13.06.2025 - Vor dem Hintergrund zunehmender geopolitischer Spannungen und wachsender handelspolitischer Unsicherheiten gewinnen die Länder Lateinamerikas für die deutsche Wirtschaft spürbar an strategischer Relevanz. Das unterstreicht eine aktuelle Sonderauswertung des AHK World Business Outlook (WBO) der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), an der weltweit über 4.600 deutsche Unternehmen teilgenommen haben – darunter mehr als 500 mit Sitz in Süd- und Mittelamerika und über 30 mit Standorten in Brasilien.
Trotz der global eingetrübten Konjunkturstimmung blickt ein Großteil der Unternehmen in der Region – insbesondere in Brasilien – vergleichsweise optimistisch auf die eigene Geschäftsentwicklung. „In einer zunehmend fragmentierten Welt rücken wirtschaftlich stabile und rohstoffreiche Regionen wie Lateinamerika verstärkt in den Fokus“, sagt Volker Treier, Außenwirtschaftschef der DIHK. „Gerade Brasilien bietet für deutsche Unternehmen großes Potenzial – nicht nur als Absatzmarkt, sondern auch für Investitionen in lokale Wertschöpfung.“
Veröffentlicht wird die Auswertung anlässlich der 41. Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstage, die am 16. Juni in Salvador da Bahia, im Nordosten Brasiliens, stattfinden. Neben hochrangigen Vertreterinnen und Vertretern des Bundeswirtschaftsministeriums nimmt auch Ingo Kramer, Vorsitzender der Lateinamerika-Initiative der Deutschen Wirtschaft (LAI), teil – ein deutliches Zeichen für die wachsende wirtschaftspolitische Bedeutung Brasiliens und der gesamten Region.
Die Sonderauswertung zeigt: Deutsche Unternehmen in Süd- und Mittelamerika bewerten ihre aktuelle Geschäftslage überdurchschnittlich positiv – 46 Prozent melden gute, lediglich neun Prozent schlechte Geschäfte. Auch Brasilien nimmt hier eine Schlüsselrolle ein: Mit einem bilateralen Handelsvolumen von rund 21 Milliarden Euro ist das Land der wichtigste Handelspartner Deutschlands in der Region. 35 Prozent der dort aktiven deutschen Unternehmen berichten von einer guten Geschäftslage, nur sechs Prozent von einer schlechten.
Noch positiver fällt der Blick in die Zukunft aus: Zwei Drittel (68 Prozent) der Unternehmen in Brasilien erwarten eine Verbesserung ihrer Geschäftsentwicklung im kommenden Jahr, lediglich neun Prozent rechnen mit einer Verschlechterung. „Brasilien ist weit mehr als ein Rohstofflieferant“, betont Treier. „Das Land bietet beste Voraussetzungen für Technologie, Industrie und Energiewende. Ob Maschinenbau, Wasserstoff oder Medizintechnik – das Potenzial ist enorm.“
Wenn es in diesem Jahr gelingt, das EU-Mercosur-Abkommen in Kraft zu setzen, steigt der Anreiz für Handel und Investitionen aus der EU in der gesamten Region an. Davon wird Brasilien als größte Volkswirtschaft des Mercosur zusätzlich profitieren. Wenn es außerdem gelingt, die Verhandlungen über ein Doppelbesteuerungsabkommen erfolgreich zu gestalten, fällt ein weiteres Investitionshindernis für deutsche Unternehmen weg.
Dem insgesamt positiven Stimmungsbild steht jedoch ein eingetrübter Konjunkturausblick gegenüber. In Brasilien rechnen 32 Prozent der Unternehmen mit einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage im Land – nur 21 Prozent erwarten eine Verbesserung. Ähnliche Tendenzen zeigen sich auch in anderen Weltregionen, was die anhaltende Unsicherheit unterstreicht. „Die geopolitischen Risiken und die unberechenbare US-Zollpolitik belasten die globale Konjunktur – auch in Lateinamerika“, sagt Treier. „Doch Brasilien punktet weiterhin mit einem robusten Binnenmarkt und einer guten Infrastruktur im Vergleich zur Region.“
Trotz der konjunkturellen Unsicherheiten bleibt die Investitionsbereitschaft hoch. In Süd- und Mittelamerika planen 36 Prozent der befragten Unternehmen, ihre Investitionen im kommenden Jahr auszuweiten, während 14 Prozent Kürzungen vorsehen. Auch in Brasilien zeigt sich ein stabiles Investitionsklima: 33 Prozent wollen ihre Ausgaben erhöhen, nur zwölf Prozent senken. Treier sieht darin ein klares Signal: „Das geplante EU-Mercosur-Abkommen wäre ein starker Impuls für Investitionen. Die Aussicht auf besseren Marktzugang und verlässlichere Rahmenbedingungen würde viele Unternehmen in ihrer strategischen Neuausrichtung bestärken.“
Die größten operativen Herausforderungen in Brasilien unterscheiden sich deutlich vom weltweiten Trend. Während global vor allem die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen als Hauptrisiko genannt werden, sorgt in Brasilien vor allem der volatile Wechselkurs für Probleme: 45 Prozent der Unternehmen sehen hierin ihr größtes Risiko. An zweiter Stelle folgt der Fachkräftemangel (39 Prozent), erst danach werden die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen genannt (36 Prozent). Vor allem der zuletzt stark gefallene brasilianische Real verteuert den Import von Vorprodukten erheblich – ein Kostenfaktor, der gerade für die Industrie schwer kalkulierbar ist.
Zusätzlichen Druck erzeugt die protektionistische Handelspolitik der USA, deren Auswirkungen auch in Südamerika spürbar sind. In Süd- und Mittelamerika erwarten 59 Prozent der befragten deutschen Unternehmen negative Effekte für ihr Geschäft. In Brasilien liegt dieser Anteil bei 50 Prozent – davon sehen sechs Prozent sogar gravierende Folgen für ihre Geschäftsentwicklung.
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Veröffentlicht 13.06.2025
Aktualisiert 18.12.2025
Pressekontakt
Julia Fellinger
Pressesprecherin