Nadine Theel

"Potenziale besser ausschöpfen"

Viele Unternehmen unterstützen ihre Beschäftigten bereits bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf – doch oft geht noch mehr. Nadine Theel (Foto), neue Leiterin des DIHK-Projekts "Erfolgsfaktor Familie", erklärt, wie Betriebe mit durchdachten Lösungen, die zu ihrer Belegschaft passen, Fachkräfte halten können.

Frau Theel, was hat Sie persönlich motiviert, die Projektleitung von "Erfolgsfaktor Familie" zu übernehmen?

Ich war viele Jahre bei der IHK Cottbus im Bereich Fachkräftesicherung tätig und habe Unternehmen zu Arbeitgeberattraktivität, Recruiting und Mitarbeiterbindung beraten. Familienfreundlichkeit spielte dabei schon eine wichtige Rolle. Deshalb freue ich mich, dieses Thema nun bundesweit weiter voranzubringen.

Im kommenden Jahr feiert das Projekt sein 20. Jubiläum. Warum ist es heute noch relevant?

Angesichts von Demografie und Fachkräftemangel ist es heute für Unternehmen besonders wichtig, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu stärken und sich so als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren. Die Etablierung einer familienfreundlichen Personalpolitik ist auch ausschlaggebend, damit Mitarbeitende bleiben. Unser Projekt und das Unternehmensnetzwerk "Erfolgsfaktor Familie" will Unternehmen bei dieser Herausforderung unterstützen. Außerdem finden wir es wichtig, durch unser Netzwerk die vielen guten Lösungen sichtbar zu machen, die es in Unternehmen schon gibt. Viele wissen gar nicht, welche Potenziale sie noch besser ausschöpfen können.

Welche Rolle spielt eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf für die Wirtschaftlichkeit von Unternehmen? 

Familienfreundliche Maßnahmen und Angebote können dabei helfen, Mitarbeitende, egal ob Azubi, Arbeits- oder Fachkraft, für sich zu gewinnen. Das kann vor allem für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) in etwas abgelegenen Regionen entscheidend sein. Letztlich ist eine familienfreundliche Unternehmensführung aber für jeden Betrieb wichtig, um Mitarbeitende zu halten und eine hohe Fluktuation zu verhindern. Wenn sich Lebensumstände ändern und qualifizierte Fachkräfte gehen, weil sich Beruf und Privatleben nicht vereinbaren lassen, kann das die Wirtschaftlichkeit von Unternehmen schädigen. Fehlen beispielsweise in der Produktion oder im Vertrieb plötzlich helfende Hände, hat das ganz schnell deutliche Folgen für den Umsatz.

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Teilzeit ist häufig eine Folge von Betreuungs- und Familienverantwortung: 93 Prozent der befragten Mütter nennen den Wunsch nach mehr Zeit für ihre Kinder als Grund für ihre reduzierte Arbeitszeit. Auch die Unterstützung der Kinder, Hausarbeit und fehlende Betreuungsangebote spielen eine zentrale Rolle.

Welche ersten Schritte würden Sie Unternehmen empfehlen, um ihre Familienfreundlichkeit zu stärken?

Zuerst geht es um eine offene Haltung. Arbeitgeber sollten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf sagen: "Das geht mich etwas an" Denn jeder hat ein Privatleben, das sein Berufsleben beeinflusst. Wenn der Arbeitgeber das berücksichtigt, hat man schon viel gewonnen. Wichtig ist im ersten Schritt eine bedarfsorientierte Betrachtung im eigenen Unternehmen: Was braucht meine Belegschaft? Welche Themen kommen auf? Kinderbetreuung, die Pflege von Angehörigen oder die zeitliche Verfügbarkeit von Alleinerziehenden können zum Beispiel eine Rolle spielen. Arbeitgeber sollten genau hinschauen, welche Bedürfnisse ihre Mitarbeitenden haben oder diese im Idealfall abfragen. Mit ihren Ergebnissen und Fragen können sie sich dann an uns wenden, sich weiter informieren oder sich von anderen Unternehmen in unserem Netzwerk inspirieren lassen.

Mit welchen Angeboten unterstützen Sie Ihre Mitgliedsunternehmen konkret?

Wir sensibilisieren zu allen Themen rund um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und stellen Informationsmaterialien zur Verfügung, darunter Checklisten, Leitfäden und Handlungshilfen. Außerdem veröffentlichen wir auf unserer Website und in den sozialen Netzwerken Praxisbeispiele aus Unternehmen, die unsere Mitglieder inspirieren und ihnen neue Impulse für die eigene Praxis geben können. Doch vor allem bieten wir ein starkes Netzwerk: Regelmäßig laden wir zu regionalen Fachveranstaltungen vor Ort mit Workshops oder zu Online-­Veranstaltungen ein. Dabei können sich die Mitglieder austauschen, ihre Herausforderungen schildern und Ideen mitnehmen. Es ist großartig zu beobachten, wie ­offen und transparent sich die Unternehmen in diesem ­Rahmen zeigen. Online bieten wir auch multimediale Inhalte an, etwa Mitschnitte von Webinaren oder unseren Podcast – den "Vereinbarkeits-Espresso".

Welche Praxisbeispiele aus dem Netzwerk zeigen, wie Unternehmen von familienfreundlichen Maßnahmen profitieren können?

Viele unserer ­Praxisbeispiele zeigen, dass Lösungen über­raschend einfach sein ­können. Wie das Beispiel eines Mittel­ständlers, der seine Betriebskantine im Haus ­schließen musste, dafür aber einen Bäcker­wagen aus der Region kommen lässt. Andere ­Ansätze fördern die zeitliche Flexi­bilität – etwa, indem frischgebackene Eltern zusätzliche "Babytage" erhalten, damit Familien mehr gemeinsame Zeit haben. Entscheidend ist, dass ­Unternehmen keine Standardlösungen übernehmen, sondern Maßnahmen entwickeln, die zu ihrer eigenen Belegschaft passen.

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Familienfreundliche Arbeitsbedingungen können zusätzliche Beschäftigungspotenziale erschließen: Besonders flexible Arbeitszeitmodelle, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Entwicklungs- und Aufstiegsmöglichkeiten würden viele Mütter zu einer Ausweitung ihrer Arbeitszeit bewegen.

Zum Projekt: Erfolgsfaktor Familie

Das Netzwerk von "Erfolgsfaktor Familie" vereint fast 9.200 bundesweite Mitgliedsunternehmen. Dazu gehören viele IHK-Mitglieder, KMUs sowie große Konzerne und Selbstständige. 2027 feiert das Projekt sein 20-jähriges Jubiläum. Es wird vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) und der DIHK gefördert. Die Mitgliedschaft ist kostenfrei.  

Mehr Informationen unter: www.erfolgsfaktor-familie.de

IHK-Berufsbildungsmagazin POSITION

Dieser Beitrag erscheint in der kommenden Winterausgabe des IHK-Berufsbildungsmagazins POSITION.

Das Magazin richtet sich vor allem an Ausbildende, Prüferinnen und Prüfer sowie Personalverantwortliche in den IHK-Mitgliedsunternehmen.

Relevant im Themenfeld:
Schwerpunkte:
  • Position - Magazin für Ausbilder
  • Ausbildung

Autorin

Sabine Biskup

Sabine Biskup

Redakteurin bei der UNIVERSUM Verlag GmbH