Mehr als zwei Billionen Euro: So hoch war 2025 der Außenhandel der EU mit ihren Nachbarländern – mehr als mit den USA und China zusammen. Je stärker Handelskonflikte mit anderen Ländern weltweit werden, desto stärker rücken die Nachbarn als Handelspartner in den Fokus. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) fordert deshalb in einem aktuellen Impulspapier eine strategischere EU-Nachbarschaftspolitik: Die EU soll die Wirtschaftsbeziehungen zu den angrenzenden Staaten vertiefen und sie enger an den Binnenmarkt binden. „Europa sucht neue Handelspartner oft in der Ferne und übersieht die Chancen vor der eigenen Haustür“, sagt DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier. „Engere Beziehungen zu den Nachbarn sichern Lieferketten, erschließen Absatzmärkte und verringern kritische Abhängigkeiten.“
Auch für die deutsche Wirtschaft gilt das in hohem Maße: Der Außenhandel mit den europäischen Nachbarn außerhalb der EU summierte sich 2025 auf 414 Milliarden Euro. Zum Vergleich: mit den Schwergewichten USA (241 Milliarden) oder mit China (252 Milliarden) handeln deutsche Unternehmen jeweils viel weniger. Deutsche Unternehmen haben bei den europäischen Nachbarn Direktinvestitionen von 261 Milliarden Euro aufgebaut, doppelt so viel wie in China, sie beschäftigen mehr als eine Million Menschen. Am engsten ist die Verflechtung mit der Schweiz, dem Vereinigten Königreich und der Türkei.
Konkrete Schritte für die wichtigsten Partner
Im Mittelpunkt einer strategischen EU-Nachbarschaftspolitik sollten demnach auch die Beziehungen zu diesen Ländern sowie zu den EU-Beitrittskandidaten stehen.
Vor allem mit Großbritannien und der Schweiz birgt eine engere Integration deutliche Wirtschaftschancen. Die deutsche Wirtschaft würde Bestrebungen insbesondere Großbritanniens hin zu einer Zollunion oder einem Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) begrüßen. Wie viel auf dem Spiel steht, zeigt der Brexit: Vor dem Austritt war das Vereinigte Königreich Deutschlands fünftwichtigster Handelspartner, heute liegt es auf Platz neun. Kurzfristig sollten EU und Vereinigtes Königreich die Verhandlungen in den Bereichen Strom, Veterinärabkommen und Emissionshandel zügig abschließen, um Betrieben den Handel zu erleichtern. „Zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum ist klar: Die wirtschaftliche Trennung hat beiden Seiten geschadet. Jetzt müssen die Hürden wieder gesenkt und die Zusammenarbeit enger gestaltet werden“, so Treier. „Auch mit der Schweiz und der Türkei brauchen wir Fortschritte: wenn Europa seinen Nachbarn verlässliche Perspektiven bietet, dann schafft das auch wirtschaftliche Möglichkeiten.“
Mit der Schweiz gilt es, das im März 2026 unterzeichnete Abkommenspaket rasch zu ratifizieren und das Handelsabkommen von 1972 zu modernisieren. Mit der Türkei sollte die seit 1996 bestehende Zollunion endlich modernisiert werden. Die Wirtschaft erwartet einen verbindlichen Streitbeilegungsmechanismus und besseren Marktzugang bei Dienstleistungen und öffentlicher Beschaffung.
Für die EU-Beitrittskandidaten sieht die DIHK einen schrittweisen Weg: Die Länder sollten Zugang zum Binnenmarkt erhalten, sobald sie EU-Recht übernommen haben und dies überwacht wird. Qualität insbesondere sollte allerdings Vorrang vor Geschwindigkeit haben, denn nur mit Rechtsstaatlichkeit ist Rechtssicherheit bei Handel und Investitionen gewährleistet.
Die Nachbarschaft bietet auch Chancen beim Zugang zu Energie und Rohstoffen. Mit Norwegen und den übrigen EWR-Staaten sollte die EU die Zusammenarbeit bei der Energieversorgung vertiefen. Mit Grönland und den Färöern gilt es, am Ausbau des Handels anzusetzen.
Starker Binnenmarkt als Voraussetzung
Voraussetzung für all das ist ein wettbewerbsfähiger Binnenmarkt. Als Heimatmarkt von 26 Millionen Unternehmen leidet er noch immer an unterschiedlichen nationalen Vorschriften, Bürokratie und Beschränkungen im Dienstleistungsverkehr. Ohne Reformen verliert die EU auch für ihre Nachbarn an Attraktivität. „Ein größerer Wirtschaftsraum macht Europa nicht automatisch stärker. Entscheidend ist, dass Unternehmen reibungslos über Grenzen hinweg arbeiten können“, betont Treier. „Wer Europa unabhängiger machen will, muss zwei Dinge zugleich tun: Barrieren im Binnenmarkt abbauen und die Zusammenarbeit mit den Nachbarn ausbauen. Stärke entsteht durch offene Märkte und verlässliche Regeln – jedenfalls nicht durch neue Abschottung.“
Das DIHK-Impulspapier finden Sie zum Download hier:
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Europäischen Wirtschaftsraum stärken – eine geopolitische Notwendigkeit
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Dateiformat: PDF (barrierefrei)
Dateigröße: 895 KB
Stand: Oktober 2026
Seitenumfang: 9 Seiten
- Relevant im Themenfeld:
- Internationaler Handel
- Schwerpunkte:
-
- Außenwirtschaft
Veröffentlicht 02.11.2026
Pressekontakt
Julia Fellinger
Pressesprecherin