
Eine Familie gründen, ins eigene Heim ziehen: Lebensträume, die eine stabile finanzielle Basis benötigen, können sich beruflich Qualifizierte oft früher erfüllen
© Tempura / E+ / Getty Images
Eine Familie gründen, ins eigene Heim ziehen: Lebensträume, die eine stabile finanzielle Basis benötigen, können sich beruflich Qualifizierte oft früher erfüllen
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Schulabschluss in der Tasche und dann? Erstmal studieren! So lautet die Antwort vieler junger Menschen, die vor der Wahl zwischen Studium und Ausbildung stehen. Dass der Trend immer stärker hin zum Studium geht, spiegelt der Arbeitsmarkt deutlich wider: Mehr als jeder fünfte Erwerbstätige hat heute an einer Universität, Fachhochschule oder Berufsakademie studiert. Gleichzeitig, so zeigen aktuelle Projektionen, wird die Fachkräftelücke im Bereich der beruflich Qualifizierten auch in der aktuellen Dekade weiter bestehen bleiben – und somit viele Bereiche der Wirtschaft bei der Personalgewinnung unverändert vor große Herausforderungen stellen.
Ein möglicher Grund für das anhaltende Streben nach höheren Bildungsabschlüssen ist die weit verbreitete Annahme, dass Akademikerinnen und Akademiker mehr Geld als Nicht-Akademiker verdienen. Aber stimmt das wirklich? Nicht unbedingt. Am Ende ihres Erwerbslebens haben Akademiker und Personen mit einer abgeschlossenen Höheren Berufsbildung – also beispielsweise Meister, Fachwirte und Techniker – fast gleich viel verdient, nämlich rund 1,4 Millionen Euro brutto. Das belegt eine aktuelle Studie des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung an der Universität Tübingen (IAW), die im Auftrag des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK) erstellt wurde.
Gesamtverdienst am Ende eines Erwerbslebens
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In den Urlaub fahren, ein Auto kaufen, eine Immobilie erwerben oder eine Familie gründen – für Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung und anschließender Weiterbildung finanziell kein Problem.
Während viele Akademiker erst mit Mitte 20 anfangen zu arbeiten und dann oftmals noch ihren Studienkredit abbezahlen müssen, verfügen beruflich Höherqualifizierte, die direkt nach der Schule ins Erwerbsleben eingestiegen sind und nach ihrer Ausbildung noch eine höherqualifizierende Berufsbildung abgeschlossen haben, bereits über einen deutlichen finanziellen Vorsprung. Vielen Hochschulabsolventen gelingt es erst mit circa 60 Jahren und somit recht spät, diese Lücke zu schließen.
In der Gruppe der Akademiker gibt es teils erhebliche Einkommensunterschiede: Erhält ein Ingenieur in Luft- und Raumfahrt ein durchschnittliches Einstiegsgehalt von circa 5.700 Euro brutto, so hat ein Architekt zu Beginn seines Arbeitslebens im Schnitt lediglich 3.500 Euro brutto auf dem Gehaltszettel. Absolventinnen und Absolventen der Sozialpädagogik oder der Geisteswissenschaften müssen beim Arbeitseinkommen meist noch größere Abstriche machen.
Demgegenüber ist das Einstiegsgehalt von ausgebildeten Fachkräften oft höher, als man vielleicht meint: Bankkaufleute können nach ihrer Berufsausbildung mit einem Gehalt von bis zu 3.400 Euro brutto rechnen. Ebenso sind Arbeitskräfte in der Industrie sehr gefragt: Ein ausgelernter Industriemechaniker wird mit bis zu 2.600 Euro brutto monatlich entlohnt. Mit einem Abschluss in der Höheren Berufsbildung, wie beispielsweise zum Industriemeister, werden sogar monatliche Einstiegsgehälter in Höhe von bis zu 4.400 Euro brutto erzielt – natürlich stets abhängig von Branche und Betriebsgröße. Das klassische Vorurteil, dass Akademiker grundsätzlich mehr verdienen als Nicht-Akademiker, stimmt also nur bedingt.
Der gute Verdienst von Ärzten und Ingenieuren hebt den Gehaltsdurchschnitt bei den akademisch Qualifizierten an. Absolventinnen und Absolventen anderer Studiengänge rangieren teils deutlich darunter. Eine berufliche Ausbildung kann also lukrativer sein als ein jahrelanges Studium. Das gilt insbesondere dann, wenn Hochschulabsolventen dazu gezwungen sind, unterhalb ihres Qualifikationsniveaus ins Berufsleben einzusteigen.
