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Berufliche Weiterbildung zahlt sich aus

Meister, Fachwirte & Co: Beruflich Qualifizierte haben fast ihr ganzes Erwerbsleben lang finanziell die Nase vorn
Familie mit Baby zieht ein

Eine Familie gründen, ins eigene Heim ziehen: Lebensträume, die eine stabile finanzielle Basis benötigen, können sich beruflich Qualifizierte oft früher erfüllen

© Tempura / E+ / Getty Images

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Porträtbild Julia Flasdick, Referatsleiterin Fachkräftesicherung | Weiterbildung
Julia Flasdick Referatsleiterin Hochschulpolitik, Forschungs- und Strukturfragen

Der "Studier-Reflex"

Schulabschluss in der Tasche und dann? Erstmal studieren! So lautet die Antwort vieler junger Menschen, die vor der Wahl zwischen Studium und Ausbildung stehen. Dass der Trend immer stärker hin zum Studium geht, spiegelt der Arbeitsmarkt deutlich wider: Mehr als jeder fünfte Erwerbstätige hat heute an einer Universität, Fachhochschule oder Berufsakademie studiert. Denn, so die verbreitete Annahme: Akademikerinnen und Akademiker verdienen mehr Geld als Nicht-Akademiker.

Aber stimmt das wirklich? Nicht unbedingt. Am Ende ihres Erwerbslebens haben Akademiker und Personen mit einer abgeschlossenen Höheren Berufsbildung – also beispielsweise Meister, Fachwirte und Techniker – fast gleich viel verdient, nämlich rund 1,4 Millionen Euro brutto. Das belegt eine aktuelle Studie des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung an der Universität Tübingen (IAW), die im Auftrag des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK) erstellt wurde.

1,4 Mio. €

Gesamtverdienst am Ende eines Erwerbslebens

Vergleichende Grafik zum Lebenseinkommen von Akademikern und Weiterbildungsabsolventen

© DIHK

Lebenseinkommen unterscheiden sich nicht erheblich

In den Urlaub fahren, ein Auto kaufen, eine Immobilie erwerben oder eine Familie gründen - für Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung und anschließender Weiterbildung finanziell kein Problem.  

Während viele Akademiker noch ihren Studienkredit abbezahlen müssen und erst mit Mitte 20 anfangen zu arbeiten, verfügen beruflich Qualifizierte, die direkt nach der Schule ins Erwerbsleben eingestiegen sind, bereits über einen deutlichen finanziellen Vorsprung. Vielen Hochschulabsolventen gelingt es erst mit circa 60 Jahren, diese Lücke zu schließen.  

Akademische versus Berufliche Bildung: Die wichtigsten Fakten

In der Gruppe der Akademiker gibt es teils erhebliche Einkommensunterschiede: Erhält ein Ingenieur in Luft- und Raumfahrt ein durchschnittliches Einstiegsgehalt von circa 5.800 Euro brutto, so hat ein Architekt zu Beginn seines Arbeitslebens im Schnitt lediglich 3.000 Euro brutto auf dem Gehaltszettel. Absolventen der Sozialpädagogik oder der Geisteswissenschaften müssen beim Arbeitseinkommen meist noch größere Abstriche machen. 

Demgegenüber ist das Einstiegsgehalt von ausgebildeten Fachkräften oft höher, als man vielleicht meint: Bankkaufleute können nach ihrer Berufsausbildung mit einem Gehalt von bis zu 3.400 Euro brutto rechnen. Ebenso sind Arbeitskräfte in der Industrie sehr gefragt: Ein ausgelernter Industriemechaniker wird mit bis zu 2.500 Euro brutto monatlich entlohnt. Mit einem Abschluss in der Höheren Berufsbildung, wie beispielsweise zum Industriemeister, werden sogar monatliche Einstiegsgehälter in Höhe von bis zu 4.400 Euro brutto erzielt – natürlich stets abhängig von Branche und Betriebsgröße. Das klassische Vorurteil, dass Akademiker grundsätzlich mehr verdienen als Nicht-Akademiker, stimmt also nur bedingt.

Der gute Verdienst von Ärzten und Ingenieuren hebt den Gehaltsdurchschnitt bei den akademisch Qualifizierten an. Absolventen anderer Studiengänge rangieren teils deutlich darunter. Eine berufliche Ausbildung kann also lukrativer sein als ein jahrelanges Studium. Das gilt insbesondere dann, wenn Hochschulabsolventen dazu gezwungen sind, unterhalb ihres Qualifikationsniveaus ins Berufsleben einzusteigen. 

Perspektivisch dürfte sich das Einkommensgefüge sogar insgesamt zu Gunsten der beruflich Gebildeten verschieben, wenn der Trend zur Akademisierung weiterhin anhält – und gleichzeitig in vielen Branchen immer mehr Fachkräfte mit einem beruflichen Bildungsweg fehlen.

