Stellen langfristig nicht besetzen können, suchen hierfür ungelernte Kräfte. Der Anstieg in einigen Branchen ist nicht zuletzt eine Folge der Pandemie. Ungelernte Kräfte wie zum Beispiel Minijobber, Schüler, Studenten, Rentner sowie Personen ohne beruflichen Abschluss haben im Lockdown die zwischenzeitlich geschlossenen Betriebe zum Beispiel in der Gastronomie verlassen, nun fällt es den Betrieben zunehmend schwer, Ersatz zu finden. Hinzu kommt, dass infolge der erschwerten Zuwanderung aus dem Ausland als Coronafolge weniger Arbeitskräfte nach Deutschland kommen konnten und auch teilweise noch nicht wieder können.

Aus Sicht der Personen, die über keinen formalen Berufsabschluss verfügen, bietet die Suche der Unternehmen Chancen für einen Einstieg in Beschäftigung. Mittel- und langfristig sollten sich junge Menschen jedoch nicht auf diese derzeit guten Beschäftigungsperspektiven verlassen und stattdessen mit dem erfolgreichen Abschluss einer dualen Ausbildung ein Fundament für ihre Zukunft bauen. Beschäftigte, die trotz fehlenden Abschlusses, in den Unternehmen eine Beschäftigung gefunden haben, sind gut beraten, ihr Wissen sukzessive weiterzuentwickeln. Die Transformation der Wirtschaft wird häufig zu komplexeren Anforderungen führen, denen mit Qualifizierung begegnet werden kann.

Auch für Arbeitslose entstehen Chancen auf Beschäftigung. So verfügt rund jeder zweite Arbeitslose insgesamt und zwei Drittel der Arbeitslosen im SGB II-Bezug über keine abgeschlossene Berufsausbildung. Von 2015 bis 2019 (also vor der Corona-Krise) ist die Arbeitslosenquote der Personen ohne Ausbildung von 20,3 Prozent auf 17,0 Prozent gefallen. Auch für Geflüchtete, die oftmals keine (formale) Qualifizierung haben, bieten sich hier Gelegenheiten für den Weg in den Arbeitsmarkt.

8 Prozentpunkte

Im Vergleich zu 2018 ist der Anteil der Unternehmen, die erfolglos Fachkräfte mit abgeschlossener Berufsausbildung suchen, um 8 Prozentpunkte gestiegen.