Vor dem Hintergrund der anhaltenden Pandemiesituation hat sich der Fachkräftebedarf der Unternehmen binnen eines Jahres insgesamt spürbar verringert: So sehen in der DIHK-Konjunkturumfrage von Jahresbeginn 2021 rund 38 Prozent der Unternehmen im Fachkräftemangel ein Risiko für ihre wirtschaftliche Entwicklung. Das sind deutlich weniger als zu Jahresbeginn 2020, als noch 55 Prozent der Betriebe diesen Faktor genannt hatten.
Ungeachtet dieses aktuellen Trends gehen Arbeitsmarktexperten jedoch bisher davon aus, dass der Fachkräftemangel bei zukünftig positiver Wirtschaftsentwicklung für viele Betriebe erneut zur Herausforderung werden wird. Allerdings könnten durch während der Pandemie veränderte Produktions- und Arbeitsweisen möglicherweise auch langfristige Strukturveränderungen auf dem Arbeitsmarkt initiiert werden. Erste Überlegungen und Analysen dazu hat das IAB (2021) angestellt; mögliche Folgen für die Fachkräftebedarfe der Betriebe sind aber noch nicht hinreichend erforscht.
Eine aktuelle Qualifikations- und Berufsprojektion von BIBB und IAB (Basisprojektion 6. Welle, Datenbankabruf aus dem QuBe-Datenportal am 30. April 2021) zeigt, dass im Jahr 2040 insbesondere Personen mit dualer Berufsausbildung auf dem Arbeitsmarkt fehlen werden: Hier ergibt sich perspektivisch eine Angebotslücke von rund 3,2 Millionen Fachkräften, während bei den akademischen Abschlüssen die prognostizierte Lücke mit rund 1,7 Millionen Personen deutlich kleiner ist. Die Nachfrage der Unternehmen nach beruflich qualifizierten Fachkräften bleibt also perspektivisch groß.
Der Blick auf die Fachkräftesituation in den Unternehmen zeigt: Auch beim Thema Jobchancen und Arbeitsplatzsicherheit haben Hochschulabsolventen nicht unbedingt die besseren Karten.
Zuletzt lag die Arbeitslosenquote von Akademikern bei 2,0 Prozent. Bei Fachkräften, die sich zum Meister- oder Techniker weiterqualifiziert haben, betrug die Arbeitslosenquote hingegen lediglich 1,2 Prozent – und blieb damit gegenüber dem Vorjahreszeitraum stabil.
Bemerkenswert ist auch die mittelfristige Veränderung: Während die Arbeitslosenquote von beruflich Höherqualifizierten zu Beginn der 2000er-Jahre mit 6,3 Prozent noch die der Akademiker deutlich (um 1,3 Prozentpunkte) überstieg, hat sich das Verhältnis inzwischen zugunsten der beruflich Qualifizierten gedreht. Das verdeutlicht: Eine duale Ausbildung mit anschließender Weiterbildung schützt besser vor Arbeitslosigkeit als ein Studium.
Wie auch beim Einkommen gibt es beim Thema Arbeitslosigkeit von Akademikern große Unterschiede – allerdings sind die Arbeitslosenquoten in einigen Branchen und Berufsfeldern pandemiebedingt zuletzt sehr stark gestiegen, so dass sie sich nicht 1:1 zu den vorherigen Daten ins Verhältnis setzen lassen. So wurde beispielsweise für die Werbe- und Marketingbranche in 2020 ein Anstieg der Arbeitslosenzahlen um knapp 38 Prozent verzeichnet, während die Pandemie für medizinische Berufe einen gegenteiligen Effekt hat. Insgesamt ist zu erwarten, dass das ungleiche Verhältnis der Arbeitslosenquoten in verschiedenen Berufen, für die üblicherweise ein akademischer Abschluss erforderlich ist, auch mittelfristig stabil bleiben wird.
Hinzu kommt: Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung und anschließender Weiterbildung sind nicht nur seltener arbeitslos, sie bekommen auch leichter einen unbefristeten Vertrag: So wird über die Hälfte (knapp 56 Prozent) der Bachelor-Absolventen beim Berufseinstieg befristet eingestellt, während 70 Prozent der Meister, Techniker und Fachwirte sowie knapp zwei Drittel der dual Ausgebildeten gleich einen unbefristeten Vertrag erhalten bzw. sich bereits während der Weiterbildung in einem Beschäftigungsverhältnis befinden.
Insgesamt waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2019 in Deutschland 7,4 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ab 25 Jahren befristet beschäftigt. Dabei rangierte der Anteil der Akademiker in einem befristeten Beschäftigungsverhältnis mit 10,4 Prozent deutlich über diesem Durchschnittswert.
