Eine Reihe Schüler mit Laptops

"Prüfungen müssen zur Arbeitswelt passen"

Werden künftig IHK-Ausbildungsprüfungen digital abgelegt werden können? Welche Vorteile könnte das mit sich bringen? Und wann ist es so weit? Antje Ziegler, DIHK-Referatsleiterin Digitales Prüfen erläutert in einem Interview den aktuellen Stand und die nächsten Schritte.

Die Arbeitswelt wird digitaler – und mit ihr verändern sich die Anforderungen an berufliche Prüfungen. Die IHK-Organisation treibt deshalb das digitale Prüfen auch in der Ausbildung voran, um Qualität zu sichern, Praxisnähe zu stärken und Ehrenamt sowie IHKs zu entlasten. Kern des Vorhabens ist eine gemeinsame bundesweite Prüfungsplattform.

In der Fort- und Weiterbildung sind digitale Prüfungen bereits erfolgreich im Einsatz. Wo die Reise bei den Ausbildungsprüfungen hingeht und worauf es ankommt, erklärt Antje Ziegler im Gespräch mit Stefan Layh.

Porträtfoto Antje Ziegler

Antje Ziegler, DIHK-Referatsleiterin Digitales Prüfen


Warum beschäftigt sich die IHK-Organisation aktuell so intensiv mit dem digitalen Prüfen?

Antje Ziegler: Prüfungen sind ein zentrales Element der Fachkräftesicherung. Jährlich legen rund 250.000 Auszubildende ihre schriftlichen Abschlussprüfungen bei den IHKs ab, das ist eine enorme Verantwortung. 

Zugleich hat sich die betriebliche Realität stark verändert: Digitale Anwendungen, Software und vernetzte Prozesse gehören in vielen Berufen zum Alltag. Prüfungen müssen das abbilden, um weiterhin valide messen zu können, was berufliche Handlungskompetenz ist.

Heißt das, papierbasierte Prüfungen haben ausgedient?

Nicht grundsätzlich, aber sie stoßen an Grenzen. Wenn digitale Kompetenzen Teil des Berufs sind, lassen sie sich auf Papier nur eingeschränkt prüfen. Digitales Prüfen eröffnet neue Möglichkeiten – etwa bei der Darstellung komplexer Aufgaben oder bei der Auswertung. Wichtig ist: Es geht nicht um Digitalisierung um ihrer selbst willen, sondern um Qualität.

Digitales Prüfen: die Ziele

  • Prüfungsqualität sichern und weiterentwickeln Berufstypische, handlungsorientierte und ­valide Prüfungen auch in ­digitalen Arbeitswelten
     
  • Ehrenamt und IHKs ­entlasten Durch ­digitale Durch­führungs- und ­Bewertungsprozesse
     
  • Bundeseinheitliche ­Lösung schaffen Eine zentrale Plattform statt vieler regionaler ­Einzellösungen

Was genau plant die IHK-Organisation?

Kern des Projekts ist eine gemeinsame bundesweite IHK-Prüfungsplattform. Auf ihr sollen perspektivisch die schriftlichen IHK-Prüfungen digital durchgeführt und auch digital korrigiert werden können. Außerdem wird sie über Schnittstellen mit bestehenden IHK-Fachanwendungen verbunden. So schaffen wir eine einheitliche technische Basis – statt vieler regionaler Insellösungen.

Welche Vorteile bringt das für Prüferinnen, Prüfer und IHKs?

Digitale Prozesse können spürbar entlasten. Korrekturen lassen sich effizienter gestalten, organisatorische Abläufe vereinfachen. Das kommt sowohl dem Ehrenamt als auch den Mitarbeitenden in den IHKs zugute. Gleichzeitig gewinnen wir mehr Flexibilität und Transparenz im Prüfungsprozess.

Digitales Prüfen kommt: Was heißt das konkret für die Prüferinnen und Prüfer?

  • Schrittweiser Einstieg statt Umbruch: Digitales Prüfen wird nicht von heute auf morgen ­eingeführt. Prüferinnen und Prüfer starten zunächst in ausgewählten Berufen und mit klar begleiteten ­Pilotphasen.
     
  • Entlastung bei Organisation und Korrektur: Digitale Prüfungsunterlagen, strukturierte Workflows und digitale Korrekturen reduzieren Papieraufwand und vereinfachen Abläufe.
     
  • Unterstützung und Schulungen: Prüferinnen und Prüfer werden auf das digitale Prüfen vorbereitet – mit Einweisungen, Schulungsangeboten und klaren Ansprechpartnern bei den IHKs.
     
  • Rechtssicherheit bleibt Maßstab: Vergleichbarkeit und Fairness gelten weiterhin. ­Digitale Prüfungen folgen denselben hohen rechtlichen ­Standards wie analoge.
     
  • Mehr Fokus auf Bewertung, weniger auf ­Technik: Die Technik soll unterstützen – nicht belasten. Ziel ist, dass Prüferinnen und Prüfer sich auf ihre fachliche ­Aufgabe konzentrieren können.

Welche Herausforderungen sehen Sie auf dem Weg dorthin?

Die Zielgruppen sind sehr heterogen. Nicht jeder Ausbildungsberuf braucht den gleichen Digitalisierungsgrad, und nicht alle Prüflinge sind geübt im Tippen längerer Texte. Auch unter Prüferinnen und Prüfern gibt es unterschiedliche digitale Vorerfahrungen. Hinzu kommen hohe Anforderungen an Rechtssicherheit und die technische Infrastruktur in den Prüfungsräumen beziehungsweise an den Prüfungstagen – vor allem bei sehr hohen gleichzeitigen ­Zugriffszahlen.

Wie geht die IHK-Organisation damit um?

Mit einem schrittweisen Vorgehen. Wir starten bewusst nicht mit hohen Prüflingszahlen, sondern führen das digitale Prüfen zunächst in ausgewählten Berufen und im ersten Schritt bei Zwischenprüfungen ein. Tests, Pilotierungen und Qualitätssicherung sind feste Bestandteile des Projekts. Ziel ist es, Erfahrungen zu sammeln, nachzuschärfen und dann auszurollen.

Zeitplan – so wird digitales Prüfen eingeführt

  • 2025–2026: Projektaufbau, Anforderungsdefinition, Ausschreibung und Vergabe
     
  • ab 2026: Entwicklung der Plattform, erste Tests und Onboarding
     
  • ab Ende 2027: Start des Echtbetriebs in ausgewählten Berufen
     
  • ab 2028: Roll-out auf weitere Prüfungen, Qualitätssicherung
     
  • ab 2029: Weiterentwicklung und mögliche Funktionserweiterungen

Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?

Dass das Vertrauen in IHK-Prüfungen erhalten bleibt. Digitale Prüfungen müssen mindestens so fair, vergleichbar und rechtssicher sein wie analoge. Wenn das gelingt, ist digitales Prüfen ein echter Gewinn – für Prüflinge, Betriebe und die ­Zukunft der beruflichen Ausbildung.

IHK-Berufsbildungsmagazin POSITION

Dieser Beitrag ist Bestandteil der Frühjahrsausgabe des IHK-Berufsbildungsmagazins POSITION, die am 15. April erscheint.

Das Magazin richtet sich vor allem an Ausbildende, Prüferinnen und Prüfer sowie Personalverantwortliche in den IHK-Mitgliedsunternehmen.

Relevant im Themenfeld:
Schwerpunkte:
  • Ausbildung

Autor

Stefan Layh

Stefan Layh