Trotz wirtschaftlich schwieriger Lage halten die Unternehmen in Deutschland an ihrer familienfreundlichen Personalpolitik fest. Das belegt der Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit 2026, den das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend erstellt hat. Die Ergebnisse, die beim diesjährigen Unternehmenstag des Netzwerks "Erfolgsfaktor Familie" präsentiert wurden, zeigen: Vereinbarkeit ist längst ein strategischer Faktor für Fachkräftesicherung und Arbeitgeberattraktivität.
Familienfreundlichkeit bleibt hochrelevant
Für 88 Prozent der Unternehmen sind Maßnahmen wie flexible Arbeitszeitmodelle oder verlässliche Kinderbetreuungsangebote auch 2026 wichtig. Zum Vergleich: In der letzten Umfrage aus dem Jahr 2023 waren es noch 86 Prozent. Die betriebliche Familienfreundlichkeit behauptet sich damit nicht nur in Krisenzeiten, sondern sie gewinnt weiter an Bedeutung. Gleichzeitig ist der Anteil der Unternehmen mit einer ausgeprägt familienfreundlichen Unternehmenskultur erneut gestiegen. Auch die Beschäftigten nehmen positive Entwicklungen wahr: Sie fühlen sich häufiger ausreichend informiert und können bestehende Vereinbarkeitsangebote besser nutzen als noch drei Jahre zuvor.
Fachkräfte gewinnen und halten
Rund 85 Prozent der Betriebe sehen Vereinbarkeit als zentralen Baustein ihrer Fachkräftesicherung. Familienfreundliche Maßnahmen helfen dabei, qualifizierte Mitarbeitende zu gewinnen und zu binden. Sie ermöglichen es Beschäftigten mit familiären Verpflichtungen, einer stabilen oder ausgeweiteten Arbeit nachzugehen. Dabei rücken pflegende Beschäftigte deutlich stärker in den Blick: Acht von zehn Unternehmen finden es wichtig, Mitarbeitende, die Familienangehörige pflegen, zu unterstützen. Gegenüber 2023 entspricht das einem Zuwachs von knapp 15 Prozentpunkten. Zudem erwarten 77 Prozent der Betriebe, dass die Bedeutung der Vereinbarkeit für die Fachkräftesicherung trotz der herausfordernden wirtschaftlichen Situation künftig weiter zunimmt.
Neue Anforderungen der jungen Generation
Insbesondere für jüngere Beschäftigte spielen familienfreundliche Arbeitsbedingungen eine herausragende Rolle. 58 Prozent der Unternehmen berichten, dass flexible Arbeitszeiten und Homeoffice für diese Gruppe heute wichtiger sind als noch vor einigen Jahren. Zudem gewinnt eine partnerschaftliche Aufteilung von Care-Arbeit an Bedeutung. Fast jeder zweite Betrieb berichtet, dass jüngere Beschäftigte heute mehr Wert auf Elternzeit und Teilzeitarbeit für Väter legen als früher. Entsprechend wird Familienfreundlichkeit zunehmend als Kennzeichen eines attraktiven Arbeitgebers verstanden – auch für Mitarbeitende, die noch keine Betreuungsverpflichtungen haben.
Flexibilität braucht Planbarkeit
Flexible Arbeitszeiten gelten oft als Königsweg für mehr Vereinbarkeit. Die Ergebnisse der Umfrage zeichnen jedoch ein differenzierteres Bild: Während die eine Hälfte der Belegschaften Flexibilität bevorzugt, legt die andere Hälfte größeren Wert auf verlässliche Arbeitszeiten. Erfolgreiches Vereinbarkeitsmanagement muss daher beides zusammenbringen. Betriebe können dies etwa durch eine vorausschauende Personal- und Einsatzplanung erreichen, die den Beschäftigten Planungssicherheit gibt und gleichzeitig individuelle Anpassungen ermöglicht.
Was Unternehmen jetzt tun können
Aus den Studienergebnissen lassen sich konkrete Handlungsempfehlungen ableiten:
- Familienfreundlichkeit als festen Bestandteil der Personalstrategie verankern
- Beschäftigte regelmäßig zu ihren Vereinbarkeitsbedürfnissen befragen
- Führungskräfte für eine familienfreundliche Arbeitskultur sensibilisieren
- Flexible Arbeitszeiten mit ausreichender Planbarkeit verbinden
- Die Erwartungen jüngerer Beschäftigter an Flexibilität und mobiles Arbeiten stärker berücksichtigen
- Beschäftigten im Schichtdienst mehr Einfluss auf Schicht- und Einsatzplanung ermöglichen
- Vereinbarkeitsangebote auch für Beschäftigte mit Präsenzpflicht oder Außendiensttätigkeiten weiterentwickeln
- Bestehende Angebote und Benefits für Beschäftigte transparenter kommunizieren und bekannter machen
- Von den Erfahrungen anderer Unternehmen profitieren, beispielsweise als Mitglied im Unternehmensnetzwerk "Erfolgsfaktor Familie"
Gute Rahmenbedingungen bleiben entscheidend
Ihre volle Wirkung entfalten betriebliche Maßnahmen nur unter verlässlichen Rahmenbedingungen. Aus Sicht der Unternehmen ist dabei insbesondere ein ausreichend verfügbares, qualitativ hochwertiges und flexibles Kinderbetreuungsangebot von zentraler Bedeutung. Benötigt werden sowohl für Kita- als auch für Grundschulkinder Betreuungsoptionen, die verlässlich verfügbar sind und sich an den tatsächlichen Arbeits- und Lebensrealitäten von Familien orientieren. Dazu gehören insbesondere variable Betreuungszeiten sowie Angebote in Randzeiten, um Berufsgruppen mit Schichtarbeit oder atypischen Arbeitszeiten eine Erwerbstätigkeit zuverlässig zu ermöglichen. Nur wenn die Kinderbetreuung die Bedürfnisse von Familien abdeckt, können Betriebe ihr Fachkräftepotenzial ausschöpfen.
Darüber hinaus brauchen Unternehmen und ihre Beschäftigte mehr Flexibilität bei der Arbeitszeitgestaltung, um den unterschiedlichen betrieblichen Anforderungen und Lebensrealitäten Rechnung tragen zu können. Daher sollte, wie im Koalitionsvertrag angekündigt, anstelle der bislang täglichen eine wöchentliche Höchstarbeitszeit eingeführt werden. Dies würde Unternehmen mehr Spielraum bei der Organisation von Arbeitsabläufen geben und zugleich Beschäftigten ermöglichen, ihre Arbeitszeiten flexibler an familiäre Verpflichtungen anzupassen.
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Veröffentlicht 14.09.2026
Autoren
Marvin Raphael Köhlert
Projektreferent Netzwerkbüro "Erfolgsfaktor Familie"
Dr. Anne Zimmermann
Referatsleiterin Beschäftigung, Alterssicherung, Familie in der Arbeitswelt