Öl-Pipeline vor Morgenhimmel

Was bedeuten die Entwicklungen im Nahen Osten für die Energieversorgung und -preise?

An der Tankstelle wurden die Folgen des Krieges im Nahen Osten schon unmittelbar spürbar. Wie sich die weiteren Energiekosten für die Betriebe entwickeln werden – bis hin zu möglichen Produktionseinschränkungen – wird auch von der Dauer des Konflikts abhängen. Ein Überblick.

Nachdem die iranische Revolutionsgarde angekündigt hat, jedes Schiff, das die Straße von Hormus passiere, werde unter Beschuss genommen, ist die Meerenge zwischen dem Iran und dem Oman seit dem 2. März faktisch für den Seeverkehr geschlossen. Gleichzeitig haben Drohnen- und Raketenanschläge wichtige Infrastruktureinrichtungen im Nahen Osten getroffen.  

Was heißt das für die Entwicklung der Energiepreise und die Versorgungssicherheit? Einige Fakten: 

Einschränkungen der Transportmengen

  • Durch die Straße von Hormus laufen rund 25 Prozent des weltweit verschifften Rohöls und 20 Prozent des globalen Flüssigerdgases (LNG). Für den Handel mit Asien ist die Passage von zentraler Bedeutung, für Kuwait, Katar, Bahrain und den Irak sogar der einzige direkte Seezugang. Während Öl alternativ via Pipeline transportiert werden kann, ist das vor allem aus Katar stammende Erdgas praktisch vollständig auf Schiffsverkehr durch die Meerenge angewiesen. 
     
  • Die vorhandenen Onshore-Pipeline-Alternativen (East-West-Pipeline, Saudi-Arabien, und Habshan-Fujairah-Pipeline, Vereinigte Arabische Emirate) haben zudem nur eine Kapazität von kombiniert rund 3 Millionen Barrel pro Tag, das ist gut ein Fünftel der mehr als 14 Millionen Barrel, die täglich über die Straße von Hormus fließen. 
     
  • Die Organisation erdölexportierender Länder OPEC+ hat beschlossen, ihre Förderung ab April auf 206.000 (statt zuvor erwarteter 137.000) Barrel pro Tag zu erhöhen, um die Märkte zu beruhigen. Im Kontext der weltweiten Förderung von mehr als 106  Millionen Barrel pro Tag ist der Dämpfungseffekt jedoch begrenzt
     
  • Infolge von Angriffen auf die Gas- und Exportinfrastruktur ist seit dem 2. März die LNG-Produktion Katars stillgelegt. Damit entfallen rund 20 Prozent der weltweiten Produktion von Flüssigerdgas.
     

Öl-, Gas- und perspektivisch Strompreise 

  • Die Bank Barclays rechnet angesichts der Eskalation mit einem Ölpreisanstieg bis 100US-Dollar je Barrel (Brent), sollte das Risiko in Hormus anhalten oder eskalieren.
     
  • Der maßgebliche TTF-Terminpreis für Erdgas-Lieferungen in einem Monat stieg am 3. März in Amsterdam zeitweise auf knapp 60 Euro je Megawattstunde. Damit war er gegenüber dem Vortag um etwa 30 Prozent gestiegen, auf den höchsten Stand seit Februar 2023. 
     
  • Die EU bezieht zwar nur 5 bis 10 Prozent ihrer LNG-Importe aus dem Nahen Osten, aber: LNG-Märkte sind global vernetzt, und die EU ist weiterhin stark von kurzfristigen Geschäften auf dem Spotmarkt abhängig, auf dem Preisschwankungen unmittelbar spürbar werden. So können selbst kurze Einschränkungen in der Straße von Hormus die Spotpreise und Versicherungskosten sprunghaft erhöhen und auch die längerfristigen Terminkurven anheben (Risikoprämie), mit unmittelbaren und mittelbaren Effekten auf Transport, Industrie und Haushaltsenergiekosten. 
     
  • Preisveränderungen am Großhandelsmarkt kommen erfahrungsgemäß zeitverzögert bei Haushalten und Unternehmen an, da viele Versorger langfristige Beschaffungsverträge nutzen. 
     
  • Zudem ist das Risiko weiterer Preisausschläge erhöht: Sollte sich der Konflikt ausweiten oder länger anhalten, sind (ähnlich wie zu Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine 2022) deutliche Marktverwerfungen nicht auszuschließen.
     
  • Da Gaspreise in Europa maßgeblich die Strompreise bestimmen und angesichts der angespannten Speicherlage der Gaspreis deutlich stärker steigen dürfte als der Ölpreis, sind perspektivisch auch spürbare Anstiege bei den Großhandelsstrompreisen zu erwarten. 
     

Versorgungssicherheit

  • Trotz der angespannten Lage sind akut keine Versorgungsrisiken zu erwarten. Deutschland bezieht keine signifikanten Mengen LNG aus der Golfregion. Auch bei Öl sind die größten Lieferanten Kasachstan, Norwegen und die USA. 
     
  • Als besondere Herausforderung könnte sich die Befüllung der deutschen Gasspeicher erweisen: Mit eine Füllstand von nur noch 20 Prozent (nach der Heizperiode) muss nun zeitnah zeitnah – und zu stark steigenden Preisen – mit der Befüllung für nächsten Winter begonnen werden.