In Deutschland wollen wieder mehr Menschen ein Unternehmen gründen. Das ist gerade in einer Zeit krisenhafter Herausforderungen wichtig, denn Start-ups stärken Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum. Doch die Beweggründe für den Schritt in die Selbstständigkeit sind höchst unterschiedlich. Zum einen sind neue technologische Chancen, die etwa durch künstliche Intelligenz (KI) entstehen, ein Motivationsgrund. Zum anderen suchen immer mehr Menschen angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage und der tiefgreifenden Transformation in vielen Branchen nach Alternativen, weil sie schlicht um ihre derzeitige Anstellung fürchten oder keine finden. Für einen breiten unternehmerischen Aufschwung braucht Deutschland deshalb bessere Perspektiven für Gründungen und einen deutlichen Abbau der Hürden auf dem Weg hin zum eigenen Betrieb.
KI und neue Technologien schaffen Chancen
Laut dem aktuellen DIHK-Report Unternehmensgründung verzeichnen die IHKs für das Jahr 2025 insgesamt 143.756 Einstiegsgespräche (plus 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr) und 27.637 vertiefende Gründungsberatungen (plus 15 Prozent). Technologischer Wandel bleibt dabei ein wichtiger Treiber. KI ermöglicht neue Geschäftsmodelle und senkt in vielen Bereichen Markteintrittshürden. Gleichzeitig entstehen neue Geschäftsmöglichkeiten in Zukunftsfeldern wie Robotik, Kommunikation, Sicherheitstechnologien oder Raumfahrt. Besonders technologieorientierte Start-ups können wichtige Innovationsimpulse setzen.
Gründungen zunehmend als Ausweichstrategie
Die Chancen des technologischen Wandels werden jedoch derzeit von einem anderen Trend überlagert: 36 Prozent der potenziellen Jungunternehmerinnen und -unternehmer wollen vor allem deshalb gründen, weil sie keine ausreichenden Erwerbsalternativen sehen. Das ist der höchste Wert seit elf Jahren. Besonders in industriegeprägten Regionen beobachten die IHKs, dass Personalabbau, Insolvenzen und Transformationsprozesse den Druck auf Beschäftigte erhöhen. Viele wechseln aus industriellen Wertschöpfungsketten in häufig kleinteilige Dienstleistungsangebote. Das steigende Gründungsinteresse ist damit auch Ausdruck der anhaltenden wirtschaftlichen und strukturellen Probleme am Standort Deutschland.
Hoffnungsvoll stimmt, dass der Anteil von Frauen an der IHK-Gründungsberatung mit nahe 50 Prozent weiter auf historisch hohem Niveau liegt. Vor gut 20 Jahren hatte er noch rund ein Drittel betragen. Allein 2025 begleiteten die IHKs bundesweit rund 75.000 Frauen auf dem Weg in die Selbstständigkeit.
Was Gründende vom Standort Deutschland erwarten
Die Ergebnisse des Reports fallen in eine wirtschaftlich schwierige Zeit. Die aktuelle DIHK-Konjunkturumfrage zeigt, dass die Unternehmen ihre Geschäftslage so kritisch beurteilen wie seit der Corona-Pandemie nicht mehr. Zugleich bleiben die Investitionsabsichten schwach. Für viele Gründerinnen und Gründer bedeutet das ein nicht gerade attraktives Marktumfeld.
Gleichzeitig macht eine Befragung von 791 Gründerinnen und Gründern, Start-ups sowie jungen Unternehmen im Rahmen des DIHK-Gründerreports deutlich, wo aus deren Sicht der Schuh drückt: Drei Viertel fordern schnellere und einfachere Verfahren sowie eine leistungsfähigere Verwaltung. Fast zwei Drittel wünschen sich ein einfacheres Steuerrecht. Auf Platz drei der Mängelliste folgt der Zugang zu öffentlichen Fördermitteln. Weitere Hindernisse sind hohe Energiepreise sowie die vielfach fehlende gesellschaftliche Wertschätzung für Unternehmertum.
Damit benennen die Gründenden wichtige Bausteine einer zukunftsgewandten Gründungspolitik: Doppelte Eingaben, Medienbrüche und wochenlange Wartezeiten, etwa auf die Steuernummer, müssen endlich der Vergangenheit angehören. Erforderlich sind durchgängig digitale Verfahren, bei denen Daten nur einmal eingegeben werden müssen. Gleichzeitig gilt es, Unternehmertum stärker in Gesellschaft und Bildung zu verankern – konkret unter anderem durch eine stärkere Vermittlung wirtschaftlicher Zusammenhänge in der Schule.
Die Politik hat bereits wichtige Maßnahmen auf den Weg gebracht, etwa um Unternehmensgründungen künftig innerhalb von 24 Stunden zu ermöglichen. Nun kommt es auf die konkrete Umsetzung an.
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Veröffentlicht 31.08.2026
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Dr. Marc Evers
Referatsleiter Mittelstand, Existenzgründung, Unternehmensnachfolge