Die Ergebnisse der Steuerschätzung vom Mai 2026 senden ein klares Signal: Die Einnahmebasis des Staates stagniert weitgehend – und bleibt damit eng an die schwache wirtschaftliche Dynamik gekoppelt. Zwar steigen die Steuereinnahmen insgesamt weiter an: Von rund 999 Milliarden Euro im Jahr 2026 auf etwa 1.034 Milliarden im Jahr 2027 und gut 1.140 Milliarden bis 2030. Doch die jährlichen Zuwächse bleiben mit einem Plus von immerhin drei Prozent unter den Erwartungen der Finanzminister von Bund und Ländern.
Schwaches Aufkommen bei Unternehmenssteuern
Die aktuelle Steuerschätzung spiegelt vor allem die Wachstumsschwäche der deutschen Wirtschaft wider. Wegen des nur geringen Anstiegs entwickeln sich besonders die unternehmensbezogenen Steuern verhalten. Das Aufkommen der Körperschaftsteuer geht bis 2030 sogar zurück, die Einnahmeentwicklung bei der Gewerbesteuer ist ebenfalls schwach und sogar auf niedrigem Niveau noch volatil.
Die Basis für diese Steuern sind die Unternehmensgewinne, die sich nur zögerlich entwickeln. Für ein insgesamt noch steigendes Steueraufkommen sorgen vor allem die Lohnsteuer und die Umsatzsteuer, deren Basis Löhne, Einkommen und Konsum sind.
Die Steuerschätzung bestätigt damit: Ohne eine spürbare Stärkung der Investitionen und damit der unternehmerischen Wertschöpfung wird auch die Entwicklung der Steuereinnahmen weiterhin gebremst.
Mehr Aufgaben, wenig Spielraum
Für die Finanzpolitik bedeutet das eine Zäsur. Denn die zu bewältigenden Aufgaben werden immer größer – von Sicherheit und Demografie über notwendige Investitionen in die öffentliche Infrastruktur bis zur Transformation einer nachhaltigeren Wirtschaft. Die erhöhten Anforderungen treffen auf eine Einnahmeentwicklung, die kaum zusätzlichen Spielraum eröffnet.
Gleichzeitig beanspruchen die Zinslasten wegen der hohen Verschuldung von vornherein einen immer größeren Anteil der Einnahmen; im aktuellen Haushaltsjahr sind es noch knapp sechs Prozent, 2030 werden es schon fast 13 Prozent sein. Die Bundesregierung steuert ohne eine Anpassung bei den Prioritäten im Bundeshaushalt zunehmend auf einen Verteilungskonflikt um knappe Mittel zu.
Richtungswechsel jetzt dringend erforderlich
Umso wichtiger ist jetzt ein wirtschaftspolitischer Kurswechsel. Wachstum entsteht nicht allein durch immer höhere staatliche Ausgaben. Es braucht vor allem Verbesserungen der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die mehr private Investitionen und unternehmerische Aktivitäten – kurz, mehr Wettbewerbsfähigkeit – ermöglichen.
Dazu gehören insbesondere wettbewerbsfähige Energiekosten und eine international anschlussfähige Steuerbelastung der Unternehmen. Auch die sozialen Sicherungssysteme müssen so reformiert werden, dass die Beitragsbelastungen nicht immer weiter steigen. Außerdem ist mehr Tempo bei Planungs- und Genehmigungsverfahren nötig. Zudem muss die Bundesregierung für eine rasche Digitalisierung der Verwaltungsvorgänge und für spürbare Entlastungen bei Bürokratie und Regulierung sorgen.
Entlastungen jetzt vorziehen
Selbst Anreize wie beschleunigte Abschreibungen konnten die Investitionstätigkeit hierzulande nicht spürbar beleben. Die DIHK mahnt deshalb ein entschlosseneres Vorgehen an. So sollten die bisher für den Zeitraum von 2028 bis 2032 vorgesehenen fünf Entlastungsschritte bei der Körperschaft- und Einkommensteuer gebündelt und bereits in den Jahren 2027 und 2028 umgesetzt werden.
Konkret würde dies eine Absenkung des Körperschaftsteuersatzes in einem ersten Schritt auf 12,5 Prozent zum 1. Januar 2027 und in einem zweiten Schritt auf 10 Prozent zum 1. Januar 2028 bedeuten. Analog sollte auch die Reduzierung des Einkommensteuersatzes auf einbehaltene (thesaurierte) Gewinne vorgezogen werden. Damit würden die Entlastungen noch in dieser Legislaturperiode wirken und nicht erst zu Beginn des nächsten Jahrzehnts. Das wäre ein klares Signal der Handlungsfähigkeit der Bundesregierung, das die Rahmenbedingungen für die Unternehmen wesentlich verbessern würde.
Wachstum endlich in den Mittelpunkt stellen
Die aktuelle Steuerschätzung liefert nicht nur Zahlen, sondern einen klaren Auftrag: Die Stärkung des Wachstums muss endlich zur zentralen Leitlinie der Finanz- und Wirtschaftspolitik werden. Nur wenn es gelingt, die Investitions- und Innovationskraft der Unternehmen zu steigern, lassen sich langfristig auch die öffentlichen Einnahmen sichern.
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Veröffentlicht 11.05.2026
Ansprechpartnerin
Dr. Kathrin Andrae
Referatsleiterin Öffentliche Finanzen