Das lässt sich vor allem anhand von Berufen im Bereich der Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik belegen: Im Herbst 2019 berechnete das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) eine MINT-Arbeitskräftelücke von insgesamt 263.000 Personen, die zu rund zwei Dritteln im Segment der beruflich Qualifizierten verortet ist. Sie setzt sich zusammen aus 122.900 Personen in MINT-Facharbeiterberufen sowie 48.600 im Bereich der Spezialisten-/Meister-/Technikerberufe. Ihr gegenüber steht eine deutlich kleinere akademische MINT-Arbeitskräftelücke von 91.500 Personen. 

Auch gesamtwirtschaftlich betrachtet herrscht der größte Fachkräftemangel im Bereich der beruflich Qualifizierten, wie der aktuelle DIHK-Arbeitsmarktreport (PDF, 1 MB) von 2019 zeigt: Knapp ein Viertel aller Unternehmen sucht erfolglos nach Kandidaten mit dualer Berufsausbildung; Fachwirte und Meister sind in knapp jedem fünften aller Unternehmen besonders gefragt.

Vor dem Hintergrund, dass Erwerbstätige mit einem solchen Abschluss nur einen recht geringen Anteil an allen Erwerbstätigen ausmachen und die jährliche Absolventenzahl im Vergleich zu Ausbildung und Studium merklich geringer ist, dokumentiert dieser Wert eine erhebliche Engpasssituation. Demgegenüber findet nur ein gutes Sechstel der Betriebe keine Fachkräfte mit akademischem Abschluss.

Grafik mit der Überschrift "Für welches Qulifikationsniveau suchen Unternehmen Arbeitskräfte"

© DIHK


Der Blick auf die Fachkräftesituation in den Unternehmen zeigt: Auch beim Thema Jobchancen und Arbeitsplatzsicherheit haben Hochschulabsolventen nicht unbedingt die besseren Karten.

Im Jahr 2018 lag die Arbeitslosenquote von Akademikern bei 2,1 Prozent. Bei Fachkräften, die sich zum Meister- oder Techniker weiterqualifiziert haben, betrug die Arbeitslosenquote im Vergleichszeitraum hingegen lediglich 1,2 Prozent – und sank zudem dabei gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 0,3 Prozentpunkte.

Bemerkenswert ist auch die mittelfristige Veränderung: Während die Arbeitslosenquote von beruflich Höherqualifizierten zu Beginn der 2000er Jahre mit 6,3 Prozent noch die der Akademiker deutlich (um 1,3 Prozentpunkte) überstieg, hat sich das Verhältnis inzwischen zugunsten der beruflich Qualifizierten gedreht. Das zeigt: Eine duale Ausbildung mit anschließender Weiterbildung schützt besser vor Arbeitslosigkeit als ein Studium.

Wie auch beim Einkommen gibt es beim Thema Arbeitslosigkeit von Akademikern große Unterschiede: Die Arbeitslosenquote für studierte Werbe- und Marketingspezialisten wurde zuletzt mit 4,5 Prozent angegeben – aber lediglich 1,3 Prozent der Absolventinnen und Absolventen in der Human- und Zahnmedizin finden keine Beschäftigung, was die Quote insgesamt wieder senkt.

Hinzu kommt: Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung und anschließender Weiterbildung sind nicht nur seltener arbeitslos, sie bekommen auch leichter einen unbefristeten Vertrag. 

Nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) lag der Befristungsanteil für Nicht-Akademiker mit einer abgeschlossenen dualen Ausbildung oder gleichwertigem Berufsfachschulabschluss bei 6,3 Prozent; für Absolventen einer Meister-/Technikerausbildung bei nur 5,3 Prozent.

Der Anteil der Akademiker (ohne Doktortitel) in einem befristeten Beschäftigungsverhältnis rangierte indes mit 11 Prozent deutlich über diesen Werten.

Für eine Beschäftigung mit Führungsverantwortung ist ein Hochschulabschluss keinesfalls Pflicht – im Gegenteil: Die Höhere Berufsbildung führt ihre Absolventen sogar häufiger in direkte Personalverantwortung: 47 Prozent der Fortbildungs-, aber nur 39 Prozent der Hochschulabsolventen bekleiden eine solche Position im Beruf.

Ebenso sind Meister oder Techniker gegenüber Kollegen öfter fachlich weisungsbefugt als Akademiker (80 versus 69 Prozent). Das heißt, gerade bei Fragen der konkreten betrieblichen Umsetzung geben beruflich Qualifizierte häufiger den Ton an als ihre Kollegen aus den Hochschulen. Sie finden die zugrundeliegene Studie, die das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln im Auftrag der DIHK-Bildungs-GmbH erstellt hat, hier zum Download:

"Karrierefaktor berufliche Fortbildung" (PDF, 1 MB)

Auch mit Blick auf ihre beruflichen Entwicklungschancen begegnen sich Meister oder Techniker aus der Weiterbildung und Bachelor-Absolventen von der Hochschule auf Augenhöhe: Insbesondere in Großunternehmen stehen beiden Absolventengruppen ähnlich vielfältige Möglichkeiten offen.

Fast neun von zehn Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern stufen die Karrierechancen der beiden Absolvententypen in kaufmännischen Berufsfeldern mindestens als "etwa gleich vielfältig" ein. Mehr noch: Fortbildungsabsolventen sind aus Sicht der Betriebe nicht so einfach durch Akademiker zu ersetzen: Unternehmenschefs schätzen Fortbildungsabsolventen als fachkundige Mitarbeiter, denen etwas öfter Tätigkeiten "exklusiv" vorbehalten sind als Akademikern. 

Zu diesem Ergebnis kommt die von der DIHK-Bildungs-GmbH beauftragte IW-Köln-Studie  "Karrierefaktor berufliche Fortbildung" (PDF, 1 MB)

Weitere Vorteile der Höheren Berufsbildung

Bereits beim Übergang von Ausbildung und Studium in das Arbeitsleben kann die Berufliche Bildung klar punkten: Einer aktuellen Studie des Marktforschungsinstituts respondi zufolge fühlen sich deutlich mehr Azubis als Hochschulabsolventen gut auf den Job vorbereitet: Knapp zwei Drittel (rund 60 Prozent) aus dieser Gruppe können beim Berufseinstieg von den hohen Praxisanteilen ihrer dualen Ausbildung profitieren, während sich Akademiker nur zu 34 Prozent gut bis sehr gut auf das Berufsleben vorbereitet fühlen; darunter insbesondere Berufstätige aus der Gesundheits- und Produktionsbranche.

Für zwei Drittel der Absolventen einer Höheren Berufsbildung hat diese Weiterbildung positive Effekte auf ihre berufliche Entwicklung (siehe auch DIHK-Erfolgsstudie Weiterbildung 2018 (PDF, 530 KB)). Dieser Erfolg macht sich am häufigsten in einer höheren Position im Job mit größerem Verantwortungs- und Aufgabenbereich sowie in einer finanziellen Verbesserung bemerkbar. 

Auch eine aktuelle Sonderauswertung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) zeigt, dass Beschäftigte mit beruflicher Höherqualifizierung häufig Projekt-, Gruppen- oder Teamleitung (59 Prozent) innehaben beziehungsweise eigenständige Budgetverantwortung besitzen (37 Prozent). Sie üben zudem häufig eine Vorgesetztenfunktion aus (45 Prozent) und übernehmen dabei oftmals umfassende Mitarbeiterverantwortung.

Auch persönlich bringt ein Abschluss der Höheren Berufsbildung die Fachkräfte weiter, wie die DIHK-Erfolgsstudie Weiterbildung 2018 (PDF, 530 KB) zeigt: 85 Prozent der im Rahme der Studie abgefragten Absolventen stimmen dieser Aussage zu. Hier werden seitens der Befragten am häufigsten eine Erweiterung des Blickwinkels sowie ein verbessertes Verständnis genannt. Weitere positive Effekte, die alle Absolventen erfahren, sind die Steigerung des eigenen Reflexionsvermögens und eine Optimierung der kommunikativen Kompetenzen. Wie positiv die Umfrageteilnehmer die Angebote der Höheren Berufsbildung bewerten, zeigt sich auch daran, dass sich 85 Prozent von ihnen wieder für dieselbe Weiterbildung entscheiden würden; 58 Prozent wollen sich auch in Zukunft weiterbilden.

Fazit

Höchste Zeit also, gängige Vorurteile in Frage zu stellen. Der Karriereweg über die Berufliche – stärker praxisorientierte – Bildung ist für viele eine lohnende Alternative zum Studium. Das gilt für junge Menschen bei der Berufswahl ebenso wie für Unternehmen bei der Suche nach Talenten für eine gemeinsame Zukunft. Die deutsche Wirtschaft jedenfalls profitiert seit Jahrzehnten von der betriebsnahen Aus- und Weiterbildung. 

Arbeiterin mit Ohrenschützern und Handschuhen steht im Lager eines Metallbearbeitungswerkes

Das neue Aufstiegs-BAföG

Fachkräfte, die sich weiterqualifizieren möchten, erhalten seit August 2020 eine bessere finanzielle Unterstützung: Mit dem neuen Aufstiegsfortbildungsförderungsgesetz (AFGB) wurde die Förderung im Rahmen des "Aufstiegs-BAföG" kräftig aufgestockt und für alle drei Stufen der Höheren Berufsbildung eingeführt.