Niedrigwasser am Rhein bei Oberwesel

"Wir brauchen schnelle Maßnahmen für eine resiliente Infrastruktur"

Die niedrigen Pegelstände der deutschen Wasserwege haben immense Auswirkungen auf die Wirtschaft. DIHK-Infrastrukturexperte Dirk Binding stellte jetzt in einem Radiointerview die Dringlichkeit struktureller Maßnahmen klar, etwa der zügigen Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren.

Während der Bundesverkehrsminister und Fachverbände am 6. August zu einer Sonderkonferenz zusammenkommen, sinken die Flusspegel weiter. Die Transportkapazität in der deutschen Binnenschifffahrt sei aktuell um 50 bis 75 Prozent reduziert, sagte Dirk Binding, DIHK-Bereichsleiter Digitale Wirtschaft, Infrastruktur, Regionalpolitik, dem rbb24 Inforadio.

Dirk Binding

Dirk Binding

Monatlich könnten sechs Millionen Tonnen an Gütern nicht über den Rhein transportiert werden – das entspreche der Ladung von rund 250.000 LKWs. "Das führt zu Lieferverzögerungen, höheren Kosten und auch am Ende zu Produktionsdrosselungen", so Binding. Betroffen seien Branchen wie Chemie, Stahl, Baustoffe, Energie, Agrar oder Lebensmittel: "Es trifft am Ende die Breite der deutschen Wirtschaft." 

Die Idee, Güterverkehr auf die Bahn zu verlegen, sei gut – "aber wir wissen ja, dass die Schiene jetzt schon am Limit ist und aufgrund der vielen Sanierungsmaßnahmen und Baustellen derzeit keine weiteren Kapazitäten übernehmen kann", sagte der DIHK-Experte. Dabei müssten, um die gesamte Binnenschifffahrt des Rheins zu kompensieren, fast 500.000 LKW-Fahrten oder eine Vielzahl von Transportzügen stattfinden, "das ist einfach nicht abbildbar". 

Beschleunigungsmaßnahmen endlich umsetzen

Die Sonderkonferenz am 6. August werde keinen Regen bringen, so Binding. Jedoch müssten die Maßnahmen, die auch schon lange in der Diskussion seien, jetzt endlich umgesetzt werden: Fahrrinnenoptimierung, Engstellenbeseitigung – und vor allem die Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren. Am Ende werde es das Ziel der Konferenz sein, die Schifffahrt länger fahrfähig zu halten. "Wir brauchen jetzt tatsächlich schnelle Maßnahmen für eine resiliente Infrastruktur, und das muss richtig schnell passieren." 

Als eine Möglichkeit zur Linderung nannte Binding die Erhöhung von Lagerkapazitäten. "Aber wenn man weiß, wie lange Genehmigungsverfahren für Gefahrgüter in Deutschland dauern, dann wird das auch keine wirklich kurzfristige Lösung sein." Bahnkapazitäten zu erhöhen, sei aktuell auch keine Option:"Die Bahn ist am Limit. Wie soll das funktionieren?" Angesichts der aktuellen Krisensituation werde auch schon von Priorisierung gesprochen. Aber die nicht priorisierten Branchen müssten dann im Zweifel die Produktion einstellen, gab der DIHK-Bereichsleiter zu bedenken.

Nötig seien strukturelle Maßnahmen, und bei denen müsse man deutlich schneller werden. Über Schiffe mit geringerem Tiefgang werde schon lange diskutiert, und sie könnten auch bestellt werden. Doch die Kosten seien erheblich und die wirtschaftliche Lage der Binnenschifffahrt ohnehin schon angespannt.

Aus für die Binnenschiffe wäre ein "Super-GAU" 

Ein Ausfall der Güterbinnenschifffahrt würde "zum Super-GAU für die deutsche Wirtschaft führen", warnte Binding. Straße und Schiene könnten das nicht kompensieren. Zudem sei die Binnenschifffahrt nicht nur einer der wirtschaftlichsten, sondern auch eine der ökologischsten Transportmöglichkeiten. "Deshalb hoffen wir und geben alles dafür, dass die Binnenschifffahrt nicht eingestellt wird und auch, dass die Binnenschifffahrt ihre Kapazität nicht reduziert, sondern in Zukunft noch erhöht." 

Das gesamte Interview können Sie nachhören auf der Website des rbb24 Inforadio.

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Petra Blum

Pressesprecherin