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Vielfalt trotz Krise

Ausbildung und Beschäftigung von Geflüchteten in Zeiten der Corona-Pandemie

Geflüchtete trifft die Corona-Krise besonders hart

© Netzwerk Unternehmen integrieren Flüchtlinge / Markus Braumann (offenblen.de)

Die Corona-Pandemie führt bei vielen Betrieben zu wirtschaftlichen Einbußen. Ausbildung und Beschäftigung von Geflüchteten sind vor diesem Hintergrund noch größere Herausforderungen als ohnehin schon. Wie gehen Unternehmen mit dieser Aufgabe in Krisenzeiten um? Was bedeutet ein Verlust der Arbeitsstelle für Geflüchtete? Und welche zukünftigen Herausforderungen stehen noch bevor? Das "Netzwerk Unternehmen integrieren Flüchtlinge" berät seit mehr als vier Jahren Betriebe, die Geflüchtete beschäftigten oder ausbilden. Ein Stimmungsbild.

Erfreulich waren die Zahlen zur Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten vor Ausbruch der Pandemie. Rund die Hälfte der Menschen, die seit 2013 nach Deutschland kamen, gingen einer Erwerbstätigkeit nach (Quelle: IAB Kurzbericht 4/2020).

Doch die Corona-Krise hat diesen Trend abrupt gestoppt. Die Ausbreitung von Covid-19 und die damit verbundenen Einschränkungen treffen Flüchtlinge am Arbeitsmarkt besonders hart. Viele sind im Gastgewerbe, Handel, in Zeitarbeitsfirmen und im verarbeitende Gewerbe tätig – Branchen, die von den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie besonders betroffen sind.

Existenzielle Angst in der Corona-Krise

"In den vergangenen Jahren konnten viele Geflüchtete vom Fachkräftemangel in vielen Branchen profitieren", befürchtet Marlene Thiele, Projektleiterin vom Netzwerk Unternehmen integrieren Flüchtlinge." Sollte sich die Zahl der Arbeitssuchenden in den kommenden Monaten deutlich erhöhen, wird es möglicherweise einigen Betrieben schwerer fallen, in den Mehraufwand zu investieren, der durch behördliche Auflage oder Sprachförderbedarf für Geflüchtete mitunter entsteht."

Gleichzeitig hängt für geflüchtete Menschen in Ausbildungs- oder Beschäftigungsduldung vom Arbeitsplatz auch der befristete Aufenthalt in Deutschland ab. Mit der Entwicklung am Arbeitsmarkt ist also eine zusätzliche Verunsicherung verbunden – und auch für die betroffenen Betriebe wird die Situation dadurch schwieriger.

Marlene Thiele appelliert: "Unser Wunsch in der aktuellen Situation ist ganz klar, dass Unternehmen die Zielgruppe Geflüchtete nicht aus den Augen verlieren. Der Arbeitsplatz ist für Geflüchtete nicht nur für ihren Lebensunterhalt wichtig: Hier entsteht auch Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen – er ist ein ganz wichtiger Ort der Integration."

Besondere Herausforderungen bei der Ausbildung von Geflüchteten

In den Mitgliedsunternehmen im Netzwerk ist die Ausbildung die mit Abstand häufigste Beschäftigungsform. Auch die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit bestätigen diesen Trend: Seit 2015 ist die Zahl der Geflüchteten in Ausbildung um das Achtfache angestiegen und lag im Dezember 2019 bei 55.000. Es zeichnet sich bereits ab, dass die Zahl der neuen Ausbildungsverträge derzeit spürbar hinter jenen des Vorjahreszeitraums zurückbleiben. Dies wird auch für Geflüchtete spürbar sein.
"Gleichzeitig geben uns Mitgliedsunternehmen im Netzwerk auch das deutliche Signal: Die Zahl der Ausbildungsstellen soll nicht reduziert werden", betont Thiele.

"Auch Betriebe in Kurzarbeit wollen Auszubildende mit Fluchthintergrund übernehmen, andere entwickeln kreative Ideen, um für die neue Ausbildungssaison auch bei sozialer Distanz in Kontakt mit der Zielgruppe zu kommen."

Eines ist jedoch schon heute klar: Für Geflüchtete, die bereits in Ausbildung sind, haben die Einschränkungen in Folge der Corona-Pandemie enorme Auswirkungen. "Verständnisprobleme sind beispielsweise digital viel schwerer zu lösen als direkt in der Schule", erläutert Thiele. "Außerdem haben viele Geflüchtete keinen Laptop, um dem digitalen Unterricht zu folgen, oder sie müssen sich diesen mit anderen teilen. Das erschwert auch die Vorbereitungen auf die Prüfungen, die für Nicht-Muttersprachler ohnehin schon herausfordernd sind."

Komplette Auswirkungen sind noch nicht absehbar

Das Netzwerk Unternehmen integrieren Flüchtlinge wurde 2016 als gemeinsame Initiative des DIHK und des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie gegründet. Mit rund 2.500 Mitgliedern ist das Netzwerk deutschlandweit der größte Zusammenschluss von Unternehmen, die sich für die Beschäftigung von Geflüchteten engagieren.

Die Veränderungen durch die Corona-Pandemie spürt auch Marlene Thiele in den Gesprächen mit den Mitgliedsunternehmen: "Unsere Aufgabe ist immer mehr, Unternehmen dafür zu begeistern, auch in Krisenzeiten ihr Engagement für Vielfalt und Geflüchtete aufrechtzuerhalten."

Doch der demografische Wandel und der damit einhergehende Fachkräftemangel werden auch unter Corona nicht ausgehebelt. Perspektivisch könnte sich die Lage am Arbeitsmarkt wieder entspannen.

"Wir schaffen das!" – fünf Jahre ist es her, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel mit diesem Satz die deutsche Bevölkerung positiv auf die Integration von Geflüchteten einstimmte. Seitdem ist viel passiert. Welche Auswirkungen Covid-19 letztlich auf die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten hat, wird sich wohl in den kommenden Monaten zeigen.

Weitere Informationen zum Netzwerk Unternehmen integrieren Flüchtlinge finden Sie auf der Seite des Netzwerks www.nuif.de. Tipps für Betriebe, die auch in Krisenzeiten ihr Engagement aufrechterhalten möchten, hat das Netzwerk hier zusammengestellt: www.unternehmen-integrieren-fluechtlinge.de/news/kreativ-durch-die-krise .

Hier finden Sie die Mitgliedsbefragung 2020 des Netzwerks Unternehmen integrieren Flüchtlinge (PDF, 360 KB).

Kontakt

Porträtbild Ellen Böttcher
Ellen Boettcher Pressereferentin Netzwerk Unternehmen integrieren Flüchtlinge