FAQ Sustainable Finance

Welche Ziele verfolgt die Taxonomie? Welche Branchen sind betroffen? Welche Auswirkungen sind für mein Unternehmen zu erwarten? Zahlreiche Fragen rund um die Taxonomie haben wir hier für Sie beantwortet.

Europa will bis 2050 klimaneutral werden. Einen Hebel für eine nachhaltigere Wirtschaft sieht die EU darin, im Rahmen des Aktionsplans "Sustainable Finance" die Kapitalflüsse neu auszurichten. Gelder sollen in Bereiche gelenkt werden, die den Klima- und Umweltschutz messbar voranbringen.

Der Finanzbedarf, um diese ambitionierten Klimaziele zu erreichen, ist in allen Wirtschaftsbereichen enorm. Neben öffentlichen Mitteln ist vor allem Kapital privater Investoren nötig. Damit Investoren die langfristige Wertschöpfung von Unternehmen und das Management von Nachhaltigkeitsrisiken angemessen bewerten können, brauchen sie Transparenz darüber, was als nachhaltig gilt. Zu dieser Transparenz soll die EU-Taxonomie beitragen. Mit ihr werden erstmals europaweit verbindliche Regeln darüber geschaffen, welche Tätigkeiten und Branchen künftig als ökologisch nachhaltig gelten und welche nicht. Damit verbunden ist die Berücksichtigung sozialer und menschenrechtlicher Mindestkriterien.


Folgende sechs Umweltziele stehen im Fokus der EU-Taxonomie:

  • Klimaschutz
  • Anpassung an den Klimawandel
  • nachhaltige Nutzung und Schutz der Wasser- und Meeresressourcen
  • Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft
  • Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung
  • Schutz und Wiederherstellung der biologischen Vielfalt und der Ökosysteme


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Die EU-Taxonomie ist Bestandteil des im März 2018 vorgestellten "Aktionsplans zur Finanzierung von nachhaltigem Wachstum". Die Taxonomie-Verordnung (EU) 2020/852 wurde am 22. Juni im Amtsblatt der Europäischen Union veröffentlicht. Da die Verordnung selbst auf eher abstrakte Weise Umweltziele und ein Verständnis von Umweltnachhaltigkeit bei Wirtschaftsaktivitäten definiert, erfolgt eine Konkretisierung anhand technischer Kriterien.

Hiermit hat die EU-Kommission die Technical Expert Group (TEG) betraut, welche im März 2020 einen entsprechenden Bericht vorgestellt hat. Dem Bericht waren umfassende Konsultationen mit über 200 Industrievertretern und Wissenschaftlern vorausgegangen. Zur gesetzgeberischen Umsetzung erlässt die EU-Kommission auf dieser Basis nach und nach sogenannte delegierte Rechtsakte. Der TEG-Bericht umfasst – ähnlich einem Glossar – auf Basis von Emissionsdaten 70 Wirtschaftsaktivitäten (zum Beispiel Herstellung von Zement oder Aluminium) in acht konkreten Sektoren (zum Beispiel Energieversorgung oder Verkehr), die zusammen für rund 93 Prozent der europäischen Treibhausgasemissionen verantwortlich sind.

Die TEG hat bislang nur die ersten beiden Umweltziele "Klimaschutz" und "Anpassung an den Klimawandel" mit konkreten Vorschlägen unterlegt, die anderen vier Umweltziele sollen folgen. Zusammen mit den Vorgaben der am 10. Dezember 2021 im EU-Amtsblatt veröffentlichten delegierten Verordnung (EU) 2021/2178 bezüglich der Berichterstattung bildet die delegierte Verordnung (EU) 2021/2139 die Grundlage für die erstmalige Veröffentlichung von Taxonomie-Angaben im Jahr 2022.

Mit der EU-Taxonomie werden die Voraussetzungen für die Lenkung von Kapitalflüssen in ökologisch nachhaltige Aktivitäten geschaffen. Basis ist ein einheitliches Verständnis, was als "ökologisch nachhaltige Aktivität" gilt. Nachprüfbare Kriterien definiert die Taxonomie. Abgebildet wird die Orientierung an der EU-Taxonomie in der Nachhaltigkeitsberichterstattung.

