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"Azubis platzen oft vor Stolz"

Porträtfoto Swaantje Creusen

Swaantje Creusen ist Vorsitzende des DIHK-Bildungsausschusses

© Dehner

Swaantje Creusen ist seit Juni 2021 neue Vorsitzende des DIHK-Bildungsausschusses. Junge Menschen brauchen Wertschätzung und eine gute Ausbildungsbetreuung – heute mehr denn je, sagt sie in unserem Interview.

Frau Creusen, die Corona-Maßnahmen haben viele Unternehmen hart getroffen. Was denken Sie: Zeit für einen generellen Einstellungsstopp?

Im Gegenteil! Die Betriebe müssen sich gerade jetzt die Altersstruktur ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter genau anschauen. Viele Menschen der sogenannten geburtenstarken Jahrgänge gehen demnächst in den Ruhestand. Deswegen investieren wir jetzt massiv in die Nachwuchsgewinnung. Für unser Unternehmen etwa hat sich der Bedarf an Auszubildenden in den vergangenen Jahren verdoppelt.

Als großes Unternehmen fällt es uns leichter, Jugendliche für uns zu begeistern. Kleinere und mittlere Unternehmen müssen da kreativer sein. Dabei ist es nicht nur die Bezahlung, die anziehend wirkt. Nach meiner Erfahrung schätzen die jungen Menschen echte Betreuung: sinnvolle Tätigkeiten, ein langfristiges betriebliches Zuhause, aber auch einen Ausbilder, der den Sorgen und Nöten mit einem offenen Ohr begegnet.

Wie kann aus Ihrer Sicht der Bildungsweg "Ausbildung" gegen Abitur und Studium bestehen?

Ich erlebe täglich Azubis, die vor Stolz fast platzen, wenn sie von ihrem Beruf erzählen. Wer für Tiere und Pflanzen schwärmt, wird es lieben, sie täglich umsorgen und pflegen zu dürfen. Diese hohe Zufriedenheit merken wir bei uns im Unternehmen an langjährigen Zugehörigkeiten: Wer seine Leidenschaft gefunden hat, wer sich geschätzt und gefördert fühlt, der bleibt dem Betrieb lange und gern erhalten.

Damit das noch öfter gelingen kann, brauchen wir teilweise eine bessere Übersetzungsleistung. Die jungen Menschen wollen genau wissen, was sie in ihrer Ausbildung erwartet: Welche Inhalte kommen auf mich zu, welche Schwerpunkte kann ich setzen? Bei der Beantwortung dieser Fragen müssen oft, auch schon vor der Ausbildung, die Betriebe einspringen. Und wir sollten die Vorzüge der Ausbildung noch offensiver kommunizieren: dass man von Anfang an Geld verdient, welche Abschlüsse man erreichen kann, wie vielfältig die Karrierechancen sind!

Sie sind Feuer und Flamme für die duale Bildung. Wo gibt es Verbesserungspotenzial?

Bei der Digitalisierung hinken wir hinterher. Leider. Es kann nicht sein, dass junge Menschen ihr privates Leben fast vollständig online organisieren, und in der Ausbildung wird mit Schreibblock und Bleistift gearbeitet. Jeder Azubi, jeder Mitarbeiter hat heute in der Praxis mit digitalen Abläufen zu tun. Darauf müssen sie besser vorbereitet werden.

Wir merken auch, dass es in manchen Berufen an Prüferinnen und Prüfern fehlt. Teilweise müssen deswegen Prüfungen verschoben werden, auch bei Fort- und Weiterbildungen. Wir sollten überlegen: Wie können wir bei sinkender Anzahl von Prüfern die Prüfungsleistung aufrechterhalten? Und dann die Berufsschulen: Ganz ehrlich – einfach nur Arbeitsblätter auszuteilen, ist kein Unterricht. Das ist zwar nicht der Regelfall und hängt stark vom einzelnen Lehrer ab, aber grundsätzlich ist es schon so, dass viele neue Ideen zu Didaktik und Methodik auf den Tisch müssen.

Jung zu sein, wird nach meiner Wahrnehmung mit jeder Generation komplizierter. Dem sollten wir als Erwachsene, Lehrer und Arbeitgeber begegnen – mit überarbeiteten Bildungskonzepten, mit Offenheit für neue Technologien und vor allem mit ganz viel Wertschätzung!

Kontakt

Porträtfoto Julia Théréné
Julia Théréné Referatsleiterin Berufsbildungsrecht

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Urban Comploj Referatsleiter Texte und Reden

Zur Person

Swaantje Creusen ist seit 2013 Leiterin Personalentwicklung & Performance Development bei der Dehner Holding GmbH & Co. KG. Neben der Entwicklung von Mitarbeitern in ihrem Unternehmen ist sie für die betriebliche Ausbildung und das Gesundheitsmanagement zuständig. In ihrer Freizeit engagierte sie sich viele Jahre bei den Wirtschaftsjunioren Deutschland.