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"Auf ein Chaos kann man sich nicht richtig vorbereiten"

Martin Wansleben hofft beim Brexit auf pragmatische Regeln

(16.01.2019) Nachdem das britische Parlament gestern das "vernünftige Abkommen" abgelehnt hat, droht ein chaotischer Brexit. Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), skizzierte heute in einem Radiointerview die Folgen.

DIHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Martin Wansleben, Foto: Jens Schicke

Nachfolgend zitieren wir das "Tagesgespräch" mit dem SWR2 im Wortlaut:

"SWR2: Der 29. März, der Tag des Brexit, wird ein Tag des Chaos werden. Das ist vorherrschende Meinung. Glauben Sie das auch, Herr Wansleben?

Martin Wansleben: Na ja, wir wissen ja noch nicht einmal, ob es der 29. März wird. Vielleicht wird es auch der 29. April, keine Ahnung. Da ist ja im Moment überall ein Fragezeichen. Das einzige, was man weiß, ist: Das, was gut gewesen wäre für die deutsche Wirtschaft oder für die englische, europäische und deutsche Wirtschaft, wird nicht kommen, nämlich das vernünftige Abkommen.

SWR2: Die Zeit wird jedenfalls knapp, um noch irgendwelche Regeln zu finden, und ob es der März oder der April wird, das sei einmal dahingestellt. Was wird Ihrer Meinung nach an diesem Tag X passieren an den Häfen, den Flughäfen und am Eurotunnel?

Wansleben: Ja, das ist eine gute Frage. Wir sind eigentlich jetzt darauf angewiesen, um völliges Chaos zu verhindern, dass es irgendwie pragmatische Lösungen gibt. Nun ist das ja nicht nur eine Frage der Phantasie von den Menschen, die daran beteiligt sind, sondern es gibt irgendwie auch klare Regeln, denn wir haben ja in jeder Form Freizügigkeit im Binnenmarkt.

Wenn jetzt aber England draußen ist und sich gar nicht mehr an Regeln halten muss, die in Europa gelten, dann gibt es ein massives Interesse von uns allen, dass die Grenzen geschützt werden. Also, da gibt es Grenzen in der Öffnung der Grenzen, also da ist ein gewisses Chaos, da ist Bürokratie vorhersehbar, da sind Zölle vorhersehbar.

Und ich habe fast den Eindruck, im Moment hat man das Gefühl, noch viel schlimmer ist, wann wird eigentlich britische Politik berechenbar? Stellen Sie sich vor, Sie haben ein Unternehmen in England als Deutscher – oder auch im Übrigen als Engländer. Sie wissen gar nicht, was wirklich auf Sie zukommt, wie wird die Konjunktur, wie wird die Politik, also da steht jetzt viel in Fragezeichen, und diese Verunsicherung wird die wirtschaftliche Entwicklung in England erheblich nachteilig beeinflussen, und das hat auch Auswirkungen auf uns.

SWR2: Sie sagen, Sie wünschen sich 'irgendwie' pragmatische Regeln. Dieses Irgendwie ist aber genau das Problem, oder haben Sie eine konkrete Vorstellung, was wer jetzt machen kann?

Wansleben: Also, ich meine, wir wissen ja, dass etwa zehn- bis zwölftausend LKW im Moment im normalen Geschäft durch Dover fahren. Man muss sich mal vorstellen, jeder LKW wird eine Viertelstunde, 20 Minuten, eine halbe Stunde kontrolliert, das kann man sich nicht mehr vorstellen. Das sind Dimensionen, die sind nicht händelbar.

Also, die Verbindung zwischen Großbritannien und Europa, wirtschaftlich gesehen, ist so eng, dass eigentlich eine Grenze da nicht funktioniert. Also muss man irgendwie hoffen, dass es irgendwie funktioniert, und es gibt ja auch gerade deutsche Unternehmen, die jetzt anfangen oder die schon angefangen haben, Material zu horten, Ersatzteile, Teile, die sie brauchen zur Produktion. Aber vieles von dem, was an positiven Wirkungen mit der Arbeitsteilung innerhalb Europas auch für England (auch für Deutschland) abgefallen ist, das steht jetzt in Frage. Also, die Engländer gucken in schwierige Zeiten.

SWR2: Bundesfinanzminister Scholz sagt ja, man sei hier vorbereitet auf den ungeregelten Brexit. Sehen Sie da irgendetwas?

Wansleben: Na, die Frage ist, wer 'man' ist, und die Frage ist, man sei vorbereitet. Also, auf ein Chaos so richtig vorbereitet sein, das stelle ich mir sehr schwierig vor. Stellen Sie sich vor, Sie sind ein normales Unternehmen, müssen davon leben, dass Sie Teile oder Maschinen oder Messer nach Großbritannien liefern. Wenn die Grenze zu ist, ist sie zu, können Sie nicht mehr liefern. Sie müssen also jetzt gucken, dass Sie irgendwie schon Teile in England haben.

Sie wissen nicht genau, wie das mit den Zöllen wird. Sie wissen auch nicht, das ist ein ganz wichtiger Punkt, können Sie eigentlich die Zölle, die ja ihre Produkte für England dann verteuern, können Sie die eigentlich auf die Preise oben draufsetzen? Zahlen die Engländer in Zukunft mehr, oder geht das voll auf ihre Marge? Und Sie wissen nicht, was mit der wirtschaftlichen Entwicklung in England wird, denn da gibt es ja Schwierigkeiten. Also, so richtig auf ein Chaos vorbereiten kann man sich, glaube ich, nicht.

SWR2: Welche Folgen könnte das denn beispielsweise für die deutsche Autoindustrie haben?

Wansleben: Ja, Sie sprechen ein ganz wichtiges Thema an. Sie hat ja ohnehin im Moment erhebliche Herausforderungen. Sie ist sehr integriert europaweit, also es werden hüben wie drüben Teile produziert, werden Produkte oder Autos produziert, werden produziert nicht nur in diesem Fall für den englischen Markt, sondern für den gesamten europäischen oder für den gesamten Weltmarkt.

Diese ganzen Fragen stehen jetzt komplett in Frage, denn wenn sie in England nicht mehr dieselben Regeln haben wie in Europa, wenn sie Zölle zahlen müssen, dann wird es zunehmend unrealistisch oder nicht mehr wirtschaftlich vertretbar, in einem solchen Land für ganz Europa zu produzieren.

Also, da geht es um Investitionen, da geht es um Kapazitäten und – was für einzelne Unternehmen hinzukommt – da geht es auch um die sogenannte Abschreibung auf Anlagen. Also stellen Sie sich vor, Sie haben investiert in ein Werk von einer Milliarde, das können Sie nur noch halb auslasten. Da müssen Sie fünfhundert Millionen abschreiben. Das tut schon weh."

Sie finden das Interview auch als Audio-File auf der Website des SWR2.