Die europäische Industrie steht vor einer großen Herausforderung: Sie soll möglichst schnell klimaneutral werden und sich gleichzeitig in einem immer härteren globalen Wettbewerb behaupten. Kaum ein Instrument spiegelt diesen Balanceakt derzeit deutlicher als der Europäische Emissionshandel (EU-ETS).
Mit der für den 17. Juli 2026 angekündigten Reform will die EU-Kommission die Weichen für die nächste Phase der europäischen Klimapolitik stellen – eine enorme Herausforderung in Zeiten hoher Energiepreise, handelspolitischer Turbulenzen und wachsender Sorgen um den Industriestandort Europa. Der ETS soll dazu beitragen, die Treibhausgasemissionen der EU bis 2040 um 90 Prozent gegenüber 1990 zu senken. Für Unternehmen geht es dabei längst nicht mehr nur um Fortschritte bei klimaschädlichen Emissionen. Die Reform wird mitbestimmen, wie attraktiv die Rahmenbedingungen für Investitionen, Innovationen und industrielle Wertschöpfung in Europa künftig sind.
Emissionshandel als marktbasiertes und effektives Politikinstrument
Der EU-ETS setzt auf einen einfachen marktwirtschaftlichen Mechanismus: Für jede ausgestoßene Tonne CO₂ müssen Unternehmen in den vom ETS erfassten Sektoren Emissionszertifikate erwerben und vorlegen. Dadurch entsteht ein wirtschaftlicher Anreiz, den Ausstoß von Treibhausgasen dort zu vermeiden, wo es am kostengünstigsten möglich ist. Unternehmen, die in klimafreundliche Technologien investieren, können ihre CO₂-Kosten senken.
Die Bilanz zeigt, dass dieser Ansatz wirkt: Zwischen 2005 und 2023 konnten die Emissionen in den ETS-Sektoren, die hauptsächlich die Strom- und Wärmeerzeugung sowie die industrielle Fertigung umfassen, nach EU-Angaben um rund 47 Prozent reduziert werden. Damit entwickelte sich der Emissionshandel erfolgreicher als die Sektoren der europäischen "Lastenteilungsverordnung" (Verkehr, Gebäude und Landnutzung), die als zweite Säule der EU-Klimapolitik Minderungsziele für weitere, nicht vom ETS erfasste Wirtschaftszweige vorgibt. Die Ergebnisse des Emissionshandels sind besser als bei Verkehr, Gebäude und Landnutzung, wo der Ausstoß im selben Zeitraum nur um 38 Prozent zurückging.
Aus Sicht der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) sollte ein reformierter Emissionshandel auch künftig das Leitinstrument der europäischen Klima- und Energiepolitik bleiben. Gegenüber detaillierten Einzelvorgaben bietet er Unternehmen mehr Flexibilität, fördert Innovationen und ermöglicht kosteneffizienten Klimaschutz. Die DIHK-Studie "Neue Wege für die Energiewende ('Plan B')" zeigt, dass ein sektorübergreifender, technologieoffener Emissionshandel das Potenzial hat, die Gesamtkosten der Transformation deutlich zu senken: Bis 2050 wären demnach Einsparungen um 530 bis 910 Milliarden Euro beziehungsweise um 11 bis 17 Prozent möglich, wenn die Politik gleichzeitig auf bürokratische Feinsteuerung verzichtet.
Wettbewerbsfähigkeit und Transformation zusammenbringen
Damit der Emissionshandel seine Lenkungswirkung entfalten kann, sind nach Einschätzung der DIHK mehrere zentrale Reformansätze erforderlich, die in einem Impulspapier ausführlich dargestellt werden.
- Realistischer Reduktionspfad: Der künftige Pfad für den Emissionsabbau muss technisch und wirtschaftlich umsetzbar sein. Auch nach 2039 sollten ausreichend Zertifikate für unvermeidbare Restemissionen verfügbar bleiben. Das gilt insbesondere für energieintensive Industrien, in denen Prozessemissionen auch langfristig nicht vollständig vermieden werden können.