Für eine Beschäftigung mit Führungsverantwortung ist ein Hochschulabschluss keinesfalls Pflicht – im Gegenteil: Die Höhere Berufsbildung führt ihre Absolventen sogar häufiger in direkte Personalverantwortung: 47 Prozent der Fortbildungs-, aber nur 39 Prozent der Hochschulabsolventen bekleiden eine solche Position im Beruf.
Ebenso sind Meister oder Techniker gegenüber Kollegen öfter fachlich weisungsbefugt als Akademiker (80 versus 69 Prozent). Das heißt, gerade bei Fragen der konkreten betrieblichen Umsetzung geben beruflich Qualifizierte häufiger den Ton an als ihre Kollegen aus den Hochschulen. Sie finden die zugrunde liegende Studie, die das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln im Auftrag der DIHK-Bildungs-gGmbH erstellt hat, hier zum Download:
"Karrierefaktor berufliche Fortbildung" (PDF, 1 MB)
Auch mit Blick auf ihre beruflichen Entwicklungschancen begegnen sich Meister oder Techniker aus der Weiterbildung und Bachelor-Absolventen von der Hochschule auf Augenhöhe: Insbesondere in Großunternehmen stehen beiden Absolventengruppen ähnlich vielfältige Möglichkeiten offen.
Fast neun von zehn Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern stufen die Karrierechancen der beiden Absolvententypen in kaufmännischen Berufsfeldern mindestens als "etwa gleich vielfältig" ein. Mehr noch: Fortbildungsabsolventen sind aus Sicht der Betriebe nicht so einfach durch Akademiker zu ersetzen: Unternehmenschefs schätzen Fortbildungsabsolventen als fachkundige Mitarbeiter, denen etwas öfter Tätigkeiten "exklusiv" vorbehalten sind als Akademikern.
Bereits beim Übergang von Ausbildung und Studium in das Arbeitsleben kann die Berufliche Bildung klar punkten: Einer aktuellen Studie des Marktforschungsinstituts respondi zufolge fühlen sich deutlich mehr Azubis als Hochschulabsolventen gut auf den Job vorbereitet: Knapp zwei Drittel (rund 60 Prozent) aus dieser Gruppe können beim Berufseinstieg von den hohen Praxisanteilen ihrer dualen Ausbildung profitieren, während sich Akademiker nur zu 34 Prozent gut bis sehr gut auf das Berufsleben vorbereitet fühlen; darunter insbesondere Berufstätige aus der Gesundheits- und Produktionsbranche.
Für zwei Drittel der Absolventen einer Höheren Berufsbildung hat diese Weiterbildung positive Effekte auf ihre berufliche Entwicklung. Dieser Erfolg macht sich am häufigsten in einer höheren Position im Job mit größerem Verantwortungs- und Aufgabenbereich sowie in einer finanziellen Verbesserung bemerkbar.
Auch eine aktuelle Sonderauswertung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) zeigt, dass Beschäftigte mit beruflicher Höherqualifizierung häufig Projekt-, Gruppen- oder Teamleitung (59 Prozent) innehaben beziehungsweise eigenständige Budgetverantwortung besitzen (37 Prozent). Sie üben zudem häufig eine Vorgesetztenfunktion aus (45 Prozent) und übernehmen dabei oftmals umfassende Mitarbeiterverantwortung.
Auch persönlich bringt ein Abschluss der Höheren Berufsbildung die Fachkräfte weiter, wie die DIHK-Erfolgsstudie Weiterbildung 2018 zeigt: 85 Prozent der im Rahme der Studie abgefragten Absolventen stimmen dieser Aussage zu. Hier werden seitens der Befragten am häufigsten eine Erweiterung des Blickwinkels sowie ein verbessertes Verständnis genannt. Weitere positive Effekte, die alle Absolventen erfahren, sind die Steigerung des eigenen Reflexionsvermögens und eine Optimierung der kommunikativen Kompetenzen. Wie positiv die Umfrageteilnehmer die Angebote der Höheren Berufsbildung bewerten, zeigt sich auch daran, dass sich 85 Prozent von ihnen wieder für dieselbe Weiterbildung entscheiden würden; 58 Prozent wollen sich auch in Zukunft weiterbilden.
Höchste Zeit also, gängige Vorurteile infrage zu stellen. Der Karriereweg über die Berufliche – stärker praxisorientierte – Bildung ist für viele eine lohnende Alternative zum Studium. Das gilt für junge Menschen bei der Berufswahl ebenso wie für Unternehmen bei der Suche nach Talenten für eine gemeinsame Zukunft. Die deutsche Wirtschaft jedenfalls profitiert seit Jahrzehnten von der betriebsnahen Aus- und Weiterbildung – und ist auch in Zukunft auf beruflich top qualifizierte Fachkräfte angewiesen!