"Erst wurde die große Stimmungs-Wirtschaftswende bis zum Sommer angekündigt. Dann hat sich der Herbst der Reform nicht erfüllt. Jetzt haben wir bald Frühjahr": Nach zwei Jahren Rezession und einem Jahr wirtschaftlichem Stillstand seit der Bundestagswahl erwartet Helena Melnikov im ARD-"Interview der Woche" nun endlich eine Trendwende.
"Wir sind nicht auf einer Insel, sondern messen uns immer im Vergleich zu anderen", erklärt die DIHK-Chefin. Seit 2019 hat die Weltwirtschaft um 19 Prozent zugelegt, die USA immerhin noch um 15 Prozent. "Wir sind in dieser Zeit gerade mal um 0,2 Prozent gewachsen. Da fragt man sich: Warum ist das hier so schwierig?"
Es braucht ein positives Zielbild
Um aus der Krise herauszukommen, seien strukturelle Reformen zentral, sagt Melnikov. Vor allem in den Bereichen Arbeitskosten, Sozialstaat und Energiepreise. Gleichzeitig brauche es aber auch eine positivere Einstellung im Land: "Wir müssen uns mit einem positiven Zielbild beschäftigen, nicht nur mit den Problemen", erklärt die DIHK-Chefin. "Dann sind die Menschen auch bereit, etwas dafür zu tun."
Hoffnung macht Melnikov die Substanz der Unternehmen in Deutschland: "Wir haben ein richtig großes, breites, starkes Rückgrat an kleinen und mittelständischen Unternehmen, die unsere gesamte wirtschaftliche Struktur und Wertschöpfung prägen. Die sind im Zweifel seit Generationen da. Sie geben nicht so schnell auf. Wir dürfen nur deren Geduldsfaden auch nicht überstrapazieren. Sie haben die letzten drei Jahre extrem gelitten, und jetzt müssen wir ihnen Rückenwind geben."
Partnerschaften pflegen, Abschottung vermeiden
Mit Blick auf die geopolitischen Herausforderungen der deutschen Wirtschaft wirbt Melnikov für mehr Diversifikation und Resilienz: "Entscheidend ist, dass ich mich eben nicht nur auf drei Standbeinen ausruhe, sondern mir am besten 30 sichere. Und das bedeutet Partnerschaften in der Welt, also mehr Freihandelsabkommen."
Die in der EU diskutierten Buy-European-Ansatz sieht Melnikov hingegen kritisch: "Diese Vorgaben würden sehr wahrscheinlich zusätzliche Kosten für die Unternehmen verursachen, für neue Bürokratie sorgen und vielleicht sogar handelspolitische Gegenmaßnahmen unserer Partner provozieren. Da muss man sehr gut abwägen, ob sich das alles lohnt."
Ohne Bildung geht es nicht
Gefragt, was ihr in ihrer Karriere besonders geholfen habe, hebt Melnikov neben einer guten intrinsischen Motivation vor allem das Thema Bildung hervor: "Ohne Bildung geht es nicht. Deshalb kann ich auch jedem jungen Menschen nur nahelegen, sich möglichst breit aufzustellen." Zudem rät sie: "Wenn man etwas nicht ändern kann, dann muss man sich damit bestmöglich arrangieren. Das bedeutet auch: Wenn man in kaltes Wasser geworfen wird, muss man flott anfangen, zu schwimmen. Dann wird einem auch irgendwann warm."
Das vollständige Hörfunkinterview vom 20. Februar 2026 können Sie hier nachhören: ARD Interview der Woche – Kritik aus der Wirtschaft: DIHK gegen "Made in Europe"-Vorgaben
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Veröffentlicht 24.02.2026
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Pressesprecherin