Viele Unternehmen suchen händeringend qualifiziertes Personal. Dabei wird das Potenzial im eigenen Betrieb häufig übersehen: Beschäftigte, die ihr Können seit Jahren im Arbeitsalltag beweisen, denen aber ein anerkannter Berufsabschluss fehlt. Teilqualifikationen (TQ) schaffen genau hier einen Weg. Sie ermöglichen es, berufliche Kompetenzen schrittweise nachzuweisen und auszubauen – bis hin zum Berufsabschluss. Für Unternehmen bedeutet das: Fachkräfte müssen nicht immer extern gesucht werden.
Dass dieser Ansatz zunehmend an Bedeutung gewinnt, zeigt sich im Jahr 2026 gleich doppelt: Das Projekt "Chancen Nutzen! Mit Teilqualifikationen Richtung Berufsabschluss" wird ab Oktober für weitere drei Jahre durch das Bundesbildungsministerium (BMBFSFJ) gefördert. Gleichzeitig begehen die Industrie- und Handelskammern (IHKs) ein besonderes Jubiläum: Seit einem entsprechenden Beschluss ihrer Hauptgeschäftsführerinnen und Hauptgeschäftsführer im Jahr 2016 führen sie für die erfolgreichen Absolventinnen und Absolventen von Teilqualifikationen bundesweit einheitliche Kompetenzfeststellungen durch und vergeben hierfür IHK-Zertifikate. Damit wurde vor zehn Jahren ein wichtiger Grundstein für die Standardisierung und Qualitätssicherung von TQ in der IHK-Organisation gelegt.
Schritt für Schritt zum Abschluss
Der Gedanke hinter Teilqualifikationen ist einfach: Nicht jeder kann oder möchte für einen Berufsabschluss noch einmal eine komplette Ausbildung absolvieren. Deshalb werden anerkannte Ausbildungsberufe in mehrere aufeinander aufbauende Bausteine, die sogenannten Teilqualifikationen, gegliedert. Nach jedem Abschnitt weisen die Teilnehmer ihre Kompetenzen in einer Kompetenzfeststellung bei der IHK nach und erhalten darüber ein IHK-Zertifikat. Wer alle erforderlichen Teilqualifikationen erfolgreich durchläuft, kann sich für die Externenprüfung und damit für einen anerkannten Berufsabschluss qualifizieren.
Für Unternehmen bieten Teilqualifikationen mehrere Vorteile:
- Fachkräfte können aus den eigenen Reihen entwickelt werden.
- Beschäftigte bleiben während der Qualifizierung eng an den Betrieb gebunden.
- Bereits vorhandene berufliche Kenntnisse werden anerkannt und systematisch ergänzt.
- Der Qualifizierungsweg ist transparent und orientiert sich unmittelbar an anerkannten Ausbildungsberufen.
- Fördermöglichkeiten der Bundesagentur für Arbeit können die Weiterbildung finanziell unterstützen.
Die Wurzeln der TQ-Arbeit in der IHK-Organisation reichen wenigstens bis ins Jahr 2012 zurück. Damals sammelten rund 40 IHKs in Pilotprojekten erste Erfahrungen mit Teilqualifikationen und Kompetenzfeststellungen. Ziel war es, bundesweit einheitliche Qualitätsstandards zu entwickeln und in der Praxis zu verankern.
Der Beschluss von 2016 gab dieser Entwicklung entscheidenden Rückenwind. Seit 2017 unterstützt das Bundesbildungsministerium das Projekt "Chancen Nutzen! Mit Teilqualifikationen Richtung Berufsabschluss" dabei, die Standardisierung weiter voranzutreiben und in der Fläche zu verankern. Seit 2021 arbeitet das Projekt zudem mit weiteren bundesgeförderten TQ-Initiativen zusammen, um gemeinsame Standards weiterzuentwickeln und die Transparenz für Unternehmen und Teilnehmende zu erhöhen.
Alle Infos auf einer Plattform
Ein weiterer Meilenstein folgte 2024 mit dem Start der Plattform "Chance TQ": Dort finden Unternehmen, Bildungsträger und Interessierte Informationen rund um Teilqualifikationen. Für inzwischen 41 Berufe stehen bundesweit abgestimmte Qualifizierungsbausteine bereit – von kaufmännischen Berufen bis hin zu technischen und gewerblichen Tätigkeitsfeldern.
Wie stark sich Teilqualifikationen inzwischen etabliert haben, zeigen weitere Zahlen. 2026 engagieren sich bereits 76 IHKs für TQ. Gleichzeitig steigt die Nachfrage kontinuierlich: Zwischen 2019 und 2025 nahm die Zahl der Kompetenzfeststellungen um knapp 62 Prozent zu.
Thema sogar im Koalitionsvertrag
Auch in der Politik wächst die Unterstützung. Im aktuellen Koalitionsvertrag werden Teilqualifikationen ausdrücklich als Instrument genannt, um mehr Erwachsene ohne Berufsabschluss nachhaltig in den Arbeitsmarkt zu integrieren.
Hinzu kommt ein weiterer wichtiger Schritt: Ende 2025 verabschiedete der Hauptausschuss des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) eine gemeinsame Empfehlung zur qualitätsgesicherten Gestaltung und Umsetzung von Teilqualifikationen. Erstmals verständigten sich damit Sozialpartner, Kammern, Bundesministerien, Länder und die Bundesagentur für Arbeit auf gemeinsame Qualitätsstandards und Konstruktionsprinzipien für TQ.
Ihr Ansprechpartner: die IHK vor Ort
Der Einstieg für Unternehmen ist oft einfach: Wer sich für Teilqualifikationen interessiert, sollte den Kontakt zur regionalen IHK suchen. Dort erhalten Betriebe Informationen zu den nächsten Schritten, passenden Angeboten und möglichen Förderwegen. So lässt sich schnell herausfinden, wie Beschäftigte auf dem Weg zum Berufsabschluss gezielt weiterentwickelt werden können.
Für Betriebe, die dem Fachkräftemangel nicht nur mit Stellenanzeigen begegnen wollen, lohnt sich ein Blick auf Teilqualifikationen allemal. Denn die gesuchten Fachkräfte sind oft näher als gedacht.
Mehr Informationen zum Projekt sowie alle standardisierten Teilqualifikationen finden Sie unter www.chance-tq.de.
IHK-Berufsbildungsmagazin POSITION
Dieser Beitrag erscheint in der Herbstausgabe des IHK-Berufsbildungsmagazins POSITION, die im letzten Quartal 2026 herauskommt.
Das Magazin richtet sich vor allem an Ausbildende, Prüferinnen und Prüfer sowie Personalverantwortliche in den IHK-Mitgliedsunternehmen.
- Relevant im Themenfeld:
- Serviceportal
- Schwerpunkte:
-
- Ausbildung
Autor
Thilo Kunze
Referatsleiter Infocenter, Chefredakteur POSITION