industrieller Mittelstand

Mittelstand droht dauerhaft abzurutschen

Sonderauswertung "Konjunktur Insight" zur Herbst-Umfrage 2025

Hohe Energie- und Arbeitskosten, lange und komplexe Genehmigungsverfahren, eine Vielzahl bürokratischer Vorgaben sowie wirtschaftspolitische und geopolitische Unsicherheiten bremsen die Wettbewerbsfähigkeit vor allem der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) hierzulande. Impulse der Bundesregierung kommen in der Breite bisher nur begrenzt an.

Die seit fünf Jahren andauernde wirtschaftliche Abfolge schwerer Wirtschaftskrisen und wirtschaftliche Unsicherheiten treffen vor allem den Mittelstand besonders hart. Dies zeigt eine Analyse der Langzeitdaten der DIHK-Konjunkturumfrage. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU, bis 200 Beschäftigte) schätzen ihre Geschäftslage und -erwartungen unter dem Strich deutlich schlechter ein als Großunternehmen (ab 1.000 Beschäftigte) – und sind folglich auch deutlich zurückhaltender bei ihren Investitions- und Beschäftigungsabsichten. 

Mittelstand im roten Bereich: Impulse der Politik kommen kaum an 

Seit vier Jahren verschlechtert sich die Lage der Unternehmen – deutlich und in der Breite der Wirtschaft. Lediglich eine kurze Erholungsphase nach der Pandemie hat diesen Negativtrend unterbrochen. Hohe Energie- und Arbeitskosten, langwierige Genehmigungsverfahren, die Vielzahl bürokratischer Vorgaben sowie wirtschaftspolitische und geopolitische Unsicherheiten bremsen die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Impulse der Bundesregierung haben bisher nicht zu Verbesserungen bei den Unternehmen geführt. 

Kleine und mittelgroße Unternehmen sind durch die eingetretenen Krisen besonders gebeutelt. Sie schätzen ihre Geschäftssituation schlechter ein als große Unternehmen. Aktuell sind 26 Prozent der mittelständischen Unternehmen mit ihrer Lage nicht zufrieden, demgegenüber stehen 25 Prozent zufriedene KMU (Saldo: minus 1 Punkt). Offensichtlich setzt insbesondere der schwache Konsum dem tendenziell binnenorientierten Mittelstand sehr zu. So vermelden die kleinen und mittelgroßen Unternehmen im Einzelhandel besonders unterdurchschnittliche Lagebewertungen (Saldo: minus 13 Punkte). 

Auch immer mehr Großunternehmen berichten von einer schwierigen Geschäftssituation. Unter dem Strich überwiegen allerdings bei ihnen noch die Unternehmen mit guter Lagebeschreibung (Saldo: plus 4 Punkte). 

Der Ausblick des Mittelstands auf die nächsten Geschäftsmonate fällt trübe aus. Die Erwartungen der KMU befinden sich im Herbst 2025 per Saldo im Keller: Gleichbleibend 28 Prozent der Unternehmen rechnen mit einer Verschlechterung, nur 14 Prozent haben positive Erwartungen (zuvor 16 Prozent). Der Saldo sinkt hier um 2 auf minus 14 Punkte und liegt damit weit unter dem langjährigen Durchschnitt der Erwartungen im Mittelstand (plus 1 Punkt). Der Abstand im Saldo zwischen Großunternehmen und KMU beträgt im Herbst 2025 damit insgesamt 24 Saldopunkte. Besonders trüb sind die Aussichten im konsumorientierten Einzelhandel (minus 25) und im Gastgewerbe (minus 28). 

Vor Corona deutlich geringere Unterschiede

Vor der Corona-Pandemie waren die Unterschiede zwischen den Unternehmensgrößenklassen deutlich kleiner. Phasenweise erwarteten KMU im Schnitt sogar besser Geschäfte als die Großen. Ab dem Frühsommer 2020 nimmt der Pessimismus im Mittelstand jedoch sprunghaft zu. Seitdem liegen die Geschäftserwartungen der KMU im Schnitt um 18 Saldopunkte unter denen der Großunternehmen. 

