Reaktion von Volker Treier

Ernüchternde Bilanz für die transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen

DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier zu einem Jahr EU-US-Zolldeal

20.07.2026 - “Ein Jahr nach dem Zolldeal zwischen der EU und den USA fällt die Bilanz der deutschen Wirtschaft ernüchternd aus. Das asymmetrische Abkommen ist zwar inzwischen in Kraft. Die US-Zölle sind für die meisten Waren auf 15 Prozent gedeckelt, die EU erhebt für viele US-Importe keine Zölle mehr. Das schafft zumindest ein Mindestmaß an Planungssicherheit. Sein eigentliches Ziel hat der Deal jedoch verfehlt: Die transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen sind nicht wirklich stabil, sie sind sogar anfälliger für Entwicklungen geworden, die häufig außerhalb klassischer handelspolitischer Themen liegen.

Unternehmen müssen weiterhin mit neuen Zolldrohungen, zusätzlichen bürokratischen Hürden und anhaltender Rechtsunsicherheit leben. Wer investiert, braucht aber einen verlässlichen Kompass und faire Handelsbeziehungen auf Augenhöhe. Solange sich die Rahmenbedingungen jederzeit ändern können, bleiben Investitionen unter ihren Möglichkeiten und langfristige Geschäftsentscheidungen werden aufgeschoben. 

Umso wichtiger ist es, dass die Europäische Union die jüngsten Vorwürfe gegen das deutsche Gesundheitssystem ebenso wie die Anschuldigungen zu angeblichen europäischen “Überkapazitäten” oder unzureichenden Maßnahmen gegen Zwangsarbeit zurückweist. Die Sorge in der deutschen Wirtschaft ist groß, dass die USA auf dieser Grundlage schon bald weitere Zölle gegen europäische Produkte verhängen könnten. Dagegen sollte die EU entschlossen und geschlossen vorgehen und auf die Einhaltung der Vereinbarung von Turnberry pochen. In den Gesprächen mit Washington darf die europäische Regulierungshoheit nicht zur Verhandlungsmasse werden.

Gleichzeitig sollte das langfristige Ziel eines vollständigen Abbaus der WTO-widrigen US-Zölle nicht aus den Augen verloren werden. Der Zolldeal muss als ein Weckruf für Europa verstanden werden. Wer wirtschaftlich souverän bleiben will, darf nicht einseitig abhängig sein – auch nicht von engen Partnern. Das gilt insbesondere für den Digitalbereich. Europa muss seine wirtschaftliche Resilienz stärken, strategische Abhängigkeiten abbauen und seine Handelsbeziehungen breiter aufstellen. 

Für eine stärkere Diversifizierung unserer Handelspartnerschaften müssen die ausgehandelten Abkommen mit Indonesien und Australien jetzt zügig ratifiziert werden. Gleichzeitig gehören die Verhandlungen mit Malaysia, Thailand und den Philippinen ganz oben auf die handelspolitische Agenda. Europa braucht viele und weitere ökonomische Standbeine. Nur eine strategisch ausgerichtete Handelspolitik erschließt neue Märkte, stärkt die Wettbewerbsfähigkeit und sichert Europas wirtschaftliche Handlungsfähigkeit in einer Welt, in der geopolitische Spannungen zum Normalzustand geworden sind." 

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Julia Fellinger

Pressesprecherin