Während anderswo Zölle steigen und Lieferketten zerfallen, liefert unsere Wirtschaftsbeziehung zu Kanada den Gegenbeweis. Seit das Handels- und Wirtschaftsabkommen Comprehensive Economic and Trade Agreement (CETA) zwischen der EU und Kanada 2017 vorläufig in Kraft trat, ist der beidseitige Warenhandel um 76 Prozent gewachsen – auf über 81 Milliarden Euro im Jahr 2025. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) fordert deshalb, dieses Fundament zu einer strategischen Partnerschaft auszubauen. "Wer jetzt zögert, verschenkt genau die Verlässlichkeit, die Unternehmen in unsicheren Zeiten am dringendsten brauchen", sagt DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier.
CETA ist ein Erfolg – mit noch viel Luft nach oben
Fast neun Jahre nach Vertragsbeginn ist CETA noch immer nicht vollständig ratifiziert; zehn EU-Mitgliedstaaten stehen noch aus. Für die DIHK ein Anachronismus angesichts der Zahlen. "Ein Abkommen, das seit neun Jahren liefert, aber immer noch auf die letzte Unterschrift wartet – das ist kein gutes Signal an unsere Partner", sagt Treier. "Vollständige Ratifizierung wäre der Beweis: Auf Europas Vereinbarungen kann man bauen, während andere Länder im Außenhandel auf Machtpolitik setzen." Ausgeschöpft ist das Potenzial ohnehin noch lange nicht: Die Nutzungsrate von CETA liegt derzeit bei noch 62,4 Prozent. Vor allem kleinen und mittleren Unternehmen fehlt es an Information und praktischer Unterstützung, um die Zollvorteile des Abkommens tatsächlich nutzen zu können.
"Ein Abkommen, das seit neun Jahren liefert, aber immer noch auf die letzte Unterschrift wartet – das ist kein gutes Signal an unsere Partner"
Dr. Volker Treier
-- Außenwirtschaftschef | Mitglied der Hauptgeschäftsführung
Vom Handelspartner zum strategischen Partner
Angesichts geopolitischer Spannungen und der Neuordnung globaler Lieferketten rücken die EU und Kanada enger zusammen – diskutiert wird inzwischen sogar über neue Formen der Anbindung bis hin zu einer EU-Mitgliedschaft. Auch wenn Letztere schon aufgrund der geografischen Lage derzeit kaum realistisch erscheint, wäre eine möglichst weitreichende Einbindung Kanadas in den europäischen Binnenmarkt im Interesse der deutschen Wirtschaft. Als rohstoffreiches Land, NATO-Partner, G7-Mitglied und Mitglied des pazifischen Handelsabkommens CPTPP ist Kanada für Europa ein wichtiger strategischer Partner. Die Zusammenarbeit sollte dabei über klassische Wirtschaftsbeziehungen hinausreichen – etwa durch eine stärkere Beteiligung Kanadas am europäischen Austauschprogramm Erasmus+. Auch politisch sollte die EU die Partnerschaft weiter vertiefen, nicht zuletzt mit Blick auf die wachsende strategische Bedeutung der Arktis.
Besonders bei Rohstoffen zeigt sich, wie groß das Potenzial ist: Kanada verfügt über 22 der 34 Rohstoffe, die EU-Kommission und Bundesregierung als kritisch einstufen. Trotzdem gehen derzeit nur etwa ein Prozent der kanadischen mineralischen Rohstoffexporte nach Deutschland. Zu den Überlegungen einer engeren Anbindung Kanadas an die EU sagt Treier: "Entscheidend ist das Signal dahinter: Gerade jetzt suchen beide Seiten den wirtschaftspolitischen Schulterschluss." Zu den Rohstoffen ergänzt er: "Bei kritischen Rohstoffen reden wir seit Jahren über Diversifizierung. Mit Kanada könnten wir endlich liefern statt nur reden – aber dafür brauchen Unternehmen Investitionssicherheit, sonst bleibt es bei bloßen Absichtserklärungen."
Auch beim digitalen Handel sieht die DIHK Potenzial und Nachholbedarf: Ein EU-Kanada-Digitalabkommen könnte gerade kleineren Unternehmen den Marktzugang erheblich erleichtern und den grenzüberschreitenden Handel absichern. "CETA darf nicht der Schlusspunkt sein, sondern muss der Ausgangspunkt werden – für eine Partnerschaft, die Handel, Rohstoffe und Daten zusammendenkt", sagt Treier.
Hintergrund
Der deutsch-kanadische Warenhandel lag 2025 bei knapp 22 Milliarden Euro (Exporte: rund 12 Milliarden Euro, Importe: rund 9 Milliarden Euro) – ein Plus von 59 Prozent gegenüber 2016, dem Jahr vor CETA. Deutsche Direktinvestitionen in Kanada beliefen sich 2024 auf rund 26 Milliarden Euro; 628 deutsche Unternehmen beschäftigten dort mehr als 71.000 Menschen. Auf EU-Ebene wuchs der Warenhandel mit Kanada seit 2016 um 76 Prozent auf über 81 Milliarden Euro (2025).
Der Blick nach Nordamerika
Viele deutsche Unternehmen produzieren länderübergreifend in Kanada, den USA und Mexiko. Die anstehende Überprüfung des Handelsabkommens zwischen den drei Ländern, USMCA, darf für sie nicht zur Kostenfalle werden. "Wer in Kanada investiert, denkt nordamerikanisch", so Treier. "Neue Local-Content-Regeln oder strengere Ursprungsregeln träfen auch deutsche Betriebe. Europa muss sich frühzeitig dafür stark machen, dass dieser Markt regelbasiert offen bleibt."
Download
Die Vorschläge der DIHK für den Ausbau der EU-Kanada-Beziehungen finden Sie im Impulspapier "EU-Kanada Beziehungen stärken" (PDF, 1 MB)
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Veröffentlicht 16.09.2026
Pressekontakt
Julia Fellinger
Pressesprecherin