- CO₂-Entnahmen in den ETS integrieren: Die EU hat mit der sogenannten CRCF-Verordnung (Carbon Removals and Carbon Farming Regulation) bereits einen Rahmen für die Zertifizierung von CO₂-Entnahmen geschaffen. Diese Grundlage sollte genutzt werden, um zertifizierte Entnahmen direkt mit dem Emissionshandel zu verknüpfen. Das würde neue Investitionen in naturbasierte oder technische Technologien zur Kohlenstoffentnahme und -speicherung anreizen, was insbesondere schwer zu dekarbonisierenden Branchen zusätzliche Transformationsoptionen eröffnen würde. Die Europäische Kommission sieht hierfür bis 2040 ein Potenzial von 222 bis 450 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten.
- Klimagutschriften nutzen: Es sollte möglich werden, internationale Klimagutschriften zu nutzen. Das europäische Klimagesetz sieht bereits vor, dass bis zu fünf Prozent des 2040-Klimaziels durch internationale Klimaschutzmaßnahmen erfüllt werden können. Diese Flexibilität sollte auch Unternehmen im ETS offenstehen. Dadurch können weltweite Emissionsminderungen dort realisiert werden, wo sie besonders kosteneffizient sind, und der Klimaschutz würde global gefördert, wie eine aktuelle Analyse des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zeigt.
- Infrastruktur als Voraussetzung: ETS-Anforderungen und Infrastrukturentwicklung müssen miteinander verzahnt werden. Die Verfügbarkeit und Anschlussmöglichkeit an Stromnetze, Wasserstoffinfrastruktur sowie Transport- und Speicherlösungen für CO₂ sind fundamentale Voraussetzungen, damit Unternehmen erfolgreich investieren und ihre Produktion transformieren können. Denn: Ohne Infrastruktur gibt es keine betriebliche Klimaneutralität.
- Einnahmen für Transformation nutzen: Zudem sollten die Einnahmen aus dem Emissionshandel stärker für industrielle Dekarbonisierung und den Ausbau der erforderlichen Energie- und CO₂-Infrastruktur eingesetzt werden. Seit 2013 hat das ETS EU-weit rund 245 Milliarden Euro Einnahmen generiert. Nach Einschätzung der Europäischen Kommission fließen jedoch bislang nur circa fünf Prozent davon in Maßnahmen zur industriellen Dekarbonisierung – etwa in den CCUS- (Carbon Capture, Utilization and Storage) und Wasserstoffeinsatz oder in gewerbliche Energieeffizienzmaßnahmen.
- Carbon Leakage verhindern: Nicht zuletzt müssen wirksame Maßnahmen gegen Carbon Leakage, also die Verlagerung von Produktion und Emissionen in Länder mit weniger strengen Klimaschutzvorgaben, erhalten bleiben. Die freie Zuteilung von Zertifikaten und die Strompreiskompensation sollten erst dann auslaufen, wenn der CO₂-Grenzausgleichsmechanismus CBAM nachweislich funktioniert und einen gleichwertigen Schutz vor Wettbewerbsnachteilen bietet.
Download
Das komplette Impulspapier finden Sie hier in einer nicht-barrierefreien Fassung:
- Publikation
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DIHK-Impulspapier ETS-Reform
Die DIHK unterstützt den Europäischen Emissionshandel (EU-ETS) als marktbasiertes, technologieoffenes und prinzipiell bürokratiearmes Leitinstrument der Klimapolitik. In einem Impulspapier von Juli 2026 zeigt die IHK-Organisation auf, welche Aspekte aus Sicht der Breite der Wirtschaft für die Ausgestaltung der ETS-Reform entscheidend sind. - Zusammenfassung
- Informationen
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Dateiformat: PDF (nicht barierefrei)
Dateigröße: 2 MB
Stand: Juli 2026
Seitenumfang: 4 Seiten
- Relevant im Themenfeld:
- Nachhaltigkeit
- Schwerpunkte:
-
- Klima
- Industrie
Veröffentlicht 13.07.2026
Ansprechpartner
Marlon Hilden-Gejadze
Referatsleiter europäische und internationale Energie- und Klimapolitik