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Zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum – neue Chancen für stärkere EU-UK-Beziehungen

Vor zehn Jahren hat das Vereinigte Königreich den EU-Austritt beschlossen – mit gravierenden Folgen: Infolge des Brexits behindern Bürokratie, Regulierungsdivergenzen und eingeschränkte Mobilität den Austausch. Der anstehende EU-UK-Gipfel bietet nun die Chance, sich wieder einander anzunähern.

Der Brexit bleibt zehn Jahre nach dem Referendum weiterhin eine wirtschaftliche "Lose-Lose-Situation" für beide Seiten des Kanals. Der EU-Austritt des Vereinigten Königreichs (UK) hat auch die engen Handelsbeziehungen mit Deutschland deutlich beeinträchtigt: War das UK 2016 noch der fünftwichtigste Handelspartner Deutschlands, ist es nun auf Platz neun gerutscht. Handelshürden, unterschiedliche regulatorische Rahmenbedingungen sowie das Ende der Personenfreizügigkeit setzen dem Wirtschaftsaustausch zu. Gleichzeitig unterstreichen die zunehmenden geopolitischen Krisen die Notwendigkeit einer engen europäischen Zusammenarbeit. Dabei geht es nicht nur um sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit, sondern auch um den langfristigen Wohlstand unseres Kontinents. Zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum ist es daher an der Zeit, dass die EU und das UK ihre Beziehungen konsequent weiterentwickeln und ihre Zusammenarbeit in allen relevanten Politik- und Wirtschaftsbereichen vertiefen. Hier steckt viel Potenzial für deutsche Betriebe.

Abkommen bleibt hinter Binnenmarkt-Status zurück

Seit dem offiziellen EU-Austritt bildet das 2021 in Kraft getretene Handels- und Kooperationsabkommen (TCA) zwischen der Europäischen Union und dem Vereinigten Königreich die Grundlage der gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen. Es geht mit weitreichendem Marktzugang und kompletter Zollfreiheit zwar über traditionelle Handelsabkommen hinaus. Das Niveau der wirtschaftlichen Integration, das während der EU-Mitgliedschaft des UK bestand, kann es allerdings keineswegs erreichen. So sehen sich infolge des Brexits insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU) mit einem erhöhten Aufwand für Zollanmeldungen, Konformitätsprüfungen und regulatorischen Anforderungen konfrontiert. 

Seit 2022 müssen zudem Drittstaatsangehörige von einer im UK ansässigen Einrichtung gesponsert werden, um vorübergehend in Großbritannien arbeiten zu können, was vielfach die Dienstleistungserbringung deutscher Unternehmen erschwert. Im Zuge des Brexits hat sich das Vereinigte Königreich in verschiedenen Bereichen wie der Finanzmarkt- und der KI-Regulierung von EU-Recht entfernt, wodurch Unternehmen nun mit unterschiedlichen Vorgaben innerhalb Europas umgehen müssen. Am 8. Mai 2025 haben das Vereinigte Königreich und die USA zudem ein Wirtschaftsabkommen vereinbart, das eine engere Zusammenarbeit bei Standards vorsieht. Da die USA in verschiedenen Bereichen von EU-Standards abweichen, könnte sich das UK infolge dieser Zusammenarbeit regulatorisch von der EU wegentwickeln. Das birgt für europäische Betriebe die Gefahr neuer Handelshürden. 

Im Ranking der Handelspartner deutlich abgerutscht

Die Europäische Union bleibt nichtsdestotrotz der größte Handelspartner des Vereinigten Königreichs. Auf sie entfielen im Jahr 2024 insgesamt 51,7 Prozent des britischen Außenhandels. Das UK wiederum ist nach den Vereinigten Staaten und China der drittgrößte Handelspartner der EU (10,1 Prozent). Die EU-Direktinvestitionen im Vereinigten Königreich betrugen 2023 fast 1,8 Billionen Euro. Umgekehrt investierte das UK in der EU mehr als 1,3 Billionen Euro. 2024 bezifferten sich die EU-Exporte ins UK auf 341 Milliarden Euro, die Importe aus dem UK auf 164 Milliarden Euro. War das Vereinigte Königreich im Jahr 2019 noch Deutschlands fünftwichtigster Exportmarkt, fiel es bis 2025 auf Rang acht der Liste zurück. Besonders betroffen von Brexit-Hürden sind Betriebe, die im Güterhandel nun aufwendige Zollformalitäten und Vorgaben zu Ursprungsregeln in den Lieferketten bewältigen müssen. Dies betrifft kleine und mittelständische Unternehmen besonders. Auch erschweren die Einschränkungen bei der Arbeitnehmermobilität und die Nichtanerkennung von beruflichen Qualifikationen den Dienstleistungshandel. Qualität made in Germany machen dabei gerade diese "After-Sales Services" wie Reparaturen, Schulungen und Installationen aus.   

Beim EU-UK-Gipfel Beziehungen vertiefen

Solange ein Wiederbeitritt des Vereinigten Königreichs in die Europäische Union nicht absehbar ist, sollten die Partner ihre institutionellen Beziehungen in allen relevanten Bereichen vertiefen. Die deutsche Wirtschaft würde britische Bestrebungen hin zu einer Zollunion oder einen Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum befürworten. Mit Blick auf den im Juli geplanten EU-UK-Gipfel sollten die Verhandlungen über einen gemeinsamen Bereich für Gesundheits- und Pflanzenschutz (SPS) sowie zur Verknüpfung beider Emissionshandelssysteme (ETS) abgeschlossen werden – auch, damit sich beide Seiten im Warenhandel von ihren jeweiligen CO2-Grenzausgleichsmechanismen ausnehmen können, die gegenseitig den Handel erschweren. 

Außerdem sollten die Verhandlungen über den Beitritt des UK zum Elektrizitätsbinnenmarkt der EU vorangetrieben werden. Auch Verhandlungen zu einem Wirtschaftssicherheitsabkommen sowie zum Wiederbeitritt des UK zur Pan-Euro-Med-Freihandelszone (PEM) wären wünschenswert. Elementar wären hierbei Frühwarnmechanismen für resiliente Lieferketten, eine Rohstoffpartnerschaft sowie eine Vereinbarung zum Verzicht auf wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen. Auch bei der digitalen Souveränität wäre eine engere Zusammenarbeit der EU und des UK von hoher Relevanz. Nicht zuletzt gilt es, eine dynamische Rechtsangleichung in relevanten Binnenmarktbereichen sowie Vereinfachungen für Geschäftsreisen und zur Anerkennung von Berufsqualifikationen voranzutreiben. Derartige Annäherungen könnten der deutschen Wirtschaft bedeutende Wachstumsimpulse verschaffen, die die Betriebe in der aktuell schwierigen Lage ganz besonders dringend brauchen. 

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Porträt Klemens Kober

Klemens Kober

Referatsleiter Handelspolitik, transatlantische Beziehungen und EU-Zollfragen