Porträtbild Michael Assenmacher, Referatsleiter Technische Berufe

Wie entstehen Prüfungsaufgaben?

Prüfungsaufgaben sind kein Zufall: Hinter ihnen steckt ein Zusammenspiel aus Praxiswissen, klaren Vorgaben und gemeinsamer Abstimmung. Wie daraus faire und realistische Aufgaben werden, erklärt DIHK-Experte Michael Assenmacher.

Prüfungsaufgaben fallen nicht vom Himmel. Sie sind das Ergebnis eines durchdachten Systems aus Praxisanforderungen, Qualitätschecks und Gremienarbeit. Doch wer entscheidet letztendlich, was geprüft wird – und wie wird daraus eine konkrete Aufgabe? POSITION hat sich darüber mit Michael Assenmacher unterhalten. Er ist Referatsleiter für die Weiterentwicklung der beruflichen Ausbildung bei der DIHK.

Herr Assenmacher, Prüfungen sollen zeigen, ob der oder die Auszubildende beruflich handlungsfähig ist. Was heißt das?

Das Berufsbildungsgesetz definiert klar, was berufliche Handlungsfähigkeit bedeutet: Auszubildende müssen die Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben, die sie für eine qualifizierte Tätigkeit in einer sich wandelnden Arbeitswelt brauchen. Übersetzt in Alltagsdeutsch heißt das: Handlungsfähig ist, wer seinen Job wirklich kann – nicht nur theoretisch, sondern so, dass man in der Praxis sicher Entscheidungen trifft und Aufgaben selbstständig meistert.

Wer erstellt die Aufgaben?

Die konkreten Prüfungsaufgaben entstehen direkt in der Praxis: Sie werden von betrieblichen Fachleuten – Arbeitnehmern wie Arbeitgebern – gemeinsam mit Lehrkräften der Berufsschulen entwickelt. Also von den Menschen, die jeden Tag in ihren Betrieben stehen und genau wissen, welche Fähigkeiten heute tatsächlich gebraucht werden. Die Berufsschullehrkräfte bringen dabei eine zusätzliche Stärke ein: Sie haben in ihrem Studium gelernt, komplexes Fachwissen didaktisch aufzubereiten und in der beruflichen Bildung zu vermitteln. 

Und wie wird berufliche Handlungsfähigkeit in eine konkrete Aufgabe übersetzt, die realistisch wirkt – aber trotzdem für alle fair ist?

Das wird im Konsens entschieden. Die Fachleute aus Betrieben und Berufsschulen prüfen gemeinsam, ob eine Idee oder ein Vorschlag für eine Aufgabe wirklich prüfungsrelevant und realistisch ist. Genau hier zeigt sich die Stärke der ausschließlich ehrenamtlich tätigen Praktikerinnen und Praktiker. Sie bringen ihre Erfahrungen aus dem Arbeitsalltag direkt ein und übersetzen sie in Aufgaben, die aus der täglichen betrieblichen Praxis in die Prüfung kommen. Das sorgt für realistische Szenarien, ohne die Fairness aus den Augen zu verlieren.

Es gibt ja auch die Vorgaben der Ausbildungsordnung. Welche Rolle spielen sie bei der Erstellung von Prüfungsaufgaben?

Die Ausbildungsordnung legt fest, welche Kompetenzen die Prüflinge am Ende nachweisen müssen. Ergänzt wird das durch die Inhalte aus dem betrieblichen Ausbildungsplan und dem schulischen Rahmenlehrplan. Übertragen auf den Alltag: Diese drei Elemente sind die Zutaten. Und die Köche – also die betrieblichen Praktiker und Lehrkräfte – entscheiden gemeinsam, welches schmackhafte Gericht daraus wird. So entsteht aus gesetzlichen Vorgaben Schritt für Schritt eine konkrete, praxisnahe Prüfungsaufgabe.

Welche Kriterien entscheiden, ob eine Aufgabe zu leicht, zu schwer oder "genau richtig" ist?

Das entscheiden die Expertinnen und Experten in den branchenspezifischen Fachausschüssen gemeinsam. Sie prüfen: Entspricht die Aufgabe den geforderten Kompetenzen? Spiegelt sie reale betriebliche Abläufe wider? Ist sie lösbar – und zwar mit den Kompetenzen, die Auszubildende am Ende wirklich haben sollen? Dabei hilft, dass Praktiker aus unterschiedlichen Bereichen ihre Sichtweisen einbringen. Und: Prüfungen sind bewusst gestuft aufgebaut. Zu Beginn stehen oft einfachere Fragen, damit aufgeregte Prüflinge Sicherheit gewinnen. Danach steigt der Schwierigkeitsgrad. So entsteht eine Prüfung, die fair ist und weder unter- noch überfordert.

Wie läuft die Abstimmung im Fachausschuss – und wer entscheidet am Ende?