Auch die Großunternehmen sind durch die krisenhaften Entwicklungen getroffen. Offenkundig erwarten sie jedoch, die harten Einschläge besser kompensieren zu können. Hier spielen größere finanzielle und personelle Ressourcen eine Rolle. Außerdem können international aufgestellte Unternehmen Risiken besser diversifizieren. Aktuell überwiegt bei den Großunternehmen der Anteil mit positiven Geschäftswertartungen. Knapp ein Viertel (24 Prozent nach zuvor 21 Prozent) rechnet in den kommenden zwölf Monaten mit einer Verbesserung des Geschäfts. Hingegen befürchten nur 14 Prozent (nach zuvor 15 Prozent) eine Verschlechterung. Der Saldo der Geschäftserwartungen steigt wiederholt von sechs auf zehn Punkte. Das entspricht dem langjährigen Durchschnitt bei Unternehmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten. 

Spreizung bei Investitions- und Beschäftigungsplänen 

Ein deutlich gestiegener Pessimismus bei den KMU zeigt sich auch bei den Investitionsabsichten und Beschäftigungsplänen: In den fünf Jahren vor Eintritt der Pandemie im Frühjahr 2020 liegen die Investitionspläne der Unternehmen mit bis zu 200 Beschäftigten im Schnitt per Saldo um 9 Punkte unter den Plänen der Großunternehmen. Seitdem wird der Abstand größer – kleine und mittelgroße nehmen ihre Investitionspläne deutlich zurück. Seit Herbst 2021 bis heute beträgt der durchschnittliche Abstand 20 Saldopunkte zu den Investitionsplänen der großen Unternehmen. 

Bei den Beschäftigungsabsichten setzt die Spreizung etwas später ein. Während der Pandemie blieben die Beschäftigungspläne stabil, da Unternehmen abwarten und Personal halten wollten, auch mit Hilfe des Kurzarbeitergeldes. Bis zum Ende des Jahres 2020 lagen die Beschäftigungsabsichten der KMU im Schnitt um 10 Punkte über denjenigen der Großunternehmen. Hier zeigt sich, das KMU stark bestrebt waren, ihre qualifizierte Stammbelegschaft zu halten, gerade auch in Zeiten der Krise und des Fachkräftemangels. Danach hat sich das Bild jedoch gedreht – die Beschäftigungsabsichten im Mittelstand sind deutlich gesunken und liegt seit 2021 durchschnittlich um 5 Punkte unter den Plänen der Großunternehmen. Zuletzt sind die Beschäftigungspläne auf breiter Front abgesackt, bei den Großunternehmen sogar deutlich stärker (um 8 auf minus 13 Saldopunkte) als im Mittelstand (um 3 auf minus 12 Punkte). 

Hauptrisiko Wirtschaftspolitik 

Ein Blick auf die von den Unternehmen angegebenen Geschäftsrisiken offenbart die Ursachen. Deutlich häufiger als Großunternehmen sehen sich KMU beeinträchtigt durch hohe Arbeitskosten (56 Prozent, Große: 51 Prozent), hohe Energie- und Rohstoffpreise (49 versus 43), sowie durch den Mangel an Fachkräften (44 versus 29). Neben den Arbeitskosten sind die derzeitigen wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen für den Mittelstand das größte Geschäftsrisiko (ebenfalls 56 Prozent). In den Freitextantworten nennen die mittelständischen Unternehmen besonders häufig Bürokratie, Planungsverzögerungen, Genehmigungsverfahren, sowie Steuer- und Förderunsicherheit. 

Große Unternehmen benennen die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen sogar zu 70 Prozent als Risiko. Viele aktuelle und kommende Regulierungen treffen sie stärker, insbesondere im Umwelt- und Energierecht, bei Nachhaltigkeitsberichterstattung sowie bei komplexen Planungs- und Genehmigungsverfahren. 

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Porträtfoto Dr. Jupp Zenzen

Dr. Jupp Zenzen

Referatsleiter Konjunktur, Wachstum, Unternehmensbefragungen

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Sven Ehling

Pressesprecher | Visuelle Kommunikation