Deutschlands Stärke sind seine Netzwerke

Deutschlands internationale Stärke liegt in seinen gewachsenen Netzwerken. Vier führende Organisationen appellieren an die Bundesregierung, diese Verbindungen gerade in geopolitisch unsicheren Zeiten gezielt auszubauen.

Anlässlich des Jahrestages des Amtsantritts der Bundesregierung am 6. Mai veröffentlichen die DIHK, der DAAD, die GIZ und das Goethe-Institut einen gemeinsamen Gastbeitrag in den "Table.Briefings". Unter dem Titel "Deutschlands Stärke sind seine Netzwerke – Warum die Bundesrepublik jetzt mehr internationale Zusammenarbeit braucht – und nicht weniger" betonen sie die zentrale Rolle internationaler Kooperationen. In einer zunehmend fragmentierten Welt seien belastbare Netzwerke in Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Entwicklungszusammenarbeit entscheidend, um Partnerschaften zu festigen, Vertrauen aufzubauen und Deutschlands Handlungsfähigkeit zu sichern.

Hier der Artikel im Wortlaut: 

Ein Jahr nach der Wahl von Bundeskanzler Friedrich Merz findet sich Deutschland außenpolitisch in einer andauernden Bewährungsprobe. Die internationale Ordnung ist im Umbruch: Der jahrzehntelang enge Austausch mit den USA wird brüchiger, Russland führt seit vier Jahren Krieg an der Grenze zu Europa, und China hat das Ziel ausgegeben, bis 2049 "Weltführer in Wissenschaft und Technologie" zu werden. Multilaterale Regeln verlieren an Verbindlichkeit, nationale Interessen treten hart hervor. Kurzum: Die Bedingungen, unter denen Deutschland über Jahrzehnte Wohlstand, Sicherheit und Einfluss gewährleisten konnte, haben sich spürbar verändert.

Als exportorientierte Volkswirtschaft, als politischer Akteur in Europa und als Gesellschaft, die auf internationale Fachkräfte, Austausch und Kooperation angewiesen ist, kann Deutschland darauf weder mit Militär noch mit Rückzug reagieren. Im Gegenteil: Deutschlands eigentliche Stärke liegt in seiner Fähigkeit, internationale Kooperationen zu organisieren. In einer Welt wachsender Rivalität muss Deutschland deshalb strategisch als Netzwerkmacht denken und handeln.

Die Bundesregierung hat diesen Anspruch im Koalitionsvertrag formuliert: Außenpolitik, Außenwirtschaft, Bildung, Kultur, Entwicklungs- und Sicherheitspolitik sollen deutsche Interessen im Ausland kohärent vertreten. Dafür verfügt Deutschland über ein dichtes internationales Geflecht – getragen etwa von der Deutschen Industrie- und Handelskammer und ihrem Netzwerk aus über 150 Auslandshandelskammern, der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst und dem Goethe-Institut. Unsere Organisationen verbinden Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und internationale Zusammenarbeit. Gemeinsam schaffen sie ein globales Netzwerk, das Partnerschaften aufbaut, Vertrauen stärkt und Deutschlands Präsenz und Einfluss in vielen Weltregionen sichert.

Solche Netzwerke sind "Frühwarnsysteme". Sie ergänzen die klassische Diplomatie, sorgen für ein tieferes Verständnis dafür, was in anderen Ländern passiert, und helfen Deutschland dabei, globale Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und mitzugestalten. Wie strategisch wichtig solche Netzwerke sind, zeigt sich gerade jetzt: In den transatlantischen Beziehungen etwa, die angesichts politischer Polarisierung und wirtschaftlicher Konkurrenz neu austariert werden müssen, sichern dichte Kontakte zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft den Dialog – auch dann, wenn Regierungen sich distanzieren. In Afrika, Asien und Lateinamerika geht es, teils in wachsender Konkurrenz mit China und Russland, um langfristige Partnerschaften.  Diese tragen zur Förderung von Sicherheit und Stabilität bei, etwa durch Investitionen in Bildung und Beschäftigung vor Ort, und stärken zugleich verlässliche wirtschaftliche Beziehungen, um beispielsweise den Zugang zu kritischen Rohstoffen zu sichern und resiliente Lieferketten zu entwickeln.  Auch in Indien und den Ländern Ostasiens, die weltweit technologische Maßstäbe setzen, neue Märkte prägen und ihren geopolitischen Einfluss stetig weiterentwickeln, entscheidet sich maßgeblich, ob Deutschland den Zugang zu Spitzeninnovationen, hochqualifizierten Fachkräften und wachsenden Zukunftsmärkten bewahrt. Die Zusammenarbeit mit diesen Regionen bedeutet nicht nur wirtschaftliche Perspektive, sondern auch partnerschaftliche Teilhabe an globalen Fortschritten.

Internationale Kooperation ist in dieser Gemengelage anspruchsvoller geworden: politischer, konfliktreicher, weniger selbstverständlich. Gerade deshalb gewinnen gewachsene Vertrauensbeziehungen, lokale Expertise und dauerhafte Präsenz in vielen Teilen der Welt an Bedeutung. Netzwerke sichern Zugang zu Wissen, Talenten und Märkten – und schaffen Vertrauen, wo klassische Machtpolitik an Grenzen stößt.

Wenn Deutschland seinen Einfluss in einer fragmentierten, geopolitisch zerrütteten Welt behaupten will, muss es diese internationalen Netzwerke stärken – in Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Entwicklung. Politisch wird das erkannt, doch in der Praxis fehlt es noch zu häufig an Verlässlichkeit und ausreichenden Ressourcen. Dabei ist klar: Deutschlands Einfluss entsteht nicht durch Machtprojektion, sondern durch seine Fähigkeit, Kooperation zu organisieren. Genau darin liegt die eigentliche Stärke einer Netzwerkmacht.

Autoren des Beitrags

  • Johannes Ebert (Generalsekretär des Goethe-Instituts),
  • Helena Melnikov (Hauptgeschäftsführerin der Deutschen Industrie- und Handelskammer, DIHK),
  • Thorsten Schäfer-Gümbel (Vorstandssprecher der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GmbH, GIZ)
  • Kai Sicks (Generalsekretär des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, DAAD)
Relevant im Themenfeld:
Schwerpunkte:
  • Außenwirtschaft

Pressekontakt

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Julia Fellinger

Pressesprecherin