Die Arbeit in einem Fachausschuss funktioniert nur im Konsens. Das braucht manchmal etwas länger, sorgt aber dafür, dass alle Beteiligten die Ergebnisse mittragen. Die Expertinnen und Experten arbeiten meist seit vielen Jahren zusammen, kommen aus unterschiedlichen Bereichen und bringen entsprechend viele verschiedene Blickwinkel ein. Das macht die Abstimmung nicht immer leichter, stellt aber sicher, dass die ganze Bandbreite eines Berufs berücksichtigt wird. Aber am Ende eint alle das gemeinsame Ziel: eine faire, praxistaugliche Prüfung für die Auszubildenden zu entwickeln.

Zahlen und Fakten

  • 159.071 ehrenamtliche Personen sind in 26.000 Prüfungsausschüssen engagiert.
  • 252.457 Auszubildende legten 2025 bei der IHK ihre Abschlussprüfung ab, 94.000 ihre Zwischenprüfungen.
  • 692.000 Auszubildende werden momentan von den IHKs betreut.
  • Etwa 167.000 Unternehmen bilden in IHK-Berufen aus.
  • Rund 250 IHK Ausbildungsberufe gibt es derzeit.

Quelle: IHKtransparent 

Welche Rückmeldungen bekommen Sie nach einer Prüfung – und wie fließen die in die nächste Aufgabenrunde ein?

Nun, die eigene Prüfung wird ja oft als besonders anspruchsvoll bewertet. Entsprechend umfangreich fallen die Rückmeldungen an die Erstellungseinrichtungen aus. Das reicht von "die Zeit hat nicht gereicht" bis zu "die Formulierung von Frage 4 war unverständlich". Sachliche und hilfreiche Kritikpunkte werden vor Beginn der nächsten Aufgabenerstellung systematisch ausgewertet und im Prüfungserstellungsausschuss besprochen. Was fachlich trägt, fließt direkt in die Weiterentwicklung ein. So wird jede Prüfung ein Stück besser.

Was würden Sie Ausbildenden raten, um ihre Azubis bestmöglich auf die Prüfungen vorzubereiten?

Ermöglichen Sie Ihren Auszubildenden eine umfassende und gute Ausbildung, das sollte im Prinzip als Prüfungsvorbereitung ausreichen. Meine persönliche Bitte beziehungsweise Anregung:  Engagieren Sie sich im Ehrenamt und arbeiten Sie im Prüfungsausschuss mit. Es gibt Branchen, in denen wir händeringend nach Prüfenden suchen. Welche Branchen das sind, erfahren Sie bei Ihrer örtlichen IHK. Sie persönlich werden mehrfach von diesem Engagement profitieren. Andere Prüfende berichten, dass sich ihr persönliches Netzwerk enorm erweitert hat, sie nun immer darüber informiert sind, wie sich andere Betriebe aufstellen und welche Probleme dort wie gelöst werden. 

Und welchen Rat haben Sie für die Auszubildenden, wenn die Prüfung naht?

Nehmt Eure Ausbildung von Anfang an ernst und bleibt beim Lernen immer am Ball: Dann könnt Ihr selbstbewusst in die Prüfung gehen – wer versteht, was er tut, muss nichts auswendig können.

Mit diesen Tipps unterstützen Sie Ihre Azubis bei der Prüfungsvorbereitung:

  • Unterstützen Sie Ihre Auszubildenden dabei, die beruflichen Prozesse wirklich zu verstehen.
  • Dabei helfen Trainingsformate, die reale Arbeitssituationen nachstellen: kleine Projektaufträge, Übungsfälle aus dem Betrieb.
  • Stellen Sie keine Wissens-, sondern Verständnisfragen. Wer Problemlösung übt, statt Lösungen auswendig zu lernen, kann deutlich sicherer in die Prüfung gehen.
  • Ältere Prüfungsaufgaben üben zu lassen, hilft dabei, sich mit dem üblichen Frageduktus vertraut zu machen: Wie wird gefragt? Wie viele Fragen gibt es ungefähr? Wie viel Zeit hat man dafür? Was muss ich zu Beginn einer Prüfung alles ausfüllen? Wer sich diese Formalitäten schon mal in Ruhe angesehen hat, kann gelassener in die Prüfung gehen.

Prüfungsaufgaben erstellen bei Druck- und Medienberufen

IHK-Berufsbildungsmagazin POSITION

Dieser Beitrag erscheint in der Herbstausgabe des IHK-Berufsbildungsmagazins POSITION, die im letzten Quartal 2026 herauskommt.

Das Magazin richtet sich vor allem an Ausbildende, Prüferinnen und Prüfer sowie Personalverantwortliche in den IHK-Mitgliedsunternehmen.

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Autorin

Porträtfoto Gabriele Albert

Gabriele Albert

UNIVERSUM Verlag GmbH