Die EU-Taxonomie ändert die Berichterstattung für viele Unternehmen. Konkret: Sie müssen ab 1. Januar 2022 in ihrer nichtfinanziellen Erklärung den Anteil an den Kennzahlen Umsatzerlöse, Investitionsausgaben und Betriebsausgaben angeben, der mit ökologisch nachhaltigen Wirtschaftsaktivitäten im Sinne der EU-Taxonomie verbunden ist. Ferner werden weitere erläuternde und konkretisierende Ausführungen zu den drei Kennzahlen erwartet, wie beispielsweise Erläuterungen zur Ermittlung der Taxonomie-konformen Aktivitäten und der Berechnungsmethodik der drei Kennzahlen.

Laut der Taxonomie-Verordnung gilt eine Wirtschaftsaktivität dann als Taxonomie-konform, wenn sie einen wesentlichen Beitrag zu mindestens einem der sechs Umweltzielen leistet, ohne den anderen zuwiderzulaufen (Prinzip des "Do No Significant Harm", kurz DNSH). Zugleich müssen gewisse Mindestanforderungen, zum Beispiel in Bezug auf Soziales und Menschenrechte, erfüllt werden.

Außerdem erfüllt die Wirtschaftsaktivität die durch die EU-Kommission vorgegebenen "Technical Screening Criteria" – das sind quantitative und qualitative Kriterien wie etwa Schwellenwerte, anhand derer die ökologische Nachhaltigkeit von Aktivitäten festgelegt wird. Aktuell sind für die ersten beiden – Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel – detaillierte Kriterien in den "delegierten Rechtsakten" definiert.

Kapitalmarktorientierte Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern, die keine Finanzunternehmen sind, sind ab dem Geschäftsjahr 2021 verpflichtet, den Grad der Nachhaltigkeit im Geschäftsbericht auszuweisen.

Nein. Das gilt sowohl für die direkt betroffenen Unternehmen, noch stärker aber in der mittelbaren Wirkung. Denn es ist zu erwarten, dass im Rahmen der Lieferkette auch die Anforderungen an die häufig in den Lieferketten eingebundenen kleinen und mittleren Unternehmen steigen, Informationen im Sinne der EU-Taxonomie an ihre Abnehmer zu liefern.

Bereits heute ist in der nicht-finanziellen Berichterstattung der großen kapitalmarktorientierten Unternehmen geregelt, dass diese Unternehmen über ihre Zulieferer mitberichten müssen. Deshalb fordern schon heute daher zahlreiche Großunternehmen ihre Zulieferer auf, eigene Nachhaltigkeitsstrategien zu entwickeln und zu berichten. Vor allem wenn die geplanten neuen Berichtspflichten für fast fünf Mal so viele Unternehmen gelten werden wie bislang, werden wesentlich mehr Mittelständler entsprechende Daten an die Abnehmer ihrer Produkte und Dienstleistungen liefern müssen.

Bevor der auf nachhaltige Aktivitäten entfallende Anteil der Umsatzerlöse, Investitionsausgaben und Betriebsausgaben ermittelt werden kann, sind zuvor die Aktivitäten des Unternehmens zu bestimmen, die im Sinne der EU-Taxonomie als ökologisch nachhaltig gelten. Dazu sind zunächst die Aktivitäten zu identifizieren, die die Voraussetzungen für eine Taxonomie-Relevanz erfüllen. Anschließend ist zu prüfen, ob diese Aktivitäten auch die Bewertungskriterien für Taxonomie-konforme Aktivitäten (substantieller Beitrag zu den Umweltzielen, keine Beeinträchtigung der anderen Umweltziele, Einhaltung des sozialen Mindestschutzes) erfüllen.

Im Ergebnis sind die Taxonomie-konformen Aktivitäten ermittelt, die in die Berechnung der finanziellen Kennzahlen einfließen, also den Anteil an Umsatzerlösen, Investitionsausgaben und Betriebsausgaben. Hierbei wird die immer stärkere Verknüpfung von finanziellen und nicht-finanziellen Informationen in der Unternehmensberichterstattung deutlich: Während die Bestimmung der Taxonomie-konformen Aktivitäten eher in den Nachhaltigkeitsabteilungen angesiedelt sein wird, ist die Berechnungsbasis der Kennzahlen im Rechnungswesen der Unternehmen zu finden.

Ab 2022 verlangt die EU-Taxonomie, dass Unternehmen, die der nicht-finanziellen Berichterstattung unterliegen, zumindest Angaben in puncto Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel machen. Von 2023 an müssen zusätzlich die übrigen Umweltziele inkludiert werden, sofern bis dahin die entsprechenden delegierten Rechtsakte erlassen worden sind.

Die Berichtspflichten beginnen zwar erst 2022 und 2023; sie beziehen sich aber immer auf das jeweilige Vorjahr. Firmen müssen also schon von 2021 beziehungsweise von 2022 an entsprechende Daten sammeln. Bislang gilt diese Berichtspflicht in der EU für etwa 11.700, in Deutschland für rund 500 Unternehmen.

Ein aktueller Vorschlag der EU-Kommission sieht vor, sie auf fast 50.000 Betriebe in der EU, davon allein rund 15.000 Unternehmen in Deutschland, auszuweiten. Künftig müssten demzufolge auch börsennotierte kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) entsprechende Berichte veröffentlichen, die Mindestgröße von 500 Mitarbeitern soll entfallen. Für nicht-börsennotierte KMU will die Kommission freiwillige Standards entwickeln.

Ziel ist es, die Richtlinie bis Juni 2022 zu verabschieden. Danach sollen die Mitgliedsstaaten bis Ende 2022 die Vorgaben in nationales Recht umsetzen. Die Berichtspflicht für Nachhaltigkeitsberichte soll dann für Berichte gelten, die ab dem 1. Januar 2024 veröffentlicht werden, wonach die Berichtsperiode für das Geschäftsjahr ab 2023 erfasst wäre.


Der grundsätzlich angestrebte Wirkmechanismus der Taxonomie zielt vor allem auf unternehmerische Finanzierungsbedingungen ab: Weist ein Unternehmen glaubhaft nach, dass ein bestimmter Anteil seines Umsatzes oder seiner Investitionen Taxonomie-konform ist, soll dies von Finanzmarktakteuren, die sich bestimmten Nachhaltigkeitszielen verschrieben haben, wahrgenommen werden und zu mehr Investitionen in das Unternehmen führen.

Aufgrund eines größeren Kapitalangebots könnten nachhaltige Unternehmen von günstigeren Finanzierungsmöglichkeiten und einer Diversifizierung ihrer Finanzierungsquellen profitieren. Wie bedeutend dieser Finanzierungsmechanismus der Taxonomie sein wird, wird wesentlich von dem Finanzierungsumfeld und der allgemeinen Marktakzeptanz der Taxonomie abhängen. Die Taxonomie beeinflusst aber nicht nur private Marktteilnehmer.

Im Rahmen des Aktionsplans "Sustainable Finance" ist außerdem angedacht, dass realwirtschaftliche Unternehmen, die Investitionen planen, durch die ein substanzieller Beitrag zu einem Umweltziel geleistet wird, künftig zur Finanzierung auf Taxonomie-kompatible Finanzprodukte zurückgreifen können. Dazu arbeitet die EU-Kommission an einheitlichen EU-Normen und Kennzeichen für nachhaltige Finanzprodukte, zum Beispiel einem EU-Green-Bond-Standard.

Ja, viele. Neben der Spezifizierung der Kriterien für die verbleibenden vier Umweltziele sind dies auch eine Reihe von praktischen Fragen, die geklärt werden müssen, zum Beispiel:

  • Wie sollen Emissionen beim Nachhaltigkeitsziel "Klimaschutz" konkret erfasst und auf welcher Produktionsstufe berichtet werden?
  • Wie soll eine Überprüfung der unternehmerischen Angaben zur Taxonomie-Konformität erfolgen?
  • Wie sollen inländische Investoren mit fehlenden Informationen bei außereuropäischen Engagements umgehen?
  • Wie groß soll der Anwendungsbereich der Taxonomie perspektivisch werden.

In Deutschland wird darüber im Sustainable Finance-Beirat der Bundesregierung diskutiert

Vorgesehen ist unter anderem eine neu zu besetzende Sustainable Finance-Plattform, der auch realwirtschaftliche Vertreter angehören werden. Sie soll der Technical Expert Group (TEG) nachfolgen, die Weiterentwicklung der Taxonomie eng begleiten und unter anderem an der Ausarbeitung relevanter Schwellenwerte wie auch der Ausdehnung der Taxonomie auf die weiteren Umweltziele beteiligt sein.

Für das vierte Quartal 2022 plant die EU-Kommission die Vorstellung einer erneuerten Sustainable Finance-Strategie. Hierbei soll es sich um eine Weiterentwicklung des "Aktionsplans zur Finanzierung von nachhaltigem Wachstum" von 2018 handeln, dessen zentrale Bestandteile, wie u. a. die Taxonomie, bis dahin parallel weiter konkretisiert werden.

Kontakt

Portätbild Kathrin Andrae
Dr. Kathrin Andrae Referatsleiterin Öffentliche